Im emma-theater sitzt das Publikum auf drei Seiten dicht an der schwarzen Spielfläche, auf der Schauspielerin Sascha Maria Icks Orlandos Weg durch die Zeiten erzählt. Tina Hübners weiße, historisierende Kostüme mit Rüschen, Fell und großer Perücke zitieren dabei wechselnde Epochen.
Von der Begegnung mit Elisabeth I. führt der Abend über Orlandos Liebe zur russischen Prinzessin Sasha auf der gefrorenen Themse und die diplomatische Karriere unter Charles II. bis nach Konstantinopel. Dort erwacht Orlando nach tagelangem Schlaf und einem Aufstand, bei dem seine Gemächer geplündert werden, als Frau. Die Person bleibt dieselbe, nur die gesellschaftlichen Bedingungen ändern sich. Genau diese Kontinuität der Identität trotz des Geschlechterwechsels macht Woolf mit ihrem 1928 erschienenen Roman zu einem zentralen Motiv.
Zeitreise im Popmodus
Jungk schafft daraus eine Art musikalische Comedy. Der Instrumentalist Jan-Sebastian Weichsel begleitet live, Icks wechselt zwischen Erzählung, Figurenspiel und Gesang. Musikalisch setzt der Abend auf Wiedererkennung. Lana Del Rey und Adele stehen neben weiteren Welthits wie „Kiss Me“ von Sixpence None the Richer oder Gloria Gaynors Version von „I Am What I Am“. Gerade letzteres kommentiert Orlandos Geschlechtswechsel so unmittelbar, dass die Auswahl kaum eine zweite Ebene öffnet. Die Songs werden gut aufgenommen, treiben die Handlung aber nicht weiter. Ihre Vertrautheit macht den Abend dennoch zugänglich und sorgt für Dynamik. Kein Musical im klassischen Sinn, doch die Nummernlogik ist ähnlich und lässt den Fortgang der Erzählung immer wieder pausieren.
Icks Stärke zeigt sich vor allem im Spielerischen. Sie spricht präzise und bewältigt auch Erzählpassagen mit schnellen Wechseln in Tonfall und Tempo überaus souverän. Ihr Gesang fügt sich in die Stimmung des Stücks ein, bildet aber kein unverwechselbares Profil ab. Besonders klar wird die Inszenierung, wenn Orlando nach der Rückkehr die „Lasten und Vorrechte ihres neuen Zustands“ erkennt. Besitz und Titel werden gerichtlich suspendiert, Orlando weiß zeitweise nicht, ob sie rechtlich lebendig oder tot, Herzog oder Nichts ist. Aus dem Geschlechterwechsel macht Jungk keine Lektion. Weil Feminismus und Identität nicht plakativ ausgestellt werden, bleibt dem Publikum Raum zum eigenen Weiterdenken.
Die Eiche als Konstante
In der Vorlage betreibt Woolf selbst keine lineare Geschichtsstunde. Elisabethanische Zeit, Restaurationszeit, 18. Jahrhundert und viktorianisches Zeitalter erscheinen als wechselnde Denk- und Gesellschaftsräume. In Osnabrück bleiben davon häufig vor allem Königsnamen und schnelle Übergänge. Der längere Aufenthalt Orlandos bei einer nomadischen Gemeinschaft in Anatolien, wo sie sich intensiv mit Natur, Schönheit, Herkunft und gesellschaftlichen Wertesystemen befasst, ist nahezu gestrichen. Auch die literarische Satire wird stark verkürzt.

„Orlando“ nach dem Roman von Virginia Woolf am Theater Osnabrück in der Regie von Judith Jungk. Foto: Jane Jachens
Umso wichtiger ist die Eiche. Orlando schreibt über Jahrhunderte an „Der Eichbaum“. Der Baum verbindet Natur, Schreiben und ein Selbst, das sich verändert und dennoch fortbesteht. Die Inszenierung beginnt mit diesem Motiv und kehrt am Ende zu ihm zurück. Damit erhält der Abend ein ruhiges, wiederkehrendes Bild, das die weit auseinanderliegenden Zeitsprünge zusammenbindet. Sätze über den „Geist der Zeit“ und den Wunsch, nur den Himmel über sich zu sehen, öffnen größere Fragen nach Zeitlichkeit und Anpassung, werden aber rasch weitergeschoben. Gerade hier fehlt eine Monologpassage, in der Icks ihre darstellerische Erfahrung noch stärker hätte ausspielen können.
Von 1928 nach 2026
Woolfs Roman holt Orlando am Ende bis in die eigene Gegenwart ein. Es ist der 11. Oktober 1928, zugleich der Tag, an dem das Buch in Großbritannien erschien. Die Osnabrücker Adaption übernimmt dieses Prinzip und verlängert Orlandos Reise dramaturgisch geschickt bis zum 29. August 2026, dem Abend der Premiere. Formal ist dieser Zeitsprung durchaus in Woolfs Verfahren begründet. Nur gewinnt das Stück aus der neuen Gegenwart wenig. Die gesellschaftliche Wirklichkeit, in die Woolf Orlando 1928 entlässt, hatte sich gerade auch für Frauen grundlegend verändert. Im selben Jahr wurden Frauen beim parlamentarischen Wahlrecht Männern gleichgestellt; seit 1918 besaßen bereits Frauen über 30 unter bestimmten Voraussetzungen das Wahlrecht. Was dagegen das Jahr 2026 für Orlando bedeutet, bleibt offen. Der Gegenwartsbezug ist gesetzt, aber nicht weitergedacht.
So ist „Orlando. A Musical Journey“ ein kreativer, zugänglicher Abend und eine gelungene Einladung zu Woolf. Bahnbrechend ist der musikalische Zugriff nicht. Für diese Reise durch mehr als vier Jahrhunderte fehlt der Fassung mitunter genau das, wovon Orlando so viel besitzt: Zeit.
