Abongile Fumba steht in prunkvollem Kleid vor am Opernchor.

Kein Weg zurück

Alfred Schnittke: Historia von D. Johann Fausten

Theater:Staatstheater Meiningen, Premiere:18.09.2026Vorlage:Volksbuch von 1587Regie:Eva-Maria HöckmayrMusikalische Leitung:GMD Killian FarrellKomponist(in):Alfred Schnittke

Am Staatstheater Meiningen inszeniert Eva-Maria Höckmayr Alfred Schnittkes „Historia von D. Johann Fausten“. Dabei spaltet sich die Rolle des Mephisto in zwei: Mephistophiles und Mephistophilia. 

Dass gerade in Thüringen mit „Faust“ immer etwas geht, liegt natürlich an Goethe. Nicht nur in Weimar, wo sich das Deutsche Nationaltheater in Kürze neben dem ersten Teil auch den Teil II der überbordend bildungsbürgerlichen Großdichtung des Nationalklassikers vornehmen wird. Die Meininger steuern als Spielzeiteröffnung eine so gut wie unbekannte der vielen Opernversionen des Fauststoffes bei. Diese „Historia von D. Johann Fausten“ von Alfred Schnittke (1934–1998) gehört zu den Ausgrabungen, mit denen Jens Neundorff von Enzberg den Spielplan seines Hauses noch jedes Mal anreichert. Im Falle der aktuellen Premiere kommt hinzu, dass es ein Werk der Moderne ist, das nach seiner Hamburger Uraufführung 1995 das erste Mal überhaupt neu inszeniert wird. (Auch Schnittkes Operngroteske „Das Leben mit einem Idioten“ kehrte vor kurzem in Zürich und in Magdeburg gleich in zwei Lesarten auf die Bühne zurück.)

Faust mal anders

Der deutsch-russische Komponist, der erst ab 1990 in Deutschland lebte, hat das Libretto für seine Komposition zusammen mit Jörg Morgener aus dem Volksbuch aus dem Jahre 1587 destilliert. Die Komposition hat er unter schweren gesundheitlichen Einschränkungen geschaffen und nicht mehr vollenden können. In Meiningen mussten bzw. durften sich daher der GMD Killian Farrell und Regisseurin Eva-Maria Höckmayer an einer eigenen Fassung versuchen. Neben der konkreten Szenenfolge sind es vor allem die Ergänzungen mit Passagen aus Schnittkes Konzert für Viola und Orchester.

Die werden von Anna Maria Wünsch auf der Bühne mit Viola – und im opulenten Kostüm als Helena von Troja wie selbstverständlich dazu gehörend – mit Gewinn für den emotionalen Fluss der Szenen als musizierende Protagonistin beigesteuert. Der zweite, alles andere als stumme, besondere Protagonist ist diesmal der Meininger Chor. Von Roman David Rothenaicher präzise einstudiert, von der Regie mit einer perfekt sitzenden Choreografie und von Julia Rösler mit Kostümen ausgestattet, die zunächst Mittelalter und dann Gegenwart imaginieren, füllt der Chor die zentrale Rolle, die ihm Schnittke zuweist, mit imponierender Souveränität aus.

Anna-Maria Wünsch erscheint als Projektion auf dem Bühnenvorhang in königlichem Kleid.

Anna Maria Wünsch als musizierende Protagonistin. Foto: Christina Iberl

Hölle mit zwei Köpfen

Tobias Glagau führt als Erzähler durch die Geschichte des Johann Fausten, wie sie das Volksbuch mit dem erhobenen Zeigefinger der damals herrschenden Moral erzählt. Auch da hat Faust als Theologe, Mediziner, Mathematiker und Astrologe Ansehen erworben, sich dann aber mit Lust auf Mehr von allem mit dem Teufel eingelassen. Mateusz Ługowski wirft sich mit Verve in diese Rolle des Exempels, das den Massen als abschreckendes Beispiel vor Augen geführt wird. Eines Mannes, der sich mit der Hölle einlässt, die hier gleich zweifach (man könnte meinen, im Vorgriff auf den heutigen Zeitgeist) auftritt. In Gestalt des vokal wendigen chinesischen Countertenors Meili Lis als Mephiostophiles und der Mezzopräsenz Abongile Fumba als Mephistophila.

Wie später bei Goethe wird auch hier schon der Vertrag mit Blut unterschrieben. Als Preis für die Erweiterung seines Gesichts- und Lebenskreises soll Fausten in den 24 Jahren Laufzeit des Vertrages freilich alles Menschliche (vor allem die Liebe zu einer Frau) verwehrt bleiben.  Keine Helena, kein Paradies. Und vor allem kein Zurück. Im dramatisch eskalierenden Finale erfahren wir vom Chor von einem so grauenvollen Ende, von dem man zum Glück nur hört, ohne es zu sehen.

Zwischen den Stilen

Die Musik Schnittkes ist herausfordernd, stellenweise auch spröde. Aber so wie Killian Farrell und die Hofkapelle sie erklingen lassen und mit dem Chor und den Protagonisten verschmelzen, fasziniert sie mit ihrer eigenen Sinnlichkeit des Wechsels zwischen den Stilen, dem einfühlsamen Parlandosound, den sie für den Chor ausbreitet, und auch mit dem Witz des Übergangs sozusagen vom Choral bis zum Tangoanklang.

Der Konsequenz, mit der Schnittke den Faust-Stoff auf seinen belehrend appellierenden Kern reduziert hat, folgen auch die Regisseurin mit präziser Personenführung und Michele Taborelli mit einer nüchternen, in Teilen gekachelten, mal dosiert von Videos und Dampf ergänzten Bühnenästhetik, die im Grunde wie das Labor für eine Innenschau des Menschen bei der Suche nach seiner Seele wirkt. Einhelliger herzlicher Beifall für den Wagemut des Hauses und eine rundum gelungene Inszenierung!