„Egal“ von Marius von Mayenburg am Theater Neubrandenburg/Neustrelitz. Ein Mann in Unterhemd und Boxershort hält ein Kuscheltier in der Hand und schmeidet einer Frau eine Grimasse, die vor ihm steht.

Die abgrundtiefe Erschöpfung

Marius von Mayenburg: Egal

Theater:Theater und Orchester Neubrandenburg Neustrelitz, Premiere:09.10.2026Regie:David Czesienski

Ein Paar zerrieben zwischen Anspruch und Realität: „Egal“ von Marius von Mayenburg ist ein virtuoses Kammerspiel verlorener Seelen. David Czesienski steuert diese existenzielle Verunsicherung am Theater Neubrandenburg/Neustrelitz mit absurdem Tempo.

Sind wir Avantgarde oder letzte Idioten? Vorreiter, denen niemand mehr folgt? Um diese Frage kreisen die neunzig Minuten in Marius von Mayenburgs „Egal“ am Schauspielhaus Neubrandenburg: Gibt es die machtfreie Partnerschaft, in der Einer des Anderen Last trägt, ohne ihm hinterher die Rechnung dafür zu stellen, oder Schuldgefühle zu verursachen?

Mayenburg ist ein Meister darin, derartige Fragen in immer neuen Variationen so lange kreisen zu lassen, dass sie eine unerwartete Intensität erlangen, die mitunter von Penetranz kaum zu unterscheiden ist. Darin ähneln seine Zeitgeistdiskurse denen von Yasmina Reza, die in „Kunst“ oder „Drei Mal Leben“ beliebige Urania-Themen so lange in der Geisterbahn existenzieller Verunsicherung im Kreis fahren lässt, dass plötzlich nichts mehr sicher scheint und Angst, Aggression oder Ekel in den Vordergrund drängen.

Misere zwischen Mann und Frau

Die Grundkonstellation von „Egal“: „Du warst weg, ich war hier.“ Das scheint für beide jeweils ein Zustand des Unwohlseins. Simone und Erik sind ein modernes Paar um die vierzig, das völlig gleichberechtigt in Familie und Beruf leben will. Man teilt solidarisch. Er ist ein bestens bezahlter Entwicklungsingenieur für Bremssysteme, sie eine schlecht bezahlte Übersetzerin und Teilzeit-Hausfrau. Diese Rollen wechseln im Folgenden mehrfach hin und her. An der Misere ändert das nichts. Mann oder Frau, das scheint an den wesentlichen Konflikten zwischen ihnen nichts zu ändern.

Die zerstörerischen Energien kommen woanders her. Es sind die neoliberalen Zwänge, immer schneller, effektiver, flexibler sein zu sollen. Aber Karriere machen, an die Spitze der Gewinnmaximierungsmaschine gelangen – und trotzdem als Ehemann, Ehefrau, Vater oder Mutter geliebt werden? Das – so sehen wir hier – funktioniert nicht, kann nicht funktionieren, denn mit Brecht gesprochen: „Die Verhältnisse sind nicht so.“

Alltag als Selbstentfremdung

Er/Sie kehrt von einer Dienstreise zurück, er/sie ist zu Hause geblieben. Nun wollen sie sich freuen, dass sie wieder zusammen sind, aber können es nicht. Sie leben – so absurd es klingt – in verschiedenen Welten. Er hat ein Geschenk mitgebracht, sie ahnt instinktiv, dass es vergiftet ist, weigert sich es zu öffnen. Es kann nicht Gutes bedeuten. Leon Ullrich spielt Erik als einen Egomanen, der seine guten Vorsätze von gestern krampfhaft mit viel Rhetorik zu reanimieren versucht. Die Familie als machtfreier Raum? Hat es nie gegeben. Und Susan Ihlenfeld als Simone kann ihre Kapitulation vor dem übermächtigen Alltag kaum noch länger hinauszögern. Heimkehr, die keine ist.

Aufführungsfoto von „Egal“ von Marius von Mayenburg am Theater Neubrandenburg/Neustrelitz. Ein Mann steht neben einer Frau, die links neben ihm liegt. Sie halten sich an der Hand.

Susan Ihlenfeld und Leon Ullrich als Simone und Erik in „Egal“ von Marius von Mayenburg. Foto: Peter van Heesen

Regisseur David Czesienski steigert das Tempo in seiner Inszenierung bis ins Absurde. Erik und Simone sind gefangen in einem Alltag, der ihnen längst nicht mehr gehört. Er scheint pure Selbstentfremdung. Wie im Geschäftsleben werden nun auch private Interessen verhandelt, Abschlüsse erzielt und wieder aufgekündigt. Jeder fühlt sich hier potenziell übervorteilt. Gibt es keine Nische, kein Mauseloch mehr, in dem die romantische Sehnsucht überdauert? Familienleben ist immer ungerecht, man wird für erbrachte Opfer nicht belohnt. Das aber können diese beiden Vertreter ihrer Generation nicht akzeptieren, das widerspricht ihrem gesamten Weltbild.

Sichtbare Brüche und Risse

Die Bühne von Antonia Bitter mischt elementare Grundsätzlichkeit (rote Linien am Boden und im Bühnenhintergrund) mit postmodernem Interieur. Man spielt mit Plüschtieren eine Art Basketball, auch das Publikum wird eingeladen zu werfen. Ein gelegentliches Paktieren mit dem Publikum (etwa es komplizenhaft anzusprechen) ist kritisch anzumerken.

Das stört dieses hochvirtuose Kammerspiel der verlorenen Seelen aber nur marginal, in dem Susan Ihlenfeld und Leon Ullrich in den ihnen abgeforderten Charaktermasken auf subtile Weise Brüche und Risse sichtbar machen. „Egal“ wird so zur einer Tragikkomödie von Heute, wo Anspruch und Realität nicht bloß in moralischen Fragen weiter auseinander gehen als es sich beide eingestehen wollen.

Unfähigkeit der Sprache

Die hochtourig und sprachwitzig kreisende Fabel geht – wie häufig bei Mayenburg – mit einer philosophischen Zumutung einher: Er konstatiert eine Sprache, die nicht mehr in der Lage zu sein scheint, komplexe Gefühlszustände auch nur annähernd genau auszudrücken. Bezeichnenderweise übernehmen Erik und Simone abwechselnd auch den Part des Übersetzers aus dem Niederländischen. Der Autor, den er/sie übersetzen, hat sich soeben das Leben genommen. Es wird keine neuen Bücher mehr von ihm geben. Und was heißt überhaupt übersetzen? Bloße Informationsübertragung oder aber Neuschöpfung eines Werks durch die eigene Sprache?

Eine abgrundtiefe Erschöpfung wächst in den Gesichtern beider. Das Eingeständnis, dass ihnen die Worte „wie modrige Pilze im Mund zerfallen“, wie es Hugo von Hofmannsthals im „Chandos“-Brief diagnostizierte. Wenn der Sinn von Existenz schwindet, dann verlieren sich zuletzt die Worte im Nichts und auch das Schweigen hat jede Bedeutung verloren. Egal ist das ganz und gar nicht.