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Karl und Emy

Katarzyna Kozielska: Wieso ist die Nase blau?

TanzPremiere:  (UA)   Theater: Die Theater Chemnitz
Foto: Ida Zenna 
Von Ulrike Kolter am 26.03.2022

Im Grunde könnte der Tanzabend von Katarzyna Kozielska statt „Wieso ist die Nase blau“ auch „Karl und Emy“ heißen. Das erste abendfüllende Stück der beim Stuttgarter Ballett flügge gewordenen Tänzerin und Choreografin widmet sich zwar Leben und Schaffen des expressionistischen Malers Karl Schmidt-Rottluff, die farbliche Assoziation im Titel ist also naheliegend. Dennoch steht die Beziehung des Künstlers zu seiner Ehefrau und Muse Emy Frisch klar im Zentrum der Choreografie: Die ausgedehnten Pas de Deux der beiden (technisch herausragend: Jean-Blaise Druenne und Natalia Krekou) durchziehen den Abend wie ein roter Faden und nehmen fast mehr Raum ein als das Schaffen des Malers selbst. An einem Tisch seitlich der Bühne sitzend, beobachten beide immer wieder zärtlich sich zugeneigt die Handlung. Damit huldigt die aus Polen stammende Katarzyna Kozielska zwei Persönlichkeiten der Stadt Chemnitz, die beide 1884 hier geboren wurden und sich zeitlebens gegenseitig beeinflussten: Er als Künstler der Dresdner Brücke und sie, später Fotografin in Berlin, als sein lebenslanges Modell und seine Inspiration.
 

Die Anfänge: der gefeierte Maler

Zaghaft beginnt der Abend, wenn Karl vor dem noch geschlossenen Vorhang steht, ihn langsam öffnet und sein Leben betritt, das sich in den folgenden Szenen als Zeitreise bruchstückhaft abspielt: Zunächst finden wir uns in den 30-er Jahren auf einer Vernissage wieder, vier Paare begutachten die herabhängenden, teils leeren Bilderrahmen des bereits etablierten Expressionisten Schmidt-Rottluff. In klassisch-geprägten Formationen zeigt sich ihre Begeisterung, die Damen in einfarbig bunten Anzügen und Spitzenschuhen, die Herren in einfarbigem Blaugrau (Bühne und Kostüme: Thomas Mika).

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Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten betritt das Grauen die Bühne, schwarz bekleidete Herren mit bedrohlichen Ausfallschritten und zuckenden Armbewegungen kippen die Bilder, zerren sie schließlich von der Bühne, untermalt von der düster-flirrenden Soundcollage der britischen Band Emptyset. Ausstellungsverbot und Krieg zwingen Schmidt-Rottluff in die innere Emigration, die Kozielska mit einer innigen Szene des Paares ausdrückt: Das ist mit zahlreichen Hebungen und Drehungen brillant getanzt, und doch wirkt die Schönheit und Innigkeit trügerisch in Anbetracht des Schreckens um sie herum.
 

Weggefährten und der Tod

In den folgenden Szenen treten Weggefährten des Architekturstudenten Schmidt-Rottluff auf, Freunde der Künstlergruppe Brücke oder die Kunsthistorikerin Rosa Schapire (mit bezaubernder Ausstrahlung: Soo-Mi Oh) und seine Mäzenin Hanna Bekker vom Rath (Sandra Ehrensperger). Es wird ausdrucksstark getanzt, mit viel geschwungenen Armen und weit nach hinten gebogenen Rücken. Zeitgenössische Elemente kommen hinzu, etwa als das Böse in Person des Todes auftritt – Raul Arcangelo gibt ihn gebückt trippelnd und mit irr-gruseliger Mimik, bis er einer Dame mit zartem Handstreich die Kehle durchtrennt.

So fließt der Abend dahin – und man wünscht sich nur eines: mehr Farbe! Mehr Farbe jenseits der blass-bunt beleuchteten Säulen und Pappkartons, die später den Berliner Mauerbau symbolisieren. Der Rausch, den Karl Schmidt-Rottluffs Werke entwickeln können und den man erwartet hätte bei einem Tanzabend zum Expressionismus, er fehlt ein wenig im düster-leeren Bühnenbild, das nur gelegentlich durch Pappaufsteller einzelner Bilder des Künstlers bestückt wird: ein Nackter aus dem Bild „Auf der Düne“ oder der Kopf von „Junger Mann mit Pfeife“, vor dem Jean-Blaise Druenne als Maler versunken auf seinem Stuhl sitzt. Mehr Energie, mehr Künstlertum hätte der Choreografie vermutlich gutgetan, doch bei Kozielska überwiegen Anmut und Harmonie.
 

Der Farbrausch nebenan

Dem Farbrausch kann sich das Publikum dafür im Nachbargebäude hingeben, befinden sich die städtischen Kunstsammlungen mit Schmidt-Rottluffs Bildern doch direkt neben dem Opernhaus, nur einen Steinwurf entfernt. So passt es trefflich, dass tags darauf hier eine große Ausstellung zu „Brücke und Blaue Reiter“ eröffnet wird, die den Sohn der Stadt ins verdiente Rampenlicht rückt. Da hat die Chemnitzer Ballettdirektorin Sabrina Sadowska mit ihrer Idee zum Tanzabend über Karl Schmidt-Rottluff ins Schwarze getroffen.
   
 

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