Ja: ziemlich wild das! Und doch nahe genug am Werk, dass diese Inszenierung spürbar dessen dramatische Bögen nachbildet, nur eben anders als üblicherweise. Man erlebte in Bremen einen zwar irritierenden, aber spannenden Opernabend. Am irritierendsten sind zweifellos die per Video und Zwischentext installierten Anspielungen auf den Kolonialkrieg zwischen den deutschen Truppen und den Völkern der Herero und Nama in (damals) Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) zwischen 1904 und 1908. Diese Assoziation ist schon sehr spekulativ und damit auch riskant, weil man sie bei oberflächlichem Zuschauen als Denunziation der afrikanischen Kultur als „das Böse“ missverstehen kann. Während Baumgarten natürlich auf eine noch immer virulente Spielart deutscher Perspektive auf Afrika zielt. Der so ruhm- wie ruchlose Völkermord der Deutschen an Afrikanern ist längst nicht so intensiv im kollektiven Gedächtnis aufgearbeitet wie die Nazi-Verbrechen. Er gehört zur verdrängten deutschen Kolonialgeschichte und bildet so einen heimlichen Humus für die in bestimmten Kreisen bis heute wirksame Xenophobie gegenüber Schwarzafrikanern: Die Opfer von einst werden als finstere Macht dämonisiert – als solche Dämonen erscheinen sie in Baumgartens Inszenierung.
Mit solchen Anspielungen macht es Baumgarten den Zuschauern nicht immer leicht – manchmal wünschte man sich eine stringentere Beglaubigung. Und doch hat seine Inszenierung viel von dem, was man in seinen Arbeiten früher bisweilen vermisste: eine starke Personenführung, einen ziemlich frechen Humor beispielsweise. Kein Wunder, dass die Zuschauer beim Schlussapplaus in Buh- und Bravo-Rufer gespalten waren. Dass das Musiktheater-Gesamtereignis hier erstaunlich gut trägt, ist aber auch dem Dirigenten (und Bremer GMD) Markus Poschner zu verdanken, der den Weg der Dekonstruktion musikalisch mitgeht: In fast sachlich schlankem, hochdifferenziertem Klangbild, mit Zäsuren und Generalpausen, die die Musik nicht nur gliedern, sondern fast zergliedern, macht Poschner hörbar, wie viel Zerrissenheit von Weber seiner genialen Musik eingeschrieben hat. Poschners Interpretation ist fesselnd – nicht etwa obwohl, sondern weil sie jede vordergründig romantische Stimmung und allen Halali- Schmackes verweigert.
Das Ensemble ist darstellerisch sehr motiviert, auch wenn die Stimmen eher durchschnittlich sind. Aufhorchen lässt Christoph Heinrich als Eremit von ebenso sonorer wie linienklarer Bass-Seriosität. Und ein Bühnenereignis von eigenem Rang ist der wuchtig-finstere Kaspar, den Loren Lang darstellerisch fast in die Nähe von Heath Ledgers „Joker“ rückt – nur dass die sprachliche Artikulation bei ihm eine wirkliches Manko ist. Patricia Andress als Agathe singt zwar alles richtig, aber ihrer eigentlich schön timbrierten Bronzestimme fehlt die lyrische Linie, im Zittervibrato verschwimmt der Fokus. Auch Heiko Börner als Max ist tadellos präsent, klingt aber im Forte blechern. Und Steffi Lehmann bezaubert die Zuschauer mit rampenwirksamem Soubrettencharme. Eindrucksvoll im subtilen, prägnant artikuliertem Klangbild und im szenischen Agieren: der von Daniel Mayr einstudierte Chor.
