Foto: Geschichte aus Kinderaugen. © Staatstheater Nürnberg / Ludwig Olah
Text:Florian Welle, am 21. Februar 2026
Am Staatstheater Nürnberg erlebt Ilse Aichingers bedeutender Nachkriegsroman „Die größere Hoffnung“ seine deutsche Erstaufführung. Dabei setzt Regisseurin Salome Schneebeli auf Abstraktion statt auf historisches Zeitkolorit und reüssiert.
Zwei Themen bestimmen den Spielplan, den die neue Nürnberger Schauspieldirektorin Lene Grösch und ihr Team für ihren Start am Staatstheater ersonnen haben: das menschliche Bedürfnis, zu spielen, und die Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte. Die jüngste Produktion, Ilse Aichingers im Jahr 1948 erschienener Roman „Die größere Hoffnung“, verbindet beide und ist ein Coup.
Die damals 27-jährige Wienerin legte mit ihrer autobiografisch gefärbten Geschichte über „die Kinder mit den falschen Großeltern“ als eine der ersten in der Nachkriegszeit von der Verfolgung, Deportation und Vernichtung der Juden Zeugnis ab. Kinder, die es ohne die sogenannten „Nürnberger Gesetze“ gar nicht gegeben hätte. Dazu muss man wissen: Wer vom Staatstheater aus den Frauentorgraben nur einige hundert Meter hochgeht, gelangt an jenen Ort, an dem die jüdischen Bürger und Bürgerinnen von den Nazis zu minderen Staatsbürgern erklärt wurden. Wo heute die AOK Bayern ihren Sitz hat, stand einst das Kulturvereinshaus, in dessen Räumen der nationalsozialistische Rassenwahn im September 1935 in perfides Gesetz gegossen wurde. Ein Denkmal mit Informationstafeln erinnert daran.
Zwischenrealität
Aichingers erster und einziger Roman ist in seiner Mischung aus Märchen und Historie, (Alb-)Traum und Mythos ein wagemutiges Buch. Statt klassisch eine lineare Geschichte zu erzählen, reiht es lose fiebrig vibrierende Szenen aneinander, wobei lyrische Passagen auf nüchternes Erzählen auf zugespitzte Dialoge treffen. Im Mittelpunkt: die elfjährige Ellen, Tochter einer jüdischen, bereits nach Amerika entkommenen Mutter und eines Offiziers. Das Visum zur Ausreise wird ihr verweigert, und so bleibt sie allein mit ihrer Großmutter zurück.
Voller Sehnsucht, als Mädchen „mit zwei falschen Großeltern“ zu jenen Kindern dazuzugehören, die „drei“, wenn nicht gar „vier falsche Großeltern“ haben und den Stern tragen: Bibi, Herbert, Ruth, Georg, Hanna und Kurt. Soll eine Adaption für die Bühne gelingen, muss die Regie unbedingt genauso wagemutig sein wie ihre Vorlage. Salome Schneebeli ist es in ihrer deutschen Erstaufführung für das Staatstheater Nürnberg! Vielleicht auch deshalb, weil die Schweizerin nicht vom Theater kommt, sondern Tänzerin und Choreografin ist, die es versteht, Bilder für sich sprechen zu lassen. Manche Momente der rund eineinhalbstündigen Inszenierung funktionieren gar als reine Tableaux vivants.

Alban Mondschein und Marie Dziomber geben sich gegenseitig Halt. Foto: Staatstheater Nürnberg / Ludwig Olah
Symbolhafte Farbenwelt
Zu Beginn fragt man sich durchaus, wo man da hineingeraten ist, bis man die Konsequenz der Aufführung zusehends zu schätzen beginnt. Die Bühne des Schauspielhauses ist in blaues Licht getaucht. Darauf hat Bühnenbildner Demian Wohler merkwürdige, mit gelben Stoffbahnen überzogene Metallgestelle gesetzt, die sich drehen und schieben lassen und fortan Konsulat, Kirche, Friedhof, Leichenwagen, Schlafzimmer und Keller versinnbildlichen.
Allmählich schält sich aus dem Nebel das fünfköpfige Ensemble heraus. Marion Bordat, Alban Mondschein, Amadeus Köhli und Davíd Gaviria spielen mehrere Rollen und tragen doch immerzu dieselbe wundersame Kinderkleidung: bunte Leibchen, pastellfarbene Plisseeröcke, etwas, was an Schienbeinschoner erinnert, dazu Turnschuhe. Nur Marie Dziomber, die die Hauptfigur Ellen spielt, haben die für die Kostüme verantwortlichen Una Jankov und Annina Gull einen leuchtend blauen Mantel übergezogen, den man so wirklich tragen würde.
Verfremdung und Abstraktion
Salome Schneebeli und ihr Regieteam entheben also die Geschichte jeder historisch genauen Verortung und setzen stattdessen, im Vertrauen auf die Vorstellungskraft der Zuschauer, auf maximale Abstraktion. Am deutlichsten wird das an der das Bühnenbild prägenden Signalfarbe Gelb, die einen fortwährend an das stigmatisierende Zwangskennzeichen des gelben Sterns erinnert, ohne dass dieser gezeigt werden müsste. Damit wird die Regie Aichingers poetischem Ansatz gerecht. Diesen brachte einst Walter Jens auf den Punkt, als er ihn als „Scherbengericht der Poesie“ bezeichnete, und schrieb: „Etwas Seltsames geschah: Die peinliche Vermeidung aller Realien, der Verzicht auf die vertrauten Namen, Begriffe und Vorstellungen gab den Konturen eine nicht minder grimmige Akkuratesse als der Beleg. Kein Hitler, kein SD, kein Auschwitz und kein militärisches Planspiel: und doch die ganze Wirklichkeit …“
Der Weg der Verfremdung und Abstraktion, den Schneebeli eingeschlagen hat, hat noch einen weiteren Vorteil. Er lässt vergessen, dass hier erwachsene Schauspieler Kinder spielen, was schnell daneben gehen kann. So aber lässt man sich auf ihr wildes Ringel- und Christbaumketten schwenkendes Krippenspiel ebenso ein wie auf die vielen Lieder, die sie anstimmen. Dabei besitzt die Aufführung mit Marie Dziomber als Ellen, die am Ende einer Granate zum Opfer fällt, ein Kraftzentrum, das seinesgleichen sucht. Dziomber ist ganz Kind, ebenso fantasiebegabt wie beharrlich, naiv wie tapfer. Wie heißt es einmal so schön, so grausam: „Zu spielen. Es war die einzige Möglichkeit, die ihnen blieb, die Haltung knapp vor dem Unfassbaren, die Anmut vor dem Geheimnis.“