Lebenswunsch Opernsänger
In diesem Rahmen erzählt Anthony Hüseyin, androgyn gewandet, von seinem Leben und seinen Traumata: Er hat in Istanbul klassischen Gesang studiert, ist aber kein Opernsänger geworden. Vielleicht war sein Tonumfang zu klein, vielleicht war es einfach nicht sein Milieu. Er kann tatsächlich ausgezeichnet und in erster Linie berührend singen, vor allem im Pop und türkischer (Volks-)Musik. Die drei Damen aus der Oper sind so etwas wie seine innere Stimme. Sie machen ihm immer wieder Mut, bestärken ihn bei seinem Weg weg von der Oper.
Anthony Hüseyin hat offensichtlich eine enge Bindung an seine Mutter, die er auch bemerkenswert sanft auf der Bühne darstellt. Das Publikum erfährt, das er sie gerettet hat – vor der besoffenen Mordlust des Vaters. Seine Brüder seien deswegen heute noch eine Bedrohung für ihn.
Spiralenbewegung zum Femizid
So – durch eine nicht nur angenehme Spiralenbewegung durch sein Leben – kommt Hüseyin zu seinem eigentlichen Thema, dass den zweiten Teil des knapp zweistündigen Abend dominiert, den Femizid: Der verhinderte Mord an seiner Mutter, die vielen Frauen in Deutschland, die von Angehörigen gemordet werden (am Ende des Abends wird eine Liste von 60 Namen von Opfern aus Femiziden aus dem Jahr 2025 verlesen) und die vielen weiblichen Toten auf der Opernbühne, neben Salome, Carmen und Violetta.
Die Tragik, die in diesem Stoff steckt, fängt Hüseyin durch Selbstironie meisterhaft auf. Im Gespräch mit den nicht live zugespielten Opern-Frauen im Video spielt er einen untergeordneten Status, nimmt Rat an, widerspricht fast nie. Auf Anweisung singt er sogar „Sempre Libera“ (aus „La Traviata“) mit einer hochgepitchten Stimme und die „Habanera“ (aus „Carmen“) mit neuem, sehr witzigem Text über die Verachtung der Frauen – nicht nur auf der Opernbühne.
Die Opernfiguren führen ihn nicht nur zu sich, sondern nehmen ihm die Eitelkeit. Vielleicht ist das der Kern des Abends: Aus einem Gesangsschüler wird ein 20 Jahre älterer und um viele Erfahrungen reicher Künstler, der kein Opernsänger mehr sein will. So wäre „Crime of Passion“ vor allem ein Spiel ums Erwachsenwerden: mit gemeinsamen Essen von gesalzenen Melonenkernen (sehr lecker!) von Künstler und Publikum, einem frischen Rap von RUSNAM, mit vielen Liedern aus verschiedenen Richtungen und Solo-Szenen von Hüseyin, aufgebaut wie Zwiegespräche mit der Mutter oder dem Gesangslehrer, oder wie eine Partystimmung.
Eine Initiations-Story, die von einem so tragischen Leben ausgeht und so abwechslungsreich und lebendig, so witzig und zuversichtlich – und so musikalisch – erzählt, habe ich noch nicht erlebt.
