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Gerichtsspiel

Peter Weiss: Die Ermittlung

SchauspielPremiere: Theater: Theater Augsburg
Regie: Heike Frank   Foto: Nik Schölzel/Theater Augsburg 
Von Detlev Baur am 05.10.2011

Das Augsburger Theater, im Schauspiel Opfer politisch verschuldeter Ortlosigkeit mit ungewissem Ausgang, ist nun auf das gegenüberliegende Justizgebäude als alternative Spielstätte ausgewichen. Am Tag der deutschen Einheit wurde in Heike Franks Inszenierung das fast vergessene Stück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss aufgeführt. Dieses „Oratorium in 11 Gesängen“ konzentriert die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, die 1965 zu Ende gingen; noch im selben Jahr wurde das Stück in Ost- wie Westdeutschland an diversen Theatern parallel uraufgeführt. In der Augsburger Neuinszenierung wird die Zeit der Prozesse und des Dramas Teil der Aufführung. In kurzen Zwischenfilmen gibt es dokumentarische Informationen zu dem Prozess oder in diesem Zusammenhang tragikomische Persil-Zeichentrick-Werbung aus der Zeit mit dem Tipp, wie man zu einer „weißen Weste“ kommt. Kurz wird auch eine Brücke ins Heute geschlagen, wenn Schüler (in und nach der Pause) per Filmeinspielung von ihrem Aufenthalt im ehemaligen Konzentrationslager berichten.

Ansonsten spielen die acht Schauspielerinnen und Schauspieler die Sprechrollen des Stückes im Ton einer Gerichtsverhandlung in einem gegenwärtigen Gerichtssaal nach, wechseln die Rollen und damit auch die Seiten zwischen Gericht, Anklage, Verteidigung und Zeugenstand und filmen sich dabei gegenseitig. Solch ein Format mit alternativem Schauplatz und dokumentarischen Texten wird heutzutage eher mit Laien inszeniert; die Schauspieler haben wenig Möglichkeiten zu glänzen. Zwar wird die Stilisierung des Textes (schon durch den Aufführungsort) verwischt, und die Mischung der ästhetischen Mittel bleibt etwas unklar; so wirkt ein einmaliger Ausbruch in Richtung skurriler Horror-Gerichtshow mit einem Flirt zwischen Richter und Angeklagtem so deplatziert wie isoliert. Dennoch schafft es die Inszenierung sowohl das Grauen des Vernichtungslagers als auch den moralischen Selbst-Betrug der Angeklagten (die auch noch Jahre nach dem grausamen Massenmord behaupteten, nur ihren Pflichten nachgekommen zu sein) dem Publikum nahe zu bringen.

Die Darsteller werden zu Transporteuren erschütternder Einsichten. So sehr die Inszenierung vermeidet, Stellung zu beziehen, lassen sich an den abscheulichen Geschehnissen in Auschwitz – die Vergasungsanlage erscheint da schon fast als Gnadenakt der weniger grausamen Art der Vernichtung – menschliche Abgründe an seelischer Verwahrlosung und moralischer Bequemlichkeit zeigen. Damit entsteht zugleich eine Ahnung davon, wie auch heute noch in Norwegen, Irak oder Syrien Menschen hemmungslos quälen können. Insofern ist diese „Ermittlung“ ein großer Theaterabend.

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