Foto: Christoph Jöde beim Tanzen. © Eike Walkenhorst
Text:Dagmar Ellen Fischer, am 8. November 2026
Kriegsgefahr, Wehrdienstverweigerung, Friedensgedanken – Meldungen zu diesen Themen sind in den Medien allgegenwärtig. Ein guter Zeitpunkt, zu schauen, wie der kritische Geist von Georges Perec vor 60 Jahren dazu Stellung nahm. Regisseurin Anita Vulesica verwandelt am Deutschen Schauspielhaus zum zweiten Mal eine epische Textvorlage des französischen Autors in spektakuläres Theater.
Ursprünglich fragte Georges Perec in seiner 80-seitigen Erzählung: „Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Kasernenhof?“ Es gehört dem Unteroffizier Henri Pollak, der damit täglich den Weg vom heimatlichen Pariser Stadtviertel zum Militärstandort zurücklegt. Abends fährt er damit zum Bistro, wo drei Freunde warten, seine „Spezis“ (Moritz Grove, Henni Jörissen, Matti Krause). Eines Tages ist jener Henri Pollak (weiblich besetzt mit Katrija Lehmann) plötzlich gefordert. Er soll einem Kameraden – Kara … wie heißt er eigentlich? Egal, Karadings – dabei helfen, nicht an die Front zu müssen. Denn Kara-thustra (der Running-Gag mit Namensvarianten durchzieht den gesamten Abend) soll in den Krieg gegen Algerien ziehen, um dort die Unabhängigkeit des nordafrikanischen Staats von der Kolonialmacht Frankreich zu verhindern.
Wie funktioniert Kriegsdienstverweigerung? Henri bespricht verschiedene Optionen mit seinen diskutierfreudigen Spezis: einen Arm brechen, über ein Bein fahren, Wahnsinn vortäuschen, Suizid inszenieren. Sämtliche Ideen werden verworfen, und am Ende verschwindet der einsame Kara-sutra im grellen Licht der Ladeluke eines Militärtransporters. Sofort drängt sich das Bild aus Miloš Formans Film „Hair“ auf, wenn Treat Williams vom Schlund eines Flugzeugs verschluckt wird.
Stagnation trotz Handlungsbedarf
Mehrmals unterbricht ohrenbetäubender Flugzeuglärm bedrohlich die Szenerie. Dann stagnieren die ohnehin handlungsarmen Vorgänge vollends. Und genau das ist die Stärke von Anita Vulesicas Inszenierung. Denn die Untätigkeit der philosophierenden, weintrinkenden Bohemien-Crew ob des drängenden Handlungsbedarfs sorgt für ungeduldige Spannung im Publikum. Bei Perec ist die Botschaft klar: Pazifismus ist eine Haltung, die respektiert gehört. Weder Kriegsdienstverweigerer noch deren Helfer sollten verfolgt oder bestraft werden. Die Realität im Frankreich der 1960er Jahre sah anders aus. Soldaten sind Kanonenfutter, deren Namen sich niemand merken muss.
Wie der Autor sprachlich, so nimmt auch Anita Vulesica den thematischen Ernst immer wieder auf die leichte darstellerische Schulter. Überdreht und hektisch agieren Henri und seine Freunde – und bewirken letztlich nichts. Mitunter lassen sie durchblicken, dass ihnen in der Begründung von Karaplasma die gesellschaftspolitische Dimension fehle: Er möchte einfach nur friedlich mit seiner Freundin zuhause bleiben – „Weil der Frieden Zucker ist!“ Das macht Christoph Jöde in einem Freuden- und Verzweiflungstanz sehr bewegend klar.
Blaskapelle sorgt für Wums
Die Bühne von Henrike Engel simuliert eine Pariser Straßenecke vor 60 Jahren, samt einem Laden mit Büchern, Fleischwaren und Prothesen in der Auslage – so unentschlossen wie die Bistro-Besucher daneben.

Katrija Lehmann, Matti Krause und Moritz Grove mit der Blaskapelle. Foto: Eike Walkenhorst
Großartig auch die Funktion der für diese Uraufführung zusammengestellten, fünfköpfigen Blaskapelle. In Fantasie-Uniformen – mit Georges Perecs Initialen auf dem Rücken – intonieren sie typische Militärmusik, die bald in Revue- und Zirkusnummern abdreht und dem Drill den Marsch bläst (Camill Jammal). Perecs spielerischen Umgang mit Sprache setzt Vulesica dreidimensional geradezu spielwütig um. Auf diese Weise erwischen uns die in den Medien ohnehin allgegenwärtigen Themen um Krieg und dessen Vermeidung auf einer sinnlichen Ebene.