Foto: „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ am Deutschen Theater Berlin. © Thomas Aurin
Text:Gunnar Decker, am 26. September 2026
Warum gewährte Franz Josef Strauß 1983 der DDR einen Milliardenkredit? „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ von Jakob Hein gibt darauf eine fabulöse Antwort. Die Uraufführung am Deutschen Theater Berlin in der Regie von Wilke Weermann unterhält mit hochtouriger Comedy, aber ohne Hintersinn.
Die Ankündigung lässt höhere Ambitionen vermuten. Weltfrieden? Aber der Titel führt in die Irre, es sei denn, ein gemeinsamer Drogenrausch wäre schon die avisierte Form des Friedens. Doch der Rausch endet und der Abend muss Farbe bekennen.
Die einhundert Minuten in den Kammerspielen des Deutschen Theaters vorherrschende Farbe ist Grau-grün. Aktenschränke, die die ganze Bühnenbreite ausfüllen, verströmen den Charme diskreter Orwellscher Welten. Bühnenbildner Alexander Naumann hat nicht nur diese Aktenschränke entworfen, auch die dazu passenden Bürokraten eingekleidet samt festsitzender Plastikhaube als Frisurersatz auf dem Kopf.
Mission: Staatsbankrott abwenden
Das wird zur Szenerie in der Staatlichen Plankommission der DDR, der jahrzehntelang Gerhard Schürer vorstand. Ein trauriger Mann auf verlorenem Posten, denn dort bilanzierte man vor allem den Mangel. Die „Plankennziffern“ waren allesamt Schall und Rauch – der Wirtschaft blieb bloß das Improvisieren, was auch bedeutete, D-Mark zu besorgen, egal wie, um auf dem Weltmarkt Handel treiben zu können. In den sechziger Jahren hatte es unter Walter Ulbricht ernsthafte Versuche gegeben, die Bürokratie abzubauen, mehr Marktwirtschaft zuzulassen. In den siebziger Jahren unter Erich Honecker kehrte diese jedoch mit Macht zurück – das imaginäre Reich der Staatlichen Plankommission wurde immer mehr zum Paralleluniversum und jeder, der es betrat, wusste dies. Es fehlte an allem, nur Plankennziffern gab es immer mehr. Nun versuchten geheimdienstliche Devisenbeschaffer wie Alexander Schalck-Golodkowski den Staatsbankrott abzuwenden. Ein Blick in den Abgrund.
Das also ist die Zeit-Konstellation von 1983, in die der Absolvent Grischa Tannenberg gerät, als er das Haus der Staatlichen Plankommission betritt, wo er in der Afghanistan-Abteilung arbeiten soll. Aber dort passiert nichts. Die von einer kommunistischen Regierung unter Babrak Karmal beherrschte Demokratische Republik Afghanistan gilt zwar als „Bruderland“ der DDR, hat aber nichts zu liefern – außer Schlafmohn und Cannabis. Da sei kein Geschäft zu machen, er müsse sich eben im „kunstvollen Warten“ üben, sagt sein Chef. Was bedeute, bereit zu sein für den Moment, wo doch einmal etwas geschieht. Bis dahin bliebe als Ort des täglichen Geschehens nur die Kantine. Aber Grischa will unbedingt handeln und hat die Idee, afghanischen „Medizinalhanf“ einzuführen – was die skrupellosen Devisenbeschaffer darauf bringt, den Westen mit Drogen zu fluten.
Aktenschränke hüben wie drüben
Szenenwechsel nach Bonn ins Ministerium für innerdeutsche Angelegenheiten: In gleicher grauer Aktenschrankkulisse mit den gleichen mausgrauen Bürokraten – nur tragen die Herren jetzt grüne statt rote Schlipse. Dort gerät man angesichts der Drogen-Aktion kurzzeitig in Panik. Dann einigen sich Ost und West darauf, der DDR eine Milliarde D-Mark zu zahlen, wenn sie ihren Drogen-Handel einstellt. Um den Schein zu wahren, übergibt Franz Josef Strauß, dieser bekennende Antikommunist aus Bayern, der als Verteidigungsminister unter Adenauer sogar Plänen des atomaren Erstschlags anhing, Erich Honecker einen Scheck über eine Milliarde D-Mark. Diese bewahrt die DDR vorerst vorm Bankrott. Warum tat er das?, fragten sich viele erstaunt. Dieser Abend will eine Antwortmöglichkeit vorschlagen, allerdings keine sehr wahrscheinliche, was die künstlerische Herausforderung nicht geringer macht.

Uraufführung: „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ am Deutschen Theater Berlin. Foto: Thomas Aurin
In dem Roman von Jakob Hein, der dieser Inszenierung zugrunde liegt, vermischen sich reale Geschichte und Fiktion. Das nennt man dann „Geschichte im Konjunktiv“. Was hätte geschehen können, wenn… Eine Steilvorlage für Regisseur Wilke Weermann und ein durchaus spielfreudiges Ensemble um Jonas Hien, Frieder Langenberger, Katrija Lehmann, Alexej Lochmann, Bernd Moss, Natali Seelig und Daria Loewenich? Ja und nein.
Comedy ohne Kontrapunkt
Denn das Absurde hat immer Untiefen, die aus dem Zusammenprall von Mensch und Apparat in einer bestimmten Zeitsituation resultieren. Diese Untiefen hätten das Spiel prägen müssen. Stattdessen sehen wir hochtourige Comedy, gut gespielt und auf Pointen setzend, jederzeit unterhaltsam und vom überwiegend jugendlichen Publikum begeistert aufgenommen.
Dennoch, etwas fehlt, was eine starke Komödie von bloßer Comedy unterscheidet: jene Widerhaken, durch die einem das Lachen im Halse stecken bleibt, etwas Unerwartetes, das sich im Laufe des Abends erst zeigt. Doch hier scheint von Anfang an alles vorprogrammiert: Die Bürokratie im Osten ist genauso borniert wie die im Westen, der erfindungsreiche Einzelne steht überall auf verlorenem Posten. Das ahnten wir bereits. Und so läuft dieser Abend dann doch leer, erweist sich als zu leichtgewichtig, um tiefere Eindrücke beim Zuschauen zu hinterlassen. Der Nachweis, dass auch eine Komödie einen anspruchsvollen historischen Stoff zu bewältigen vermag, blieb aus.