Da steht dann Richard Wagner kakaoschlürfend zusammen mit Frau und Stieftochter und macht Konversation; wenn er beklagt, dass ihm vor lauter Glück kein Ton mehr einfalle, umringen ihn die Maskenfiguren des Beginns und murmeln „walle, walle, weiawalle“. Steinbach stellt immer wieder Familien-Idyll-Tableaus, in die dann etwa einer der Maskierten tritt, die Maske abnimmt und Nietzsche ist, der den Meister und seine Musik liebt, aber auch Cosima, vor allem aber doziert. Hübsches Detail, wenn Cosima und Nietzsche sich nicht einig werden, ob es ein Handkuss oder ein Händedruck werden soll. Aber solche ironischen Schlenker sind sehr selten in dieser Inszenierung, die Leben und Werk des Komponisten ziemlich weihevoll präsentieren, so wie dieser Richard Wagner, stets im Frack, immer im hohen Theaterton spricht, als würde er leben und zugleich wissen, dass er eine (bedeutende) Rolle spielt. Chris Pichlers Cosima ist ähnlich weihe- und würdevoll, als müsse sie jeden Augenblick mit immenser Bedeutung aufladen. Und schnell wird klar, dass sie die Unterwerfung kultiviert, aber mit Merksätzen die Beziehung steuert.
Böse Blicke schießt sie, als die Journalistin Judith (Anja Lenßen) in ihr und Wagners Leben tritt, angeblich nur dessen Musik verehrend, aber einem Flirt doch sehr nahekommend. Wenn Wagner den Krieg bejubelt (und gegen Franzosen und Juden wettert), macht ein Donnerblech wie aus alten Theaterzeiten die Stimmung dazu. Und unterm Weihnachtsbaum spielt er Kasperle für die Kinder, redet aber nur über sich und die Gründung in Bayreuth. So reiht sich Szene an Szenchen, mal aus dem Künstler-, mal aus dem Privatleben, Sohn Siegfried läuft zu Hause im silbernen Harnisch und Flügelhelm umher, Franz Liszt (mit Mini-Klavier) und Hans von Bülow (als nervöser Raucher) haben ihre Auftritte, es gibt Probenszenen in Bayreuth (aber nur Textproben, immer wenn es an die Musik gehen müsste, kommt etwas dazwischen). Das ist ein Bilderbogen, der aber so recht keinen roten Faden findet und ohne Tiefe bleibt, es wird viel geredet auf den Treppenstufen, auf denen häufig hin- und hergelaufen wird, aber wenig dichte Szenen entstehen. Szenen einer Ehe werden aus diesen „Bildern einer Ehe“ nie. Die interessanteste Figur der knapp dreistündigen Inszenierung ist die dazu erfundene zweite Cosima, wie Ulrike Barthruff sie spielt. Sie beobachtet, leidet mit, mal kommentiert sie, mal spricht sie Sätze der „echten“ Cosima zu Ende, einmal stehen sie nebeneinander an der schon ausgesuchten Gruft. Sie kann nichts mehr ändern an dem Leben, das da nochmal vor ihr abläuft, das erwünschte, geplante gemeinsame Sterben erfüllt sich nicht, aber „ihn zu überleben, war eine Katastrophe“. Am Ende aber, dann doch noch zu Wagner-Musik, steht sie hoch oben auf den Stufen im Licht – eine Siegerin?
