Das Ensemble steht aneinander gedrängt in der Mitte der Bühne und leuchtet mit Taschenlampen nach vorn.

Verästelungen der Gesellschaft

Elise Wilk: glückliche menschen

Theater:Theater Altenburg Gera, Premiere:28.02.2026Regie:Charlotte Sofia Garraway

Charlotte Sofia Garraway inszeniert am Theater Altenburg Gera „glückliche menschen“. Das Auftragswerk von Elise Wilk konfrontiert sein Publikum mit unterschiedlichen Lebensrealitäten in einer immer weiter auseinanderklaffenden Gesellschaft.

Gaze bedeckt die dunkle Bühne. Darunter ist eine Landschaft zu erahnen. Ein Haus, ein Springbrunnen, eine Bank. Waldprojektionen erscheinen darauf nur kurz, flackernd. Von hinten schauen fünf Personen durchs halbtransparente Gewebe, scheinen mit Taschenlampen etwas zu suchen. Gespenstisch wie der Film „Blair Witch Project“ beginnt das Stück „glückliche menschen“, das die Fahndung nach einem Mörder suggeriert, sich aber als lose Charakterstudie entpuppt.

Großes Charakterpanorama

Für das Theater Altenburg Gera hat die Autorin Elise Wilk das Auftragswerk geschrieben, das auf der Geraer Bühne uraufgeführt wurde. Sie transportiert ihre Handlung irgendwo in einen Wald, zwei Stunden von Bukarest entfernt. Hier liegt eine Gemeinde, wo arme Menschen leben und hausen, von allen nur „die Siedlung“ genannt. Ein Forstmitarbeiter findet dort eine Leiche, die Polizei ermittelt, der Gerichtsmediziner stellt Mord als Todesursache fest.

Dann erfolgt eine Rückblende, die von einem bettelnden 14-Jährigen erzählt und seiner Mutter, die sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu einem gewalttätigen Partner befindet. Eine bekannte Schriftstellerin scheitert daran, ihr zu helfen. Ihre jüngere Geliebte mischt sich ein, bleibt bis zur Selbstaufgabe dran. Irgendwie hängt das alles mit dem Mord zusammen. Oder auch nicht. Dann sind da noch der Bürgermeister, die Schneiderin, die Reporterin, der Snob und der Förster, die alle ihre Herkünfte und Geschichten offenlegen. Die Polizistin und der Gerichtsmediziner kommen auch mit ihren persönlichen Perspektiven zu Wort.

Ein großes Panorama hat Wilk aufgespannt. Es ist zu groß. Man kann nicht allen Verstrickungen und Verästelungen folgen. Regisseurin Charlotte Sofia Garraway entschied sich gegen Kürzungen, was im Mittelteil mit einer zu plakativen Kritik an Wohlstandschauvinismus („Arm ist das neue reich“) zu argen Längen führt. Die 110 Minuten hätten eine Verdichtung gut vertragen, denn insgesamt schafft Garraway einen sehr atmosphärischen Abend.

Beschädigtes Leben

Das liegt zum einen am gespenstischen Bühnenbild und den vielen unheimlichen, kurzzeitigen Projektionen (Bühne und Kostüme: Mayan Tuulia Frank). Durch den Wald laufende Wesen sind zu sehen, zuckendes Licht. Irgendetwas stimmt hier nicht, das drängt sich immer wieder auf. Alle auftretenden Charaktere haben eine Beschädigung, das wird im Spiel klar. Sie tragen merkwürdig klobige Hosen aus Gummi oder Neopren, die teilweise zu einer hölzernen Gehweise führen.

Die fünf Spielenden (Marie-Luis Kießling, Ines Buchmann, Manuel Struffolino, Antonia Marie Waßmund, Josa Leonard Butschkau) wechseln mit wenigen Kostümteilen die Rollen – und spielen, so viel es der Text zulässt. In die Monologe eines Einzelnen fallen die anderen immer wieder kommentierend oder als ergänzende Stimmen aus dem Hintergrund ein. Der Bürgermeister wendet sich wie in einer Politikeransprache händeschüttelnd ans Publikum, die Reporterin befragt Zuschauende.

Manuel Struffolino sitzt als Gerichtsmediziner verloren im Wald und schaut zu Boden.

Manuel Struffolino weiß als Gerichtsmediziner nicht weiter. Foto: Ronny Ristok

Das Ensemble agiert gut im Zusammenspiel, das teilweise Züge vom Bewegungschor hat. Spricht einer, schleichen die anderen mit Schleiern über die Bühne oder schauen von hinten durch den Vorhang. Den sie allmählich wegziehen und etwa eine Wippe und einen Baum freilegen. Wie Schicht um Schicht Persönliches zu Wort kommt, sich die Geschichte als Geschichtetes fügt.

Kein Happy End

Weil sich alles auf einer Bühne abspielt, man für Szenenwechsel einfach nach links oder rechts wechselt – die Bank wird mal zur Schriftstellerwohnung, mal signalisiert sie Bukarester Stadtraum –, ergeben sich schnelle Schnitte. Das schafft Abwechslung, hält lange Strecken die Spannung, während man versucht, das Gespenstische zu durchblicken. Doch dahinter liegt nichts, es ist der rumänische Alltag, der hier unterbreitet wird. Und dem sich auch der deutsche spiegelt, wenn es um elendes Leben und das Sehnen nach einem vermeintlich besseren Gestern geht.

Man ahnt es: Ein glückliches Ende fehlt; es gibt hier keine „glücklichen Menschen“. Darum geht es auch nicht, ebenfalls nicht um die auftretenden Figuren. Die bleiben wie in der echten Welt austauschbar, wie wenn man die Persönlichkeit einer Zufallsbekanntschaft streift, mit der man kurz ins Gespräch kommt. Man erhält kurze Einblicke in ein – mutmaßlich – beschädigtes Leben, weil wir alle Beschädigte der Verhältnisse sind. Das jedenfalls ist die gespenstische Ahnung des Geraer Abends.