Foto: Pauline Hobratschk (Nina Petersen) und Gerrit Frers (Fritz Hartmann). © Stephan Walzl
Text:Jens Fischer, am 7. Juni 2026
Oldenburgisches Staatstheater – Ebru Tartıcı Borchers inszeniert „Der blinde Passagier“ von Maria Lazar. Das Stück konfrontiert sein Publikum mit der Debatte um Willkommens- und Abschottungskultur und begeistert mit vielschichtig angelegten Figuren.
„Leider aktuell“ prangt als Label auf Maria Lazars Geflüchteten-Drama „Der blinde Passagier“. Zu einem Spielplanhit aber wird es dank der Werkgeschichte und weil die Autorin in einer Laborsituation geradezu Prototypen für den Umgang mit dem Thema Migration geschaffen hat. Die wichtigste Frage, wie viel man bereit ist, für Menschlichkeit zu opfern, wird präzise gestellt und aus den höchst diversen Antwortmöglichkeiten eine flott dialogisierte Auseinandersetzung arrangiert. Als hilfreich erweist sich da Ebru Tartıcı Borchers’ Premiere am Staatstheater Oldenburg, da sie keine Position von vornherein als richtig oder falsch, sondern jede möglichst ambivalent präsentiert.
Die Reise eines Stücks
Maria Lazar, österreichische Schriftstellerin aus jüdischem Elternhaus, musste 1933 vor den Nationalsozialisten ins Exil nach Dänemark flüchten. 1938 folgte die Übersiedlung nach Schweden, wo sie sich 1948 schwer erkrankt das Leben nahm. Erst 2022 übergab die Enkelin den bisher unveröffentlichten Nachlass an die Österreichische Exilbibliothek, unter anderem auch das 1938/39 geschriebene Stück „Der blinde Passagier“. Obwohl konkrete Zeit- und Ortsangaben fehlen, spielt es ziemlich offensichtlich kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auf einem kleinen dänischen Handelsschiff, das in Deutschland vor Anker liegt. Carl Petersen, der Sohn des Kapitäns, fischt einen Ertrinkenden aus dem Wasser. Er war auf der Flucht vor den Schergen des Regimes ins Hafenbecken gesprungen. Was er verbrochen habe? „Ich ließ mich in die Welt setzen. Von jüdischen Eltern.“ Mit so erschütternd einfachen Formulierungen bringt Lazar die Folgen des NS-Wahns auf den Punkt.
Carl versteckt den Flüchtling an Bord: Fritz Hartmann, ein Arzt aus Wien. Um die düster ausweglose Atmosphäre zu verdeutlichen, in der die Besatzung mit dem „Ausländer“ umgeht, betonten nach der Uraufführung 2025 in Düsseldorf auch weitere Inszenierungen die räumliche Enge an Bord. Sie verleiht der zum Zerreißen angespannten Situation noch mehr Eskalationsdruck. In Oldenburg gestaltet Sam Beklik nun eine schick-moderne, offene und hell ausgeleuchtete Wohnlandschaft mit Fenstern im Bullaugen-Design. Ab und an ertönt Gefahr ankündigende Musik, meist aber müssen die Schauspieler für die Verdichtung des Unfriedens sorgen. Was von Beginn an gelingt.

Paulina Hobratschk (Nina Petersen), Gerrit Frers (Fritz Hartmann) und Darios Vaysi (Jörgen). Foto: Stephan Walzl
Eine Frage der Moral
Kapitänstochter Nina und Freund Jörgen kommen mit angetrunkener Lebenslust vom Landgang aufs Schiff, stellen Tanzmusik im Radio an, während Leseratte Carl dort lieber etwas über die Weltlage erfahren möchte, während der Vater nicht erst bei Nazi-Gebrüll, schon bei Marschmusik abschalten lässt. Sofort beginnt das sehr gut angeleitete Ensemble, die Haltungen der Figuren zu sezieren. Soll Hartmann den Häschern am Kai übergeben oder ins Nachbarland mitgenommen und so vielleicht gerettet werden? Der Kapitän meint, man könne sich als Individuum nicht um alle Probleme der Welt kümmern. Er schwankt zwischen Gesetzestreue, den blinden Passagier zu melden, und Seemannsehre, niemanden dem möglichen Tod zu übergeben. Die Mutter fühlt sich völlig ausgelastet, ihre Friede-Freude-Eierkuchen-Familie zu bedienen. Sie möchte daher alles ausblenden, was mit Krieg, Verfolgung, Vertreibung etc. zu tun hat.
Dass Moral mehr als ein Sahnehäubchen fürs Privatleben sei und sich öffentlich gegen alle Gewalt zu behaupten habe, betont Carl. Es müsse uns etwas angehen, wenn jemand nicht in seiner Heimat leben könne und migrieren müsse, sagt er und klagt die Wegduckerei vor der Verantwortung als Komplizenschaft mit der Amoral an.
Figuren mit Tiefgang
Florian Heise zeigt Carl klugerweise nicht nur als hochanständigen Helden, sondern mit pathetischem Überdruck auch als Fanatiker, also die Gefahr des moralischen Rigorismus. Nina ist eine gut-sein-wollende Frau, die Mitleidszuneigung für den Schutzlosen mit Liebe verwechselt und Hartmann umgarnt. Paulina Hobratschk geht aber über die eher naiv angelegte Rolle hinaus, erarbeitet ihr euphorisch einen richtigen Emanzipationsschub, als sie Flüchtlingshilfe als Gebot der Stunde erkennt, praktiziert und sich von Jörgen trennt, den sie „Mörder“ nennt, weil er Hartmann ausliefern will. Plausibel.
Lebensnah, dass Jörgen nun seine Angst, Nina zu verlieren, zu dröhnender Eifersucht aufbauscht und als Motivation nimmt, sich auch politische Ressentiments anzueignen. Bald beschimpft er Hartmann als „Judenbengel“. Was aber eher als Verzweiflungs- denn als ideologischer Überzeugungsakt wirkt. Herausragend agiert Gerrit Frers. Als hustendes Elend führt er Hartmann ein und lotet in freundlicher Zurückhaltung seine existenzielle Not aus bis hin zur Erkenntnis: „Es gibt Menschen, von denen verlangt man, dass sie nirgends sind. Und wenn sie trotzdem noch wo bleiben wollen, dann sind sie unbequem.“ Um seine Retter zu schützen, zieht er die suizidale Konsequenz.
Psychorealistisch akkurat gelingt Ebru Tartıcı Borchers ein spannender Moral-Krimi. Eng an der Vorlage entlang setzt die Regisseurin auf eine Gegenüberstellung der Argumente für totale Willkommens- bis hin zur totalen Abschottungskultur. Für und gegen bodenlose menschliche Gemeinheit, wie Hartmann formuliert, und sich selbst gefährdende Zivilcourage. So entsteht eine eindringliche Anleitung zur ehrlichen Selbstvergewisserung des Publikums. Der Premierenapplaus drückte große Begeisterung aus.