Das Fundament dafür legte nicht zuletzt auch der Bühnenbildner Bodo Demelius. Er nämlich baute die Bühne so, dass das große Orchester auf der Hinterbühne statt im Orchestergraben platziert werden kann. Von dort, in breit auseinander gezogener Sitzordnung hinter dem mit Gaze umspannten Spielraum, erreicht der Sound die Zuschauer in wohltuend transparenter Direktheit. Delamboye nutzt dieses Klangpotential nicht etwa für reißerische Effekte, sondern für eine geschliffen zugespitzte, fein ausbalancierte Komplexität, in die sich der von Aki Schmidt hervorragend einstudierte Chor ausgezeichnet einfügt. Die Sänger erfüllen die Anforderungen der erwähnten Partien mit großer Präsenz und Kultiviertheit, wobei es neben Andrew Findens klar artikuliertem und konturiertem J. Robert Oppenheimer insbesondere die Kitty Oppenheimer von Danielle Rohr war, die bei der Premiere aufhorchen ließ. Ihr heller, einfühlsam geführter Mezzosopran bringt für diese stilistisch sehr facettenreiche Partie genau die richtige Mischung aus lyrischer Leuchtkraft und Chanson-Leichtigkeit mit.
Für solche Sänger und Musiker stellt dieses Werk durchaus dankbare Aufgaben. Den Regisseuren aber hat es Peter Sellars nicht leicht gemacht. Der Charakter des Librettos als Material-Collage bringt es mit sich, dass die Gesangspartien zu keinem tragfähigen dramaturgischen Zusammenspiel finden. Sie bilden eher eine Abfolge oratorischer Monologe und Reflexionen. Und bis heute irritierend bleibt für mich Sellars’ seltsam beliebiger Ästhetizismus, mit dem er – unter Rückgriff auf Verse der indischen Bhagavad Gita sowie auf Gedichte der frühen US-amerikanischen Feministin Muriel Rukeyser, des von Robert Oppenheimer verehrten französischen Lyrikers Charles Baudelaire und des englischen Kleriker-Dichters John Donne – den Schrecken der Atomwaffe mit einer poetischen Aura umgibt. Während so lyrische Abschweifungen, mythologische Anspielungen und die professionellen sowie privaten Seelennöte insbesondere des Ehepaares Oppenheimer viel Raum bekommen, bleiben die Stimmen der japanischen Opfer erstaunlich leise. Erst im finalen Soundtrack, in einer japanischen Frauenstimme, die um Wasser fleht, melden auch sie sich zu Wort.
Es ist Markus Dietze hoch anzurechnen, dass er da die Gewichte ein wenig verschiebt, indem er durch Chöre in Kimonos (Kostüme: Bernhard Hülfenhaus) und durch Videoprojektionen (Georg Lendorff) auch die Welt der Opfer auf die Bühne holt. Dabei zieht er in der Bewegungschoreographie erkennbare Parallelen zu den US-amerikanischen Zivilisten, die anfangs und dann immer wieder erscheinen. Das ist sinnvoll, denn bei einer Waffe von derart gewaltiger und damit undifferenzierter Zerstörungskraft sind es vor allem die vielen „normalen“ Menschen, ist es die nicht direkt am Krieg beteiligte Zivilbevölkerung, die die Militärs und Wissenschaftler zum Opfer ihrer Wunderwaffe machen. Diese Männer der vaterländischen Tat, die Hauptfiguren, identifiziert Dietze durch klare Kennzeichen (Oppenheimers Hut, Groves’ Uniform) und Profile. In dem immer wieder von Videos überblendeten Gaze-Viereck mit einem winklig ansteigenden Steg, der auf einen Beobachtungs-Platz für den Trinity-Test führt, entfaltet der Regisseur bildstarke, oft tänzerisch bewegte Tableaus (Choreographie: Catharina Lühr). Eine stärker zugespitzte Haltung gegenüber den verhandelten Themen allerdings versagt er sich und den Zuschauern. Und gelegentlich (etwa mit der Parade der Bhagavad Gita-Figuren oder wenn die Gottheit Vishnu den Atomblitz tanzt) erliegt die Inszenierung der hier allgegenwärtigen Verführung zur kunstgewerblichen Illustration. Insgesamt aber entfalten die szenischen Bilder einen geschmackvoll werkdienlichen Schauwert. Und das ist nicht wenig bei diesem Werk.
So sahen es wohl auch die Zuschauer, die diese große Leistung eines kleinen Hauses begeistert bejubelten.
