Ihnen wird alles, auch die Begegnung mit Mimi und Musette, selbst der Auftritt des Vermieters Benoit, zum Gegenstand ihrer infantilen Inszenierungen. Mit der dramaturgisch radikalen Folge, dass alle diese Figuren ihre Präsenz auf der Bühne weitgehend einbüßen. Diese Künstler brauchen für ihre Kunst keine wirklichen Menschen – und so singen Mimi und Musette große Teile ihrer Partien aus dem Off (genauer: hinter Gazeschleiern, aus den Beleuchtungslogen am Proszenium), und Colline mimt den Benoit als Knallchargen-Slapstick. Doch so viel hier auch los ist – diese ganze Action wird immer trostloser, belangloser, langweiliger. Dieser Kunst fehlt die Lebenswahrheit – darauf hatte von Peter bereits ganz zu Anfang aufmerksam gemacht, als die Mimi-Sängerin Nadine Lehner wie eine stille Anklage auf der leeren Bühne gestanden hatte und verschwunden war, als die Vier so richtig loslegten. Nur einen werden sie nicht los: den Spielzeugverkäufer Parpignol, den Zoltan Stefko als alten, heruntergekommenen, glatzköpfigen Transvestiten im Tütü gibt: Abbild ihrer eigenen Zukunft, ein Memento Mori auf zwei Beinen für die Künstler, die stets erschrocken innehalten, wenn sein Greisenkichern erklingt.
Sie machen das im Übrigen klasse. Selten hat man auf einer Opernbühne so vitale, genau profilierte, energiegeladene Sängerdarsteller erlebt. Doch als im dritten Akt Mimi im schwarzen Kleid wie ein Geist über die Bühne schleicht, geraten die vier Lebenskünstler aus dem Konzept, als spürten den Hauch des Todes und der Lebensleere. Und wenn dann im vierten Akt diese schwarze Mimi noch einmal auf die Bühne kommt, um die Aufmerksamkeit Rodolfos fleht und beide einander ganz zum Schluss endlich anschauen und Rodolfo in tiefster Seele erschüttert ist – dann ist das ein Moment, so bewegend, wie ich ihn selten auf einer Opernbühne erlebt habe.
Dies wäre nicht möglich ohne das überragende Dirigat des Bremer Generalmusikdirektors Markus Poschner. Poschner und sein vorzügliches Orchester geben dieser Musik eine betörende kammermusikalische Zartheit und lyrische Ausdruckskraft (ein paar Wackler bei den ebenfalls aus dem Off hereinklingenden Chören dürften der Raumsituation geschuldet sein). Und er trägt seine Sänger auf Händen, scheint jederzeit ihre Stärken und Schwächen zu kennen und hilft ihnen über alle Klippen hinweg. Luis Olivares Sandoval ist ein sehr lyrischer Rodolfo, manchmal fehlt seinen Gefühlsausbrüchen das Mühelose. Aber seine Phrasierung, seine Ausdruckskraft und dramatische Präsenz sind bewegend. Raymond Ayers ist ein schlanker, markanter Marcello, Christoph Heinrich ein depressionsgefährdeter Philosoph mit vitaler Stimmkontur; und Patrick Zielke gibt mit jugendlich-wuchtigem Bariton einen Schaunard von so garstiger, fettgefressener Lustigkeit, dass es einen irgendwann nur noch gruselt vor diesem Amüsiermonster.
Marysol Schalit verleiht ihrer Musetta, obwohl niemals auf der Bühne sichtbar, mit interessant herber Brillanz ein einprägsames Profil. Vor allem Nadine Lehner aber gelingt die vokale Beglaubigung ihrer Figur überwältigend. Sie ist allein kraft ihrer Stimme der stets präsente Gegenentwurf der Lebenswahrheit zur Lebensleere auf der Bühne. Damit gibt sie ein wirklich überwältigendes Mimi-Debüt unter denkbar schwierigen Umständen. Ihr Sopran, vom lyrischen Fach kommend, trägt die Partie vollkommen mühelos, er hat in den ersten Phrasen eine warme, satt fundierten Tiefe, vermag sich zu strahlender Leuchtkraft aufzuschwingen, verfügt jederzeit über alle nötigen Gestaltungsreserven, und am Ende singt sie ein so betörend zartes Piano, dass es einem das Herz rührt.
Am Ende wurden sie alle stürmisch gefeiert – auch von denen, die an diesem Abend ihre schöne heile Bohèmewelt vermisst haben. Am Regieteam aber schieden sich lautstark die Geister. Es war ein großer Opernabend!
