Foto: Aaron (Torben Kessler) liebkost sein Plüschschwein (Cino Djavid). © Katrin Ribbe
Text:Dagmar Ellen Fischer, am 17. Januar 2026
Was hilft gegen Weltuntergangsstimmung? Gezieltes Anpacken im Sinne einer Veränderung. Oder Rückzug ins Private? Oder aber beides: So versucht es der Antiheld in „To My Little Boy“. Ihr jüngstes Stück schrieb Caren Jeß als Auftragsarbeit für das Thalia Theater.
Das Tolle an Plüschtieren ist: Sie sterben nicht! Das Schlimme an Plüschtieren jedoch ist: Sie sterben nicht. Denn ihre Basis sind Kunststoffe mit einer extrem langen Zersetzungsdauer. Diesen grundlegenden Konflikt erlebt Aaron – Anfang 40, klug, schwul – hautnah. Von Beruf Geologe, widmet er sich der Weltverbesserung. Konkret arbeitet er in einem Bundesforschungszentrum auf dem Gebiet des nachhaltigen Abbaus von Bergbauabfall. Privat indes kann er nicht leben ohne sein kuscheliges, rosafarbenes Plüschschwein mit Namen Tupper (gesprochen mit U, nicht wie der insolvente US-amerikanische Plastikschüsselhersteller – darauf legt er Wert). Genau genommen kam Aaron durch Tupper zu seinem Verantwortungsgefühl für den Planeten, denn erst sein Kunststoff-Kumpel sensibilisierte ihn für die Probleme des Recycelns.
Lebensbegleiter
Davon erzählt Torben Kessler als Aaron in mehreren Rückblenden im Verlauf des 100-minütigen Abends: In einem Pfarrershaushalt geboren, lehnte er sich früh gegen die engstirnige Religiosität seiner Eltern auf. Als Kind freundete er sich mit einem lebenden Schwein an. Und als das starb, schenkte seine Mutter ihm das Stoffschwein als Ersatz. Bald verstand der damals 12-Jährige: Während Fleisch, Haut und Knochen letztlich verstoffwechselt werden können, wird ihm sein Kunstfreund ewig erhalten bleiben.
30 Jahre später sind die beiden immer noch unzertrennlich. Der sprechende Tupper (Cino Djavid in einem rosa Ganzkörperanzug mit kleinem Extra-Schwein auf dem Kopf) muss als verlässlicher Halt in Aarons Leben überall mit, denn er „trägt dessen gesamte Gefühle im Fell“! Von seiner Umgebung wird diese besondere Beziehung unterschiedlich wahrgenommen. Freundschaften gehen in die Brüche, Kolleg:innen reagieren mit Unverständnis. Eine Freundin bleibt: Cennet Voß als Anouk entpuppt sich als Konstante, die sich nicht abschrecken lässt. Sie ist es letztlich, die dem vereinsamten und überforderten Aaron einen Weg in Richtung soziales Miteinander aufzeigt.
Nah am Text
Doch vor diesem hoffnungsvollen Ende der Geschichte liegen traurige, urkomische und dramatische Lebensstationen, allesamt berührend. So der Verlust von Tupper: Zu einer Tagung in Peru reist Aaron mit seinem Plüschbegleiter an, nimmt ihn mit aufs Podium, wo er seinen ohnehin ungewöhnlichen Vortrag hält. Dort muss er ihn vergessen haben, wie er wenig später verzweifelt feststellt. Nur schwer verkraftet er die unfreiwillige Trennung.
Regisseurin Marie Bues lässt Aarons Lebensgeschichte häufiger erzählen denn spielen und stellt somit den Text von Caren Jeß und den eigenwilligen Sprachwitz der Autorin in den Vordergrund. Der sympathische Protagonist und Haupterzähler nimmt hin und wieder Zuflucht zu getanzten Bewegungen, um Distanzen zu überwinden. Seine Botschaft als „Plastikfressererfinder“ wird klar. Bedrohlich schwingt im Titel des Dramas „To My Little Boy – Held aus Polyester“ eine Assoziation mit: „Little Boy“ war der Codename jener Atombombe, die 1945 von einem US-amerikanischen Flugzeug über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen wurde. Da ist sie wieder, die Weltuntergangsstimmung.