Foto: Michal Partyka, Sarah-Jane Brandon und Chor. © Jörg Landsberg
Text:Theo Dassler, am 30. März 2026
Am Theater Bremen verabschiedet sich der leitende Regisseur Frank Hilbrich mit Benjamin Brittens eigentlich konzertantem „War Requiem“. Dafür setzt er Chor und Solist:innen szenisch in ein ‚recyceltes‘ Bühnenbild – und evoziert damit nicht nur einen hörenswerten, sondern auch sehr sehenswerten Abend.
Benjamin Britten, erklärter Pazifist, erhält 1962 den Auftrag einer Komposition für die Neueröffnung der wiederaufgebauten Kathedrale von Coventry. Die deutsche Luftwaffe hatte 1940 die gesamte englische Ortschaft zerstört – nur der Kirchturm war geblieben. Dass Brittens „War Requiem“ mit einer Kirchenglocke beginnt, ist daher nicht verwunderlich. Die Verlegung des konzertanten Chorstückes in einen Opernraum am Theater Bremen bringt auch den Röhrenglocken-Spieler gut sichtbar auf die Seitenbühne – praktisch als Kirchenturm.
Und auch sonst verändert sich dadurch so manches: Es gibt projizierte Zitate, die schnell vergessen sind, und Abschnittstitel. Dann wird der Blick auf die Bühne freigegeben, die dem erfahrenen Theater-Bremen-Publikum durchaus bekannt vorkommen mag: Das Bühnenbild aus dem abgespielten Lohengrin (Spielzeit 24/25) steht in seinem dekonstruierten Schlussbild wieder auf der Bühne und auch ein Teil der Kostüme (Tanja Hofmann) ist ‚recycelt‘. Etwas, auf das man am Theater Bremen einerseits stolz ist und was Bühnenbildner Harald Thor unter einer „ökologisch sinnvoll[en]“ Arbeitsweise versteht. Andererseits weist man aber auch mehrfach leicht mahnend darauf hin, dass man kulturkürzungsbedingt kreativ werden musste.
Und das ist gelungen: Die sechs Abschnitte der Gedenkmesse verbildlicht Regisseur Frank Hilbrich mit jeweils neuen Mikro-Handlungen. Der Chor als Nachkriegsgesellschaft bleibt dabei konstant. In seinen Reihen tauchen immer wieder die Solist:innen auf, unterbrechen die Bühnenaktionen des Chores und die lateinischen Messetexte mit sehr harten Kriegsgedichten von Wilfred Owen in englischer Sprache, was Brittens Textanlage szenisch untermauert. Nur die Entscheidung, auch die lateinischen Messetexte zu übertiteln, verwässert den sprachlichen Kontrast in der Komposition wieder ein wenig.
Bedeutungs-babylonisch
Im zweiten von sechs Abschnitten wirft Sopranistin Sarah-Jane Brandon zunächst Spruchbanner, dann Flugblätter von der Balustrade. Darauf stehen (auf Deutsch) Begriffe wie ‚Schuld‘, ‚Schweigen‘, ‚Lügner‘, ‚Saboteur‘ oder ‚Patriot‘. Auf ihrer Stirn steht dazu treffend blutrot „Klage“ geschrieben – zumindest nehme ich das an, denn bereits in Reihe fünf war dies kaum zu entziffern. Dieses vielleicht zu Plakative, wenig Subtile mag einen zeitweise irritieren, erscheint aber verzeihlich. Manches regt zum Nachdenken an, wie das königsblaue Kleid der Sopranistin, das in Kombination mit goldenen Insignien an Europa erinnert (oder Ukraine-Blau?). Anderes gibt keinen Raum für Mehrdeutigkeit, wie ein Grabkreuz aus Messern gebaut oder ein totes Kind mit dem Banner ‚Schuld‘ abgedeckt wird – etwas platt.
Dabei hat Frank Hilbrich dies im Gesamtbild der Inszenierung gar nicht nötig: Immer wieder findet er bewegende Verbildlichungen, wie eine Demokratisierung des Chores in den Nachkriegstrümmern oder einen Soldaten, der Orden abschüttelt, zu den Worten „meine Narben sollen nicht verherrlicht […] werden“ (engl. gesungen). Im großen Finale des Abends, dem Libera Me, bringt Europa Spiegelscherben, die nach der hinreißend gesungenen Versöhnung zweier Soldaten aus befeindeten Lagern (Tenor: Oliver Sewell, Bariton: Michał Partyka) verteilt werden. Lichtflecken sprenkeln zunächst den Bühnenraum und werden dann in den Zuschauer:innenraum reflektiert. Eine große Öffnung des Gedenkens, eine Auswirkung, die Kriege auf uns alle haben, und ein Aufruf zum aktiven Pazifismus. Hilbrich schafft es, einem 90 Minuten Aufmerksamkeit abzuringen, die Luft ist immer zum Zerreißen gespannt.
Musik der Kontraste
Und auch musikalisch ergibt sich immer wieder ein Requiem, eine Ruhe zwischen dem großen, gewaltigen Chorgesang. Die musikalische Leitung (Stefan Klingele) und die Regie wissen, mit Kontrasten zu arbeiten, und halten damit die Spannung. Man wünscht Frank Hilbrich als Generalintendant in Gelsenkirchen ein wacheres Publikum für ebensolche tränentreibenden Momente – in Bremen schläft das silberne Publikum leider vor sich hin.
Die Stars des Abends: der 52-köpfige Chor und der 30-köpfige Kinderchor unter der Leitung von Karl Bernewitz. Den Spaß am Schauspiel kann man ihnen wahrlich ansehen. Teilweise bewegen sie sich als Entität über die Bühne, transformieren fließend Bänke oder reparieren das kriegsversehrte Bühnenbild. Aber vor allem singen sie: all die Dissonanzen, Tritonus-Intervalle und unbeständigen Stückaufbauten – und das ohne ein Notenheft, wie es eigentlich im Requiem der Normalfall wäre. Eine Herausforderung, die beeindruckend gelingt. Und nach premieren-bedingten ersten nervösen Minuten zeigt der Chor, was er kann und vor allem, welche Dynamik möglich ist: Im Pianissimo zeigt er Wärme, Gedenken, Zärtlichkeit und im Fortissimo Stärke, Schmerz und Entschlossenheit zum Wiederaufbau, treffsicher und klanggewaltig. Der Kinderchor kann dies noch ergänzen, weich und genau – was sonst selten bei Kinderchören zu hören ist.

Der Chor in Aktion. Foto: Jörg Landsberg
Fulminanter Chor
Am stärksten ist der Chor da, wo das Orchester dicke Pause-Balken in den Noten hat. Das mag aber an Brittens klugem, kontrastierendem Einsatz von Stille liegen. Dort, wo die Bremer Philharmoniker zu Gehör kommen, können sie überzeugen, wirken aber stellenweise verhalten. Dennoch: Sie verstehen Britten, sie fühlen ihn und sie füllen ihn aus – soweit es die Raumakustik des Saales am Goetheplatz eben zulässt. Auch die Solist:innen geraten etwas ins Hintertreffen, das gönnen sie dem Chor aber sichtlich. Sarah-Jane Brandon ist ergreifend in den leisen Tönen und stark in den expressiven. Dort, wo die Komposition Potenzial lässt, zeigen auch Oliver Sewell und Michał Partyka ihr Können, haben es aber schwer auf dieser fulminanten Bühne.
Die Lichtreflexionen ins Publikum nehmen ab, der Chor legt die Scherben nieder mit einem „et lux perpetua luceat eis“ (und das ewige Licht leuchte ihnen), schließt ruhig das War Requiem mit einem „Amen“ und verlässt in einer zum Zerreißen gespannten Stille nach und nach, wie eine Kirchengemeinde einen Gedenkgottesdienst, die Bühne. Eine Ruhe zwischen letzter Note und Applaus, die emotional mehr trifft als manch große Schlusskadenz. Scherben bringen Glück, vor allem dem Theater Bremen – an diesem Abend und hoffentlich für die kommenden (nur!) sechs weiteren Aufführungen. Frank Hilbrich geht mit einem großen, pazifistischen Chor-Knall in aller andächtigen Stille – nur das Schnarchen kann er hoffentlich in Bremen zurücklassen.