Genussplaudern statt Schlangestehen
Foto: Das Restaurant Zum grünen Kakadu, das zum Staatstheater Mainz gehört. © Lennart Wiedemuth Text:Ulrike Kolter, am 5. Januar 2026
Das Staatstheater Mainz geht in Sachen Theatergastronomie einen deutschlandweit einmaligen Weg. Wie Pausen ohne Schlangestehen funktionieren, was das Besondere der „Kakadu Bar“ ist und wie auch Theatermitarbeitende in der Kantine die erstklassige Kulinarik des Theaterrestaurants genießen können: Teil zwei unserer Reihe Theatergastronomie beweist, dass Theater und kulinarischer Genuss doch zusammenpassen.
Wer regelmäßig deutschlandweit ins Theater geht, hat sich vermutlich an den Umstand gewöhnt, dass Kunst und Kulinarik irgendwie nicht vereinbar sind. Will man die begrenzte Zeit vor, zwischen und nach der Vorstellung zur Programmheftlektüre, zum Plaudern oder nur zum Grübeln nutzen, bleibt vor allem in der Pause kaum Zeit fürs Schlangestehen an überfüllten Bars. Um sich das anzutun, muss der Durst schon groß sein und das Portemonnaie locker sitzen.
Frust ist da vorprogrammiert – auf beiden Seiten der Theke. Was banal klingen mag, ist es mitnichten, begreift man Theaterzuschauende nicht nur als Kunstkonsumenten, sondern als Gäste, die sich rundum wohlfühlen möchten. Und für die allermeisten Menschen gehört das leibliche Wohl eben dazu.
Im Selbstbedienungsparadies
Wunschtraum: Man betritt das Foyer, nimmt sich ein kostenfreies Programmheft vom Stehtisch, dazu eines der zahlreich aufgereihten Gläser gut gekühlten Rieslings oder lokaler Limonade, eine warme Brezel mit Spundekäs – und kann so, in Begleitung oder ohne, sofort abtauchen vom Alltag hinein ins Stück. Der Wunschtraum geht noch weiter: Hinein in die Pause und bei Premieren bis zu zwei Stunden nach dem Applaus dauert es an, dieses Selbstbedienungsparadies, in dem die freundlichen Mitarbeiter nicht hektisch mit Wechselgeld beschäftigt sind, sondern lediglich mit Nachschenken und hilfsbereiten Auskünften. Am Staatstheater Mainz ist das alles seit letzter Spielzeit Realität.

Das gefüllte Pausenfoyer des Staatstheater Mainz. Foto: Markus Müller
Die fast revolutionäre Pausenversorgung ist nur ein Baustein vom gastronomischen Gesamtkonzept des Intendanten Markus Müller: „Ich bin von Herzen gern Gastgeber!“, schmunzelt er, der schon mit 15 nicht nur Theater machte, sondern sich auch eine Bar in den Keller des Elternhauses einbaute, um im Allgäuer Dorfleben Partys geben zu können. Während heute soziologisch argumentiert wird, man müsse Theater und Foyers als Orte für gesellschaftlichen Diskurs mehr öffnen, hat Müller genau das mit dem naheliegendsten Mittel schon geschafft: Was man im Mainzer Theaterfoyer erlebt, ist ein ungewohnt zugewandtes, fröhliches Miteinanderdiskutieren des Publikums. Essen und Trinken verbindet, so einfach ist das wohl.
Gastropauschale
Wie das alles zu finanzieren ist? Zunächst zahlt jeder mit dem zur Spielzeit 2023/24 eingeführten Kombiticket eine Gastropauschale von 7 Euro, die auf den Ticketpreis der jeweiligen Preisstufe geschlagen wird. Im Sinne der Solidarität wurden die Preise der günstigsten Kategorien dafür gesenkt, die teuersten moderat angehoben. Tickets ohne Gastropauschale gibt es nicht: Friss also oder bleib fern? Was vor der Einführung noch Gegenwind brachte, hat sich schnell zum kolossalen Erfolgsrezept gemausert. Auch aus dem benachbarten Wiesbaden kommt Publikum, die Abozahlen sind in der Saison 2024/25 gestiegen wie nie zuvor, was hoffentlich nicht nur am Wein, sondern auch am Spielplan liegt.
Dass so ein Kombiticket tatsächlich finanzierbar ist, liegt an der ungewöhnlichen Betriebsstruktur. Die komplette Gastronomie untersteht dem Staatstheater: Alle 37 Mitarbeitenden, auch die im gegenüberliegenden Restaurant Zum grünen Kakadu, sind beim Theater angestellt, gebunden an den DEHOGA-Tarifvertrag. Restaurantleiterin, Servicepersonal – alle unterstehen dem Intendanten Markus Müller und dem Geschäftsführenden Theaterdirektor Erik Raskopf. Montags ist Gastrorunde für Müller, der mit dem Küchenchef auch besondere Premierenhighlights ausspinnt: Rumkugeln bei den „Piraten von Penzance“, „Sweeney Todd“-Pasteten oder den dunklen „Gin Addams“ zur Premiere der „Addams Family“. Mit einem externen Pächter wäre so ein Konzept kaum realisierbar.
Theaterrestaurant mit Spitzenküche
Nach Arthur Schnitzlers Einakter ist es benannt, das Theaterrestaurant Zum grünen Kakadu. Zum Mittagstisch (die Gerichte liegen bei 14 Euro für Vegetarisches und 16 Euro für Fleischgerichte) bevölkern alle Generationen das gehobene Ambiente, in dem man sich gleich wohlfühlt. Mit echtem Moos begrünte Wände sorgen für angenehmes Raumklima, der Kakadu ist allgegenwärtig: in Raumteilern mit Federornamenten, auf Servietten, in Glaskugeln mit grünen Federn auf den Tischen. Da wir an einem Samstag (vor der Premiere der „Addams Family“) hier speisen, gilt keine Mittagskarte, und wir bestellen à la carte: Zur Vorspeise Jakobsmuscheln mit grünem Spargel, beim Hauptgericht trennen sich Intendant und Kritikerin: Himmel und Erde (also rheinische Blutwurst an Kartoffelbrei) versus Gemüse-Kokos-Curry.

Das Theaterrestaurant Zum grünen Kakadu. Foto: Ulrike Kolter
Alles ist fantastisch und sehr ästhetisch angerichtet, gelebte Spitzenküche zu moderaten Preisen, dazu höchst aufmerksames Personal. Und was kriegen die Theatermitarbeitenden in der Kantine nebenan? Zum Mittagessen das Gleiche. „Mit Überschüssen aus Foyer und Restaurant subventionieren wir die Kantine mit“, so Markus Müller, dort gibt es Vegetarisches für fünf und Fleischgerichte für sechs Euro. „Wir können gagenmäßig nicht mithalten mit den Staatstheatern, die uns umzingeln: Wiesbaden, Kassel, Darmstadt, deshalb setzen wir auch auf solche Anreize. Unsere 401 Mitarbeitenden kommen aus der ganzen Welt – da soll die Kantine ein Ort des Austausches sein.“ Budgetär muss das Ganze strikt getrennt werden, erklärt Müller: „Wir dürfen keine Zuschüsse von Land und Stadt in die Gastronomie stecken, absolute Trennungsrechnung, der Restaurantbetrieb muss sich selbst tragen.“ Was vor allem zur Gründung im Januar 2020 schwer war, denn kurz darauf folgte der erste Corona-Lockdown …

Testessen: Jakobsmuscheln mit grünem Spargel. Foto: Ulrike Kolter
Die Kakadu Bar
Das ist zum Glück Vergangenheit, vor allem für die dritte gastronomische Säule des Mainzer Theaters: die Kakadu Bar. In der ersten Etage überm Restaurant nämlich ist eine flexibel zu bestuhlende Veranstaltungsbar zur Sparte mit der höchsten Auslastung im Spielplan geworden: Hier erlebt man Lesungen, Liederabende, szenische Produktionen von Ensemblemitgliedern oder externen Künstler:innen – und kann dazu Getränke und Snacks wie Käseteller an der Bar ordern. Die Programmleitung obliegt Sylvia Fritzinger, die auch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Hauses verantwortet und Kakadu-Abende wie das „Literarische Quartett“ mit moderiert. Der anschließende Austausch zwischen Künstlerinnen, Künstlern und Publikum gehört zum Programm – begleitet natürlich von einem Glas Wein. Jazzabende gibt’s einmal im Monat, der Kakadu Kneipenchor für singwillige Laien ist mittlerweile eine etablierte Institution, und Lesungen finden oft in Kooperation mit dem SWR statt.
Das Besonderes dieses Ortes ist aber nicht nur die individuelle Programmatik, sondern auch die flexiblen, verschiebbaren Bühnenpodeste, die ein Bespielen und Betanzen des Raumes in allen Formationen erlauben. „Die Menschen sollen bei uns eine gute Zeit haben, die Innenstädte müssen lebendig bleiben“, wünscht sich Markus Müller, als wir unsere Besichtigungstour beenden und in die gleißende Märzsonne auf den Theatervorplatz treten. Es ist wie jeden Samstag von März bis Oktober Weinfrühstück, Hunderte Menschen drängen sich um die lokalen Winzerstände, Snackbuden des Grünen Kakadu sorgen für eine magenfreundliche Grundlage. Der Rheinland-Pfälzer genießt halt gern – sicher nicht die schlechteste Voraussetzung für ein solches Gastrokonzept. Versuchen sollte man das trotzdem auch andernorts.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.3/2025.