Folge 16: Saisonbilanz 2025/26
Foto: „Rummelplatz“ nach einem Roman von Werner Bräunig am Theater Chemnitz © Nasser Hashemi Text:Die Deutsche Bühne, am 14. August 2026
In Folge 16 von „Schwerpunkt Theater“ blicken wir auf die Spielzeit 2025/26 zurück. 61 Kritiker:innen der DEUTSCHEN BÜHNE haben rund 500 Voten zu neun Fragen abgegeben. Was sagt dieser gut informierte Schwarm über die Saison und was verrät er über den Zustand der Theaterkritik selbst?
In unserem aktuellen Podcast spricht Host Thilo Sauer zu Beginn mit Chefredakteur Detlev Baur über die Auswertung der jährlichen Kritiker:innen-Umfrage und über die wirtschaftliche Lage der Theaterkritik. Im Gespräch geht es um die Schwarmintelligenz der Vielen und um ihre Grenzen. Die Münchner Kammerspiele sind mit dem monumentalen „Wallenstein“ das klare Gewinnertheater, während der Vertrag von Intendantin Barbara Mundel nicht verlängert wird. Julia Riedler überzeugt gleich doppelt: als Fräulein Else in München und als Hamlet-Regisseurin in Freiburg. Und Kinder- und Jugendtheater sowie Figurentheater bekommen erstmals eigene Kategorien, mit sehr unterschiedlichem Ergebnis.
Bettina Schulte berichtet aus dem Radius Freiburg, Basel und Zürich. Ihr Ärgernis sind Inszenierungen, deren Botschaft schon nach fünf Minuten feststeht. Triggerwarnungen hält sie meist für überflüssig, weil sie dem Publikum die eigene Urteilskraft abspricht. Warum funktioniert dann ausgerechnet die feministische Lesart von Schnitzler so gut für sie? Weil Schnitzler, Kleist und Shakespeare die Geschlechterverhältnisse längst selbst problematisiert haben. Und weil Theater ihrer Meinung nach vom Spiel lebt und nicht vom dramaturgischen Überbau.
Manfred Jahnke begleitet das Theater für junges Publikum seit den achtziger Jahren. Er beobachtet, dass die gesellschaftliche Anerkennung wächst, die Lokalpresse aber kaum hinschaut. Daniela Mohrs Solo in „Heimsuchung“ am Freiburger Theater im Marienbad nennt er bewusst in der Kategorie Schauspiel, weil es jedem Stadttheater standhält. An Sergej Gößner schätzt er, dass dieser sexuelle Gewalt über die Reaktion der Umgebung erzählt und dabei Platz für Humor lässt.
Bei Torben Ibs geht es im Tanz um große Namen und kleine Häuser. Serebrennikovs „Nurejew“ beim Staatsballett Berlin überrascht als Spitzenreiter niemanden. Spannender findet er den Neustart am Landestheater Eisenach, wo Jorge Pérez Martínez Lucinda Childs mit zeitgenössischen Arbeiten kombiniert und ein Publikum mitnimmt, das bislang Handlungsballette gewohnt war. In Köln dagegen geht die große Bühne des Depots an einen Musical-Investor, der freien Tanzszene bleibt der kleine Saal. Hellerau stemmt mit schwindenden Mitteln die Tanzplattform Deutschland. Zum Streitfall der Saison wird Sebastian Hartmanns „Hauptmann von Köpenick“ in Cottbus, für einen Kollegen das Ärgernis, für den anderen das Highlight.
Zum Schluss ordnet Autor Roberto Becker das Musiktheater ein. Die Uraufführung „Rummelplatz“ in Chemnitz nach Jenny Erpenbecks Libretto beeindruckt ihn nicht nur als geglücktes Zusammenspiel von Stoff, Komposition und Regie, sondern auch, weil man danach ins Gespräch kam über die Wismut und ihre Familien. Ebenso wichtig wie neue Werke findet er das Nachspielen. Am Staatstheater Meiningen bewundert er die Kunst, mit wenig Geld gute Sänger:innen und Dirigent:innen zu engagieren.
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