Dystopien in Zittau

Beim 13. Sächsischen Theatertreffen in Görlitz und Zittau ging es nicht nur um Kunst, sondern auch um die Frage, wie viel Zukunft Theater in der Fläche noch hat. Zwischen Solidaritätsadresse an das Schauspiel Chemnitz, Stadt-Land-Debatten und kulturpolitischen Seitenhieben wurde deutlich: Die sächsische Theaterlandschaft steht unter Druck – finanziell, strukturell und symbolisch.

Irgendwo ist immer ein Theater in Gefahr. In der vorjährigen Kulturhauptstadt Europas Chemnitz hat man es geschafft, zwei zu Jahresanfang vorgestellte Varianten zur Neugestaltung eines Schauspielhauses so lange gegeneinander abzuwägen, dass die Stadtverwaltung inzwischen für keine der beiden mehr Geld aus dem kommunalen Anteil am Sondervermögen der Bundesregierung zur Verfügung stellen will.

Wo Kunst lockt und Geld fehlt

Die Solidaritätsadresse beim 13. Sächsischen Theatertreffen, formuliert von Daniel Morgenroth, geht deshalb ans Schauspiel Chemnitz: Man sei froh, so formuliert es der scheidende Intendant am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau, zugleich Vorsitzender im sächsischen Landesverband des Deutschen Bühnenvereins und damit in Doppelrolle Gastgeber des Theatertreffens, mit „Die neuen Leiden des jungen W.“ gleich noch ein tolles Chemnitzer Stück erleben zu können. Und man sei sich sicher, dass das Chemnitzer Schauspiel auch in zehn oder 20 Jahren noch ein so aktives Mitglied der sächsischen Szene sein werde.

Daniel Morgenroth, Simon Strauß und Michael Kretschmer (v. l. n. r.) im Gespräch. Foto: Volker Tzschucke

Der Applaus aus den Reihen des Publikums wärmt die Herzen des anwesenden Chemnitzer Generalintendanten Christoph Dittrich und seiner stellvertretenden Schauspieldirektorin Kathrin Brune, doch da ist man schon mittendrin in der „schnöden Debatte, wo doch so viel Kunst uns lockt“ (Morgenroth): Eingeladen zum Podiumsgespräch „Mehr als Geld – Kultur in der Fläche im Freistaat Sachsen“ sind Ministerpräsident Michael Kretschmer und Journalist Simon Strauß. Ersterem kommt die Fokussierung auf das „mehr als Geld“ sicher entgegen, hat er doch nicht, wie er gleich zu Beginn einräumt, einen neuen Kulturpakt in der Tasche wie bei seinem letzten Auftritt bei einem Theatertreffen im Jahr 2018. Letzterer, Theaterkritiker für die FAZ, hat jüngst das Buch „In der Nähe“ über Zusammengehörigkeitsgefühle geschrieben, konstituierender Baustein ostdeutscher Wirklichkeit zu DDR-Zeiten, der aber zunehmend verloren geht.

Wenn McDonald’s keine Bedeutung liefert

Und so handelt die Debatte zunächst viel von Rasenmähern, die man sich auf dem Lande von Nachbar zu Nachbar und klassenübergreifend ausleiht. In der Stadt hingegen sei man trotz größerem Kulturangebot oft viel einsamer. In der Fläche hingegen drohten Orte des Austauschs zunehmend verloren zu gehen – da blieben oft nur die Cafeterien größerer Einkaufsmärkte. Wenn Volkshochschule, Theater oder Musikschulen schließen, spürten die Menschen dort einen Bedeutungsverlust: „McDonald’s liefert keine Bedeutung“, so Strauß.

Unterschiedliche Lebensrealitäten müsse man anerkennen, findet der Ministerpräsident – beispielsweise verschiedene Mobilitätsbedarfe in Stadt und Land. Deshalb verteidigt er Benzinkostenzuschüsse und Pendlerpauschalen, schließlich werde man es nicht hinbekommen, dass, wie in Metropolen, der Bus alle 15 Minuten fährt. Man müsse sich angesichts leerer Kassen überlegen, was erhaltenswert ist: „Was brauchen wir, was ist notwendig?“. Da spricht er dann auch über die sächsische Theaterlandschaft: Man müsse es schaffen, Kulturraumtheater aufzubauen, die gleichzeitig an verschiedenen Orten verwurzelt sind und in die Fläche ausstrahlen. Dass dieses Modell in Sachsen durchaus schon städteübergreifend nicht nur an den Häusern des Gastgebers langjährig erprobt ist und trotzdem – siehe den Fall des Theaters Plauen-Zwickau – nicht vor wachsenden finanziellen Defiziten bis hin zu drohenden Insolvenzen schützt, bleibt an dieser Stelle unerwähnt.

Mehr Geld jedenfalls verspricht Kretschmer nicht: Die Haushaltswünsche seiner Ministerien würden zu einem 4-Milliarden-Loch im nächsten Landeshaushalt führen, obwohl man doch eigentlich sparen wolle. Solange die Wirtschaft nicht läuft, brauche es eben neue Ideen – und die Offenheit, sie umzusetzen.

Was Theater jetzt lernen sollen

Da ist man auch bei der großen Berliner Politik: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bekommt mehr als einen Seitenhieb vom Podium. „Immerhin stößt er ständig Debatten an“, sagt Kretschmer, lächelt zunächst süffisant dazu, um dann zuzugeben: „Da ist in den letzten Wochen viel verloren gegangen“ an dem, was man die letzten Jahre aufgebaut habe. Mindestens Vertrauen und Glaubwürdigkeit, fügt man in Gedanken dazu. Doch eine Lösung für den ländlichen Raum bringt dieses Scharmützel auch nicht.

Stattdessen ein paar Hausaufgaben fürs Theater und für die Politik: 1. Heraus aus urbanen linksliberalen Blasen, stärker hin zu dem, was die Menschen wirklich bewegt. Morgenroth und Strauß einigen sich in diesem Zusammenhang spontan auf eine Performance mit Publikumsbeteiligung: Wie erstellt man einen Bauantrag? Man darf gespannt sein. 2. Die Themen finden, an denen unterschiedliche Positionen einer gespaltenen Gesellschaft ihre gemeinsame Basis haben – etwa in einem gewissen Verfassungspatriotismus, wie es „Hamilton“ in den USA gelungen sei. Wer schreibt „Adenauer – Das Musical“? 3. Mehr Bewunderung zeigen für das, was im ländlichen Raum passiert – nicht unbedingt überregional, da nimmt sich FAZ-Autor Strauß gern aus, sondern vor allem im direkten Umfeld.

Ministerpräsident Kretschmer sieht Chancen, dass sich der Staat wieder etwas stärker zurückzieht, das Prinzip „Verhinderung durch Mitwirkung“ zurückbaut, nicht nur genauer hinhört, sondern dann auch macht, was die Menschen sagen. Wenn der Staat sich ständig überall einmische, wenn er überall die Reibfläche böte, sei es kein Wunder, dass er ständig im Feuer stehe: „Und dann wird er am Ende mit seinen Institutionen untergehen.“ Man müsse wieder mehr Freiheiten wagen – und sich dabei auch Fehler zugestehen. Zumindest beim versammelten Publikum erntet Kretschmer dafür Applaus.

Der Preis der Jury des 13. Sächsischen Theatertreffens geht am Abschlusstag dann an die Shakespeare-Inszenierung „Richard III.“ des Theaters Plauen-Zwickau (Regie: Dirk Löschner). Die Inszenierung überzeuge durch „die konsequente Besetzung mit einem rein weiblichen Ensemble, die neue Perspektiven auf Macht, Geschlecht und historische Stoffe eröffnet.“ Insgesamt stünden die vertretenen Inszenierungen für künstlerische Vielfalt und die inhaltliche Dringlichkeit des zeitgenössischen Theaters. Im kleinstädtischen Raum ist man zu Veränderungen bereit. Jetzt muss nur die Politik noch handeln.