Schauspieler Markwart Müller-Elmau im Porträt.

„I would prefer not to“

Markwart Müller-Elmau beherrscht wie kaum ein anderer die Kunst, aus weniger zentralen Figuren starke Charaktere zu machen. In diesem Sommer stand der Schauspieler, der gerade seinen 84. Geburtstag feiern konnte, bei den Bregenzer Festspielen als Luther in Andreas Kriegenburgs „Michael Kohlhaas“-Inszenierung auf der Bühne.

Ein alter Mann liegt in einem Krankenhausbett. Das Bett steht in einem Raum des Theaters; der alte Lear wird dort von den Schatten der Töchter und einer geschäftigen und dabei kranken Welt umspielt und umspült. In der coronabedingten Livestream-Fassung der „Lear“-Inszenierung von Sebastian Hartmann am Deutschen Theater in Berlin spielte Markwart Müller-Elmau einen von Krankheit gezeichneten Greis, ähnlich wie schon in der bislang rein digital gebliebenen „Zauberberg“- Inszenierung Hartmanns. Die Geschichte des jungen Greises Hans Castorp wurde darin vom gealterten Castorp her aufgerollt.

Aufführungsfoto von „Lear“ am Deutschen Theater Berlin 2019. Eine Frau in weißem Gewand zieht einen älteren Mann in einem weißen Gewand über die Bühne.

Markwart Müller-Elmau mit Birgit Unterweger und Elias Arens in „Lear“ am Deutschen Theater Berlin 2019. Foto: Arno Declair

Kein Faible für Interviews und Premierenfeiern

Markwart Müller-Elmau wurde gerade 84 Jahre alt – und wirkt tatsächlich sehr lebendig. Beim Covershooting scherzt er mit dem Fotografen: „Mit jeder Minute werde ich älter“, und erwähnt, dass er wegen der „ewigen Warterei“ nie gerne Filme gedreht habe. Der Schauspieler ist Mitglied des Ensembles des Deutschen Theaters Berlin und hatte gerade wieder eine „echte“ Premiere: In Andreas Kriegenburgs „Michael Kohlhaas“-Inszenierung, einer Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen, spielt er Martin Luther. Seit 1993 gehört Müller-Elmau ununterbrochen den von Ulrich Khuon geleiteten Schauspielhäusern (Schauspiel Hannover, Thalia Theater Hamburg und Deutsches Theater) an.

In der Hamburger Zeit zu Beginn des Jahrhunderts war er in zahlreichen Inszenierungen des Hausregisseurs Andreas Kriegenburg ein prägender und zentraler Darsteller des Ensembles. Besonders in Uraufführungsinszenierungen von Stücken Dea Lohers blieb der Mann mit den markanten Gesichtszügen und der einerseits rauen, andererseits sanften Stimme in Erinnerung. Ein prominenter Star war Müller-Elmau dort oder in Berlin nicht; auch sind Interviews oder Premierenfeiern seine Sache nicht. Er zeigte nie abgeschlossene, naturalistisch runde Figuren, sondern ließ vielmehr in seiner Darstellung immer einen Hauch freundlicher Widerborstigkeit durchschimmern – bei sich als Akteur und bei den von ihm dargestellten Menschen.

Abreißen lassen

Dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr: „Ich war immer ein Schauspieler, der am liebsten aufgehört hat: sich einfach in einen Monolog hineinstürzen und dann aufhören und ihn nicht zu Ende machen… Wenn es auf einmal abreißt – das hat mich immer am meisten fasziniert“, erzählt er mir im intensiven und langen Gespräch nach unserem Covershooting. Seine Ferne zu Method Acting und das Streben nach einer gebrochenen Form von Einfühlung wird in Müller-Elmaus Beschreibung einer Rolle aus dem Jahr 2002 am Thalia Theater deutlich; in Dea Lohers „Licht“, dem ersten Teil in „Magazin des Glücks“, spielte er eine Frau, die Suizid begeht: „Ich habe versucht, mich diesem Text auszuliefern. Ich habe nicht mal versucht, ihn zu interpretieren, sondern ihn mit Hilfe des Regisseurs auf mich wirken zu lassen. Es waren nie Figuren, die ich erfüllt habe.“

Aufführungsfoto von „Diebe“ von Dea Loher am Deutschen Theater. Eine Frau mit einer Blume in den Händen und ein Mann mit Gehstock sitzen eng beieinander auf einer Bank. Sie gucken in entgegengesetzte Richtungen.

Mit Judith Hofmann in „Diebe“ von Dea Loher am Deutschen Theater 2010. Foto: Arno Declair

Brillante Schauspieler interessieren Müller-Elmau nicht, vielmehr fasziniert ihn das Unfertige des Theaters – und des Menschen: „Es ist mein Wunsch, auf der Bühne das Existenzielle zu spüren. Das Gemeine, die Wut, die Empathie.“ Der Mensch ist ihm grundsätzlich „verdächtig“, zugleich fühlt er eine große Sympathie mit den abgründigen Menschen, den Tätern. Auch der Regisseur Sebastian Hartmann ist ein nachdrücklich Suchender und ein Feind glatter Oberflächen. „Deswegen hat mich das Assoziative an Hartmanns Arbeiten so gereizt“, meint Müller-Elmau, „der Umgang mit den Stücken muss offen sein.“

Ästhetische Umwege

Die Zusammenarbeit mit Hartmann ist nur konsequent; das bestätigt auch DT-Intendant Ulrich Khuon: „Es ist kein Zufall, dass Markwart Müller-Elmau in Hamburg viel mit Andreas Kriegenburg zusammengearbeitet hat und hier in Berlin mit Sebastian Hartmann.“ Und fährt fort: „Antirealismus und ästhetische Umwege bestimmen sein Spiel.“ Khuon nennt Müller-Elmau eine seiner „Langzeitbeziehungen“ im Theater, dabei sei der Schauspieler „null nostalgisch“: „Er richtet sich nicht ein, ist ein Warner und Unruhestifter, dabei aber immer menschlich verlässlich. Er will sich mit dem jeweiligen Projekt identifizieren.“

In unserem Gespräch ärgert sich Müller-Elmau über seine eigenen Gedankensprünge oder wenn er den Faden verloren hat; die ihm wichtigen Themen hat er dennoch klar im Blick. „Ich werde jetzt 84, und in mir bin ich nicht reif, überhaupt nicht.“ Müller-Elmau denkt und spricht schnell; er ist unruhig, kritisch und strahlt dabei doch eine innere Ruhe oder Selbstgewissheit aus. Vielleicht täuscht auch der süddeutsche Grundton in seiner Stimme eine Gemütlichkeit vor, wodurch seine Schnelligkeit verdeckt wird; die wiederum passt gut zu Berlin – hier erhielt er in den 1950er-Jahren Schauspielunterricht. Die für Gesellschaft und Theater einschneidende Coronakrise nimmt der Schauspieler sehr genau wahr, für sich persönlich – „plötzlich bin ich vulnerabel geworden“ – und für das Theater insgesamt: „Ich bin wesentlich skeptischer geworden, was die Zukunft des Theaters angeht.“

Aufführungsfoto von Bartleby am Thalia Theater Hamburg. Ein Mann im Anzug steht vor einem Paravent und steckt sich seine Brille in die Jackentasche.

Als Schreiber Bartleby nach Herman Melville am Thalia Theater Hamburg, 2003. Foto: Arno Declair

Sympathie für alternative Spielstätten

„Mir ist jetzt aufgefallen, dass ich mit diesen Räumen in den traditionellen Häusern große Probleme habe. Als das Berliner Ensemble im letzten Jahr die Sitze ausgebaut hat, dachte ich, das ist ja eine Chance, damit ganz anders umzugehen.“ Alternative Spielstätten, am Thalia Theater die Gaußstraße, waren Müller-Elmau immer schon sympathischer als hochoffizielle Theatertempel, auch weil ihn die selbst auferlegte Kleiderordnung der Besucher im traditionellen Theater stört, da sie Teil eines bürgerlichen Rituals ist, in dessen Mittelpunkt nicht unbedingt die Kunst steht.

Er berichtet begeistert von der Inszenierung „Bartleby, der Schreiber“, einem 2003 von Isabel Osthues inszenierten Monolog im Stuhllager der Gaußstraße: „Im nur leicht drapierten Stuhllager habe ich diesen einsamen Mann gespielt, der über Bartleby berichtet. Das hat mir großen Spaß gemacht, vor zehn Leuten oder so. Wenn dann bei Ausfall der anderen Vorstellung in der Gaußstraße viel mehr Leute reindurften, vielleicht 60, hat es nicht mehr so gut funktioniert.“ Der Kontakt mit dem Publikum, das diskrete Zusammenspiel mit dem Saal zeichnet Müller-Elmaus Spiel besonders aus.

Bartlebys freundlicher Widerstand beschreibt vielleicht sogar den bescheidenen Schauspieler Markwart Müller-Elmau: „I would prefer not to.“ Dabei stammt er aus einer großen Künstlerfamilie, ja, -dynastie: mit 60 Cousins und Cousinen und drei Geschwistern. Müller-Elmaus Großvater, der Theologe und Philosoph Johannes Müller, eröffnete 1916 das Schloss Elmau zwischen Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald als „Freiraum des persönlichen Lebens“ – inzwischen ist dieser traumhafte „Zauberberg“-Schauplatz ein Luxushotel und diente vor einigen Jahren als Kulisse eines G-7-Gipfels. Hier verbrachte Müller-Elmau in sicherer Lage die letzten Jahre des Krieges.

Chancen und Umbrüche

Sein Vater Eberhard Müller-Elmau war jahrzehntelang Protagonist und Oberspielleiter am Deutschen Theater in Göttingen. Auch Markwart arbeitete als Regisseur und Oberspielleiter, unter anderem bei Ulrich Khuon in Konstanz und am Staatstheater Kassel; seit 1992 ist er wieder ausschließlich Schauspieler. Sein verstorbener Bruder Raidar war ebenfalls Schauspieler, auch seine Nichten Katharina Müller-Elmau und Carolin Conrad, der Neffe Alexander Müller-Elmau ist Bühnenbildner und Regisseur. Seine Frau lernte Markwart am Theater kennen, die gemeinsame Tochter ist 3sat-Koordinatorin beim ZDF. „Ich bin überrascht, wie gut sich meine Tochter in der Öffentlichkeit bewegt. Ich selbst bin eher weltfremd – vielleicht gerade wegen dieser Riesenfamilie.“

Markwart Müller-Elmau angekündigt als Dorfrichter Adam 1982 am Theater Konstanz. Foto: Theater Konstanz

„I would prefer not to“: Markwart Müller-Elmau sieht hierin auch eine Chance, ja Herausforderung für das Theater in Krisenzeiten. „Wir dachten immer, wir müssen etwas produzieren. Ich sehe aber das Positive von jemandem, der vorzieht, nicht mitzumachen. Vielleicht ist das jetzt die Chance des Theaters, mehr über andere Möglichkeiten nachzudenken.“

Mit manchen Umbrüchen, die im letzten Jahr mehr Fahrt aufgenommen haben, tut er sich schwer, etwa den Gendersternchen: „Wir müssen unser Verhalten ändern, nicht nur das Reden. Warum sind wir nicht einander gegenüber fair? Natürlich müssen Frauen auch finanziell die gleiche Anerkennung bekommen.“ Immerhin dreißig Jahre lang hat er als Regisseur oder Oberspielleiter den „Besetzungsjob“ gemacht, auch mit dem Konstanzer Intendanten Hans J. Ammann und dem Chefdramaturgen und späteren Intendanten Ulrich Khuon: „Wir waren drei Männer, und das war sicher nicht gut. Aber wir haben uns Gedanken gemacht und Entscheidungen getroffen und waren nie böswillig.“

Glückliche Begegnungen

Als altersweiser Mann fühlt er sich nicht, wohl aber als einer, der viel Glück gehabt hat im Leben, privat und beruflich – hier vor allem in der Begegnung mit dem „integren“ Ulrich Khuon. Jüngst bei den Proben zu „Michael Kohlhaas“ hat Müller-Elmau festgestellt, „dass ich alt geworden bin“. Bei der von Kriegenburg gewünschten ungeheuren Sprechgeschwindigkeit in Kleists Text sei er – der immer noch beachtlich rasch spricht – bei einer Probe ins Schleudern geraten; aber noch sei genug Zeit gewesen zum Üben.

Aufführungsfoto von „Zauberberg“ am Deutschen Theater Berlin. Ein älterer Mann ganz in weiß gekleidet und weiß geschminkt.

Markwart Müller-Elmau in Sebastian Hartmanns viel gelobtem „Zauberberg“ am Deutschen Theater Berlin. Foto: Arno Declair

Noch vor zwei Jahren, meint Müller-Elmau, habe er sich bei der Bühneninszenierung von „Lear“ sicherer und ohne Zögern auf der Bühne bewegt. Im Mai fühlte er sich im Livestream des „Zauberbergs“ für das Theatertreffen „plötzlich ganz alleine auf der Bühne – ich hatte es in der Probe wohl nicht registriert, dass dann die Kameras auch weg waren“. Ein Schreckmoment, andererseits auch fast ein Moment des Theaterglücks: „Die Bühne ist in der Inszenierung ein Sehnsuchtsort.“

Markwart Müller-Elmau, der Schauspieler ist Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin. Geboren 1937 in München. Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule Berlin, erstes Engagement am Theater St. Gallen im Rollenfach „Naturbursche“. Ab 1959 Schauspieler, Regisseur und Oberspielleiter in Kassel, Freiburg, Konstanz und Ulm. Seit 1992 ausschließlich Schauspieler: am Nationaltheater Mannheim, Staatsschauspiel Hannover, Thalia Theater Hamburg und seit 2009 am Deutschen Theater Berlin.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 9/2021.