Der Siegerentwurf für den Neubau des Rostocker Volkstheaters von Hascher Jehle Architektur.

Eine Wende in Rostock

Das Volkstheater Rostock kämpft mit dem neuen Intendanten Ralph Reichel nach wie vor um einen Neustart. Dabei hat das Theater endlich wieder eine Perspektive.

Nun also zog die Zukunft ein ins Foyer: mit dem Modell vom Neubau für das Volkstheater in Rostock. Und die Entscheidung der Jury könnte womöglich tatsächlich so etwas wie ein Befreiungsschlag werden. Ralph Reichel jedenfalls empfindet das so. Er ist seit Beginn der Saison Intendant und Geschäftsführer des Hauses, nach drei Jahren als Stellvertreter an der Seite von Joachim Kümmritz, der – aus Schwerin beziehungsweise aus der Rente kommend – die Leitung am Volkstheater 2016 an einem Tiefpunkt übernommen hatte. Im Streit mit dem Vorgänger Sewan Latchinian hatte die Stadt die Bühne in die wohl tiefste Krise der Rostocker Theatergeschichte stürzen lassen, Kümmritz und Reichel begannen bei null.

Mittlerweile hat sich das Theater konsolidiert; obwohl der wieder erstarkte Überlebenswille weiterhin von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Leidensfähigkeit und Opfer fordert. Aber Stadtgesellschaft und Theater sind, so empfindet es Reichel, mittlerweile endlich wieder im Gespräch miteinander. Und ohne das geht gar nichts.

Markantes Städtebauzeichen

Im Januar entscheidet die Bürgerschaft der Hansestadt über das weitere Vorgehen im Umgang mit dem siegreichen Neubauentwurf, und Intendant Reichel ist voller Zuversicht, dass grünes Licht aus dem Rathaus leuchtet – und so auch die vom Land Mecklenburg-Vorpommern zugesagte knappe Hälfte der projektierten Baukosten von 110 Millionen Euro gesichert werden kann. Ein wenig Unruhe stiftet immer wieder (wie recht oft in der jüngeren Rostocker Theatergeschichte) der amtierende, von CDU und FDP gestützte Oberbürgermeister: Claus Ruhe Madsen, ein parteiloser Däne (Deutschlands erster Großstadtchef ohne deutschen Pass, wie der Städtetag vermeldet). Die Entscheidung über den Fortgang der Neubaustory, europäische Ausschreibungen inklusive, trifft aber der Rat der Stadt.

Der wie in Ostseewellen um den Bühnenturm herumgelegte Entwurf des Berliner Architekturbüros Hascher Jehle würde ein markantes Städtebauzeichen für Rostock setzen und hätte durchaus Chancen, ein Wahrzeichen zu werden: am Kanonsberg gelegen mit Blick auf Stadthafen, Schiffe und Kräne. Theatermann Reichel hat sich obendrein gefreut, dass nicht nur architektonische Ambition, sondern auch deutlich spürbare Theaterkenntnis den Entwurf prägt; einer der hauptsächlich beteiligten Baumeister hat wirklich mal am Theater gearbeitet und weiß auch darum mehr über spezifische Notwendigkeiten als üblich. Reichel hofft nun auf den günstigsten Fall: die Fertigstellung des neuen Volkstheaters in gut sechs Jahren.

Wachsende Offenheit zwischen Stadt und Theater

Die Vorbereitungen zur Eröffnung kann er dann noch selber planen – Reichel hat sich einen Vertrag über fünf Jahre erstritten, und es leuchtet ein, dass gerade in Vorlauf und Begleitung des Neubauprozesses Kontinuität wichtig ist. Die hatte sich der Dramaturg und Regisseur auf ungewöhnliche Weise auch zuvor in Schwerin erkämpft – immerhin drei Mal ist er dort rausgeflogen, stets im Konflikt mit Schauspielchef Peter Dehler, aber genauso oft hat der ihn wieder zurückgeholt. Das riecht nach Rekord.

Porträt von Ralph Reichel

Intendant des Volkstheater Rostock: Ralph Reichel. Foto: Dorit Gätjen

„Schwerin war meine Theaterschule“, sagt der 1968 in Sachsen geborene Reichel, der noch als Teen in Vorwendezeiten bei Frank Castorf assistierte – bei „Sojas Wohnung“ am Deutschen Theater und für „Das trunkene Schiff“ an der Volksbühne –, der dann nach Weimar zu Christina Emig-Könning wechselte und in Leipzig studierte. Auch Halle war eine der Stationen danach, und in Wendezeiten gründete Reichel auch eine Fernsehproduktion.

Das gerade ja wieder in starken Stürmen schlingernde Theater der mecklenburg-vorpommerischen Landeshauptstadt, stets besser ausgestattet als das in Rostock, ist über viele Spielzeiten hin zur Basis für Reichel geworden; später neben der Arbeit an der Schauspielhochschule in Rostock, die jetzt zum wichtigen Kooperationspartner für den Intendanten geworden ist: auch mit dem studentischen Studio 3. Zu den Spezialitäten in Schwerin gehörte übrigens seine Vorliebe fürs avancierte Musical: mit „Solo Sunny“ oder der extrem erfolgreichen „Rocky Horror Picture Show“. Auch in Rostock pflegt er Musical und Operette, etwa bei Sommerprojekten in der Halle 207 am Hafen – und natürlich trägt dieser neue Ton zur wachsenden Offenheit zwischen Stadt und Theater bei.

Stimmungswandel

Schwer vorstellbar bleiben die Motive für das über Jahre manifeste massive Zerwürfnis zwischen Theater und Stadt: „Zu viel wurde übers Theater und übers Geld geredet“, meint Reichel heute. „Elfenbeinturm geht hier halt nicht!“ So viele in der einstigen Arbeiterstadt waren ja zu Wirtschafts- und Wendeverlierern geworden, dass es für die Befindlichkeiten der Theaterleute kaum Verständnis gab. Dabei ist auch das Volkstheater „brutalst runtergespart worden“; es liegt finanziell heute weit unter Schwerin und noch viel tiefer unter Halle…

Jetzt aber sieht Reichel endlich eine Art Stimmungswandel: Theaterleute würden wieder eingeladen, bei einem Empfang der Kaufmannschaft sei er erstmals im Frack unterwegs gewesen. Der Chef vom Hansa-Fußballclub habe sich im Gespräch erinnert, dass nur das Volkstheater „einen schlechteren Ruf als der Verein gehabt“ habe – jetzt aber konnten beide zusammen viele tausend Karten verkaufen: fürs Weihnachtssingen im Ostseestadion. Und der erste Glückwunsch zu Reichels Berufung kam vom Zoodirektor: „Da war ich angekommen.“ Wenn das nicht die Wende ist…

Kreativ neu organisieren

Wichtiger als alles aber bleibt: „Sich öffnen, für alle“, sagt Reichel, und „den Apparat kreativ neu organisieren“ – auch mit Quereinsteigern wie einem früheren Requisiteur, der jetzt auf die kaufmännische Leitung zustudiert. Der Ausstieg aus dem Bühnenverein und kommunalen Arbeitgeberverband, durch Latchinian und Stefan Rosinski vom Zaun gebrochen, hatte die Gagen „in den Keller gedrückt“, jetzt, sagt Reichel, „bewegen wir uns langsam wieder auf die Normalität zu“.

Und die Bilanz der ersten Monate? Kann sich sehen lassen. Und hören auch: Eine neue Verdi-„Traviata“ sowie die Wiederaufnahme der klassischen „Frau Luna“- Operette reüssierten im Musiktheater, das Schauspiel begann mit einer sportiv-spektakulären Shakespare-Arbeit von Angelika Zacek. „Richard III.“ durchlebt hier Aufstieg und Fall an einer bühnenhohen Stufen- und Kletterwand von Bühnenbildner Martin Fischer, und die Regisseurin markiert deutlich die Allgegenwart zeitgenössischer Richard-Wiedergänger, auch ohne Buckel und Hinkefuß. León S. Langhoff, Sohn der aktuellen Chefdramaturgin Anna Langhoff, erzählt derweil kompakt und trotzdem verspielt von „König Ödipus“ (in Hölderlins Fassung), Stephan Thiel belebt noch sehr studentisch, aber voll Zeitgenossenschaft und in Kooperation mit der Hochschule, „Andorra“ von Max Frisch. Auch das ist ja Zukunft. Das Neubaumodell im Foyer ist nicht allein geblieben.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.1/2020.