„Es macht mehr Sinn, wenn ich etwas für junge Menschen mache als für Erwachsene.“
Foto: Paulina Neukampf © Annette Hauschild/Ostkreuz Text:Andreas Falentin, Ulrike Kolter, am 4. April 2021
Paulina Neukampf ist durch ihre Inszenierungen von Texten Elfriede Jelineks bekannt geworden. Jetzt tritt die Regisseurin in Paderborn ihre erste Leitungsstelle an: im Kinder- und Jugendtheater.
Mitten im harten Lockdown, am 1. Januar 2021, ging am Theater Paderborn jott an den Start, die neue Sparte für Kinder- und Jugendtheater, finanziell ermöglicht durch das Förderprogramm Neue Wege des Landes Nordrhein-Westfalen. Premieren gab es situationsgemäß noch keine zu sehen, Kommunikations- und Partizipationsangebote an junge Menschen aber durchaus. Eine Überraschung war die Besetzung der künstlerischen Leitung des immerhin 10-köpfigen Teams des jott mit der 40-jährigen Regisseurin Paulina Neukampf.
Neukampf hat in ihrer Karriere häufig theaterpädagogisch gearbeitet und viele Inszenierungen für das Kinder- und Jugendtheater herausgebracht, zwei für sehr junges Publikum auch in Paderborn. Aber ihre Karriere schien sich zuletzt deutlich in Richtung des „erwachsenen“ Theaters zu bewegen, etwa mit dem von Publikum und Kritik gefeierten, für das Theater Oberhausen entwickelten Jelinek-Audiowalk „Prinzessinnendramen“. Jetzt wird Paulina Neukampf ihre Zeit auf Sicht zwischen Ostwestfalen und ihrem Wohnort Berlin aufteilen, abgesehen von einer auswärtigen Inszenierung pro Spielzeit. In einem Zoom-Gespräch gab sie uns freimütig Auskunft über…
…ihre erste Leitungsstelle:
„Leitung bedeutet für mich in erster Linie: Teamarbeit. Es geht darum, auf die Menschen zu hören, mit denen ich zusammenarbeite – und darauf, ihnen gute Aufgaben zu stellen. Damit wir zusammen Entdeckungen machen, auf neue Ideen kommen, kreativ arbeiten können. Als Leiterin wie als Regisseurin interessieren mich Gruppenprozesse sehr. Das ist hier umso wichtiger und schöner, weil es sich um eine neue Sparte handelt.“
…Kinder- und Jugendtheater an sich:
„Oft habe ich das Gefühl, dass es mehr Sinn macht, wenn ich etwas für junge Menschen mache als für Erwachsene. Die jungen Menschen von heute regieren uns in 20 Jahren, werden unsere Ärztinnen und Ärzte sein, unsere Polizei, unsere Generalinnen und Generale, unsere Lehrerinnen und Lehrer. Was wir heute für diese Menschen tun, wenn wir sie auf unsere Weise am Theater mit Wissen, mit Empfinden, mit Empathie ausstatten, bekommen wir vielleicht in 20 Jahren zurück.“
…Pläne und Themen:
„Wir haben den Klimaschutz als Thema für unsere erste Spielzeit gewählt, weil sich junge Leute heute dafür politisch engagieren. Ich erinnere mich nicht, mit 12 oder 13 Jahren auf Demonstrationen gewesen zu sein. Auch ich habe die Schule geschwänzt, aber eher, um am Ostseestrand abzuhängen. Ich hatte damals keine politischen Themen im Kopf. Dass das heute bei vielen jungen Menschen anders ist, bewegt mich sehr. Mit dieser Themensetzung wollen wir sagen: Wir sind bei euch, wir verstehen euch, lasst uns einen Dialog führen.
Leider konnten wir, aus den bekannten Gründen, noch keine unserer vier geplanten Produktionen für die verschiedenen Altersgruppen zeigen. Übrigens haben wir alle Produktionen sowohl mobil als auch stationär auf der Bühne geplant. Mit Besetzungen von einer oder zwei Personen und gut transportablen Bühnenbildern können wir uns den Hygienekonzepten jeder Schule oder anderer Institutionen anpassen. Dazu kommen partizipative, auch digitale Angebote wie der Podcast ,Lauschen und Rauschen‘ oder eine Schreibwerkstatt, aus der eine Lesung und später auch ein Hörbuch entstehen sollen.“
…Theater für verschiedene Altersgruppen:
„Ich entwickle Inszenierungen mit meinem Team, vor allem natürlich mit Schauspieler*innen zusammen. Wir untersuchen die Themen für Kinder und Jugendliche genauso ernst, wie wir das bei Erwachsenen tun würden. Wenn es um Tod geht, geht es um Tod. Ob das jetzt eine Katze ist, eine Puppe oder ein Ehepartner – es geht in erster Linie um Verlust, um ein emotionales Loch, das dadurch entsteht. Ein Unterschied zwischen diesen zwei Altersgruppen wäre vielleicht, dass ich oft in meiner Arbeit für Kinder und Jugendliche noch abstrakter werden kann als im Theater für Erwachsene. Und es wird verstanden. Aber vielleicht stimmt nicht mal das.“
…Umgang mit Theatertexten:
„Für mich ist eine Textvorlage vor allem Anker. Wenn ich mich im Probenprozess verrenne oder verliere, kann ich immer noch zum Stücktext zurückkommen. Grundsätzlich gehe ich aber frei und kreativ mit Texten um. Ich mache auch Stückentwicklungen, wo nichts vorgegeben ist als ein Thema, das wir mit selbst gefundenen und entwickelten sowie mit Fremdtexten erforschen; oder inszeniere Textflächen wie bei Elfriede Jelinek, von der ich zwei Texte gemacht habe. Das ist fantastisch für mich. Hier kann ich mit meinen Schauspieler*innen assoziativ arbeiten und so das im Text in Bewegung gesetzte Rad noch weiter drehen.
Im Kinder-und Jugendtheater hat der Umgang mit dem Text mit der Altersgruppe zu tun, für die man arbeitet. Zum Beispiel haben Drei- bis Sechsjährige oft einen Drang zum Realismus. ,Das ist doch eine Unterwassergeschichte. Wieso haben die jetzt da ein Blatt Papier? Das wird doch komplett nass.‘ Darauf muss man gefasst sein. Und da ist dann manchmal ein von Autor*innen geschriebener Text hilfreicher.“
…Probenarbeit:
„Als Regisseurin sitze ich ja draußen und bin Zuschauerin. Ich gebe den Schauspieler*innen Aufgaben und versuche so Situationen zu kreieren, die mich selbst überraschen. Natürlich habe ich auch meinen eigenen Film im Kopf. Aber was dann herauskommt, ist eine Überraschung im besten Sinne. Wenn ich gute Aufgaben gestellt habe, kann ich wirklich zwei Stunden ohne Unterbrechung sitzen und mir das, was die Schauspieler*innen auf der Bühne entwickeln, anschauen. Wirklich einfach anschauen. Ich will und kann nicht bei den Proben ständig die Kontrolle übernehmen. Das kostet mich zu viel Kraft und Emotionen und würde den kreativen Prozess eher stoppen.
Gerade in den ersten zwei Probenwochen, wenn die Schauspieler*innen ihren Text noch nicht können, sprechen und handeln sie viel intuitiver. Sie verstehen die Figuren und Situationen vollständig, und öfters geben sie ihnen eine komplett neue Farbe, die mit auswendig gelerntem Text nie auftauchen würde. Diese ersten Wochen sind meistens der wichtigste Moment in meinen Proben, weil wir aus der Erfahrung des selbstständigen, freien Kreierens in dem späteren Prozess, wenn der Text und die vorgegebenen Situationen dazukommen, schöpfen können.“
…ihre Bühnenästhetik
„Auch der Raum soll für mich nicht vollständig kontrollierbar sein, denn ich will ja auf den Proben etwas Neues entdecken. Ich will nicht auf die erste Probe kommen und schon alles wissen, meine Notizen auspacken und sagen: ‚So machen wir das.‘ Mich interessiert das Spielen an sich. Und ich finde es langweilig, sechs Probenwochen lang auf dieselbe Kulisse zu schauen, die schon aus der Werkstatt gekommen ist und nicht mehr verändert werden kann, nicht mal mehr anders gefärbt. Da habe ich beispielsweise eine Kulisse mit drei Türen. Und die muss ich dann benutzen. Und will es nicht, denn eigentlich bin ich inzwischen ganz woanders. Aber jetzt steht das Ding da. Deshalb bevorzuge ich mobile Raumkonzepte. Ich will im Probenprozess noch etwas verändern können.“
…Heimat:
„Meine ganze Familie lebt nach wie vor in Polen. Ich bin 1980 geboren, und meine Großeltern haben mir viele Geschichten aus der Kriegszeit erzählt. In Polen gründet der Patriotismus sehr tief. Vieles, was in Polen unter Patriotismus läuft, würde in Deutschland bereits ‚Nationalismus‘ heißen. Als ich hierherkam, war ich mir sicher, keine Vorurteile gegenüber Deutschland zu haben, habe aber bald gemerkt, dass das nicht stimmt. Ich habe dann versucht, reflektierend diese Art des Denkens loszuwerden – das hieß aber auch: ‚Loswerden‘ von gewissen Anteilen der polnischen Identität, sich ein wenig von dem eigenen Kulturkreis, der eigenen Geschichte, der Opfer- oder Underdog-Haltung emanzipieren, eben weil ich jetzt in Deutschland lebe.
Mit Frankreich oder Italien wäre das wohl wieder ganz anders. Ich habe da bewusst versucht, eine Balance zu finden, und glaube, das ist gut gelungen. Ich habe nicht das Gefühl, etwas verloren zu haben, im Gegenteil: Umso bewusster bin ich mir jetzt als Polin, aber auch als Deutsche, denn inzwischen habe ich beide Staatsbürgerschaften. Und angekommen fühle ich mich schon sehr lange.“
Paulina Neukampf, geboren 1980 auf der Insel Wolin/Polen, lebt in Berlin. Seit dem 1. Januar 2021 leitet sie die neue Kinder- und Jugendtheatersparte des Theaters Paderborn jott. 1999 bis 2004 Lehramtsstudium an der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen, Abschluss mit dem Magister in Polonistik. 2003 bis 2009 Ausbildung in Butoh-Tanz in Tokio und Berlin. 2006 Umzug nach Berlin. 2007 bis 2017 Leitung von Theaterworkshops für Kinder und Jugendliche in Hamburg, Berlin, Greifswald und auf Schloss Bröllin/Vorpommern. In dieser Zeit Lehrerin für Polnisch in Tokio und Berlin. 2011 bis 2015 Regiestudium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Dramaturgien unter anderem am Maxim Gorki Theater Berlin, am Thalia Theater Hamburg und am Schauspiel Graz. Publikumspreis beim Festival Junge Regie der Körber Stiftung für die Inszenierung von Elfriede Jelineks „FaustIn and Out“. Seit 2015 freie Regisseurin mit Inszenierungen unter anderem am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, JES Stuttgart und Theater Oberhausen.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.4/2021.