Die Jurydebatte beim Mülheimer Dramatikpreis 2026

Mülheimer Stücke 2026: Doppelsieg für Kim de l’Horizon

Die Mülheimer Theatertage 2026 sind traditionell mit der öffentlichen Jurydiskussion zu Ende gegangen. Gewinnerstück ist Kim de l’Horizons „Die kleinen Meerjungraun“. Auch andere Nominierungen dieses Jahrgangs sind lohnende Textvorlagen fürs Theater.

So spannend kann es werden im Finale der Mülheimer Theatertage, wenn die fünfköpfige Jury beieinander sitzt und in öffentlicher, auch im Livestream übertragener Diskussion den Mülheimer Dramatikpreis (ehemals Mülheimer Dramatikerpreis) vergibt: die mit 15.000 Euro dotierte, wichtigste Auszeichnung für neue Theater-Texte im deutschsprachigen Raum. Nicht ohne Grund sitzen ja fünf Jurorinnen und Juroren am Tisch und werden von der Gesprächsleitung durch maximal sechs Abschnitte der Debatte geführt. Sie sprechen in der Regel über sieben Theaterstücke, die von einer anderen Jury in der Vorauswahl nominiert worden sind – aus über 220 möglichen und diskutierten Uraufführungen der Spielzeit. Einstimmigkeit ist durchaus möglich im fünften Schritt der Debatte, wenn die Plädoyers gehalten werden; aber auch eine Entscheidung im eindeutigen 4-zu-1-Format. In den meisten Fällen aber ist das Ergebnis knapper: 3 zu 2. Zur Verlängerung kann es kommen, wenn zum Beispiel noch zwei Stücke mit je zwei Stimmen im Spiel bleiben. Dann wird um die letzte, die fünfte Stimme, noch einmal gekämpft. Oder – wie diesmal geschehen – der Moderator hat Glück: Und das letzte Plädoyer, das er aufruft, übernimmt als letzte Stimme die Rolle des Züngleins an der Waage – und entscheidet.

Das spannende Finale

Dem Regisseur Jan Gehler fiel im Mülheimer Festival-Finale diese schöne Rolle zu – und er hat sie ausgekostet. Immerhin rangen bis dahin nach eigenem Bekenntnis noch beide übrig gebliebenen Preis-Optionen um Gunst und Vorzug in Gehlers Herz und Hirn. Und er hätte vielleicht gern für beide Stücke votiert, die bis dahin schon zwei Stimmen hatten – für „Aufzeichnungen aus einem weißen Zimmer“ von Anna Behringer, uraufgeführt von Thirza Bruncken am Schauspiel in Leipzig, und für „Die kleinen Meerjungraun“, den neuen Theatertext des Schweizer Autors, der unter dem anagrammatisch durchschüttelten Pseudonym Kim de l’Horizon erfolgreich ist. Die Uraufführung von Alia Luque (Trio ACE) kam von den Bühnen Bern nach Mülheim.

Szene aus „Die kleinen Meerjungraun”. Foto: Fabian Stransky

Beide, Kandidat und Kandidatin, rühmte Gehler noch einmal als außergewöhnlich „sprachmächtig“. Diese Einschätzung hatten zuvor auch schon die übrigen Jurorinnen und Juroren geteilt: die Schauspielerin Vidina Popov (vor einiger Zeit Trägerin des auch beim Festival verliehenen Gordana-Kossanovic-Preis) und die Journalistinnen Katrin Ullmann und Sarah Heppekausen, die – auch das ist eine Mülheimer Regel – als Sprecherin des Gremiums zur Vorauswahl in der Schluss-Jury dabei war. Neben Gehler jurierte auch der am Hamburger Schauspielhaus tätige Dramaturg Christian Tschirner, der nebenbei zum Autoren-Kollektiv „Soeren Voima“ gehört und mit Kollegin Lynn T. Musiol als les dramaturx-Team gerade die Eröffnungs-Präsentation beim Hamburger „Körber-Studio Junge Regie“ gestaltet hatte.

Gehler hat die finale Spannung gelöst und die letzte, die entscheidende Stimme an Kim de l’Horizon und „Die kleinen Meerjungraun“ gegeben, wie übrigens auch die Mülheimer Kundschaft, die diesem Stück den Publikumspreis zuerkannte. Auch der ist dotiert, seit dem vorigen, dem Jubiläumsjahrgang Nummer 50. Zuvor hatte bereits die Dramatikerin Simone Saftig den (mit 15.000 Euro dotierten) Preis für das beste Kinderstück erhalten. Und gleich zur Eröffnung war der Hamburger Schauspielerin Barbara Nüsse der Gordana-Kossanovic-Preis für das vergangene Jahr überreicht worden. Es bleibt dabei: Das Festival in Mülheim kann stolz sein auf die Preiskultur, die es seit der Gründung 1976 gestiftet hat.

Kim de l'Horizon

Kim de l’Horizon. Foto: Valerie Reding

Im Vorjahr hatte DIE DEUTSCHE BÜHNE hier an die ersten fünf Jahrzehnte der Mülheimer Stücke erinnert. Die überaus haltbare zeitgenössische Energie des Stücke-Festivals hat auch der aktuelle, mittlerweile 51. Jahrgang bewiesen; einschließlich der angenehm unaufgeregten, sehr sachlich geführten Jury-Diskussion unter Leitung von nachtkritik-Redakteur Janis El Bira, der in der Woche zuvor selber Juror war beim Hamburger Körber-Studio.

Zentrale Themen zeitgenössischer Diskurse

Die sieben für Mülheim nominierten Stücke widmeten sich zentralen Themen zeitgenössischer Diskurse. Auffällig ist die Präsenz privater Versuche im Kampf um eigene Identitäten, um Zugehörigkeit und Anerkennung in der Gesellschaft. Literarische „Überschreibungen“ stehen – anders als in den Spielplänen der Theater – nicht so sehr im Mittelpunkt. Avishai Milsteins Stück „Play Auerbach“, ein Auftragswerk der Münchner Kammerspiele und naheliegenderweise sehr München-zentriert ist eher ein lokalbezogener Ausreißer: mit dem Blick aus der Zukunft hundert Jahre zurück auf das Kriegsende 1945, unter spezieller Beachtung der Rollen von Theatermenschen wie Therese Giehse und Otto Falckenberg. Bis zur Schlussrunde blieb das Stück in der Debatte. Wie auch „To my little boy“, das Stück der gerade (mit „Heartship“) viel gespielten Autorin Caren Jeß, die schon einen Mülheimer Preis bekommen hat – ein extremer Einzelgänger mit speziellen Vorlieben ist hier Anti-Held und Held einem. Marie Bues hat das Stück am Thalia Theater in Hamburg uraufgeführt.

Drei Stücke hatte die Jury zwischendrin in der traditionellen „Abschiedsrunde“ ausgelistet: „Druck“ von Arad Dabiri, uraufgeführt von Ayse Güvendiren am Nationaltheater in Mannheim (Shirin Ali aus diesem Ensemble erhält den Gordana-Kossanovic-Preis für dieses Jahr). „Der Girschkarten“ von Lukas Rietzschel, uraufgeführt von Enrico Lübbe und ebenfalls aus Leipzig nach Mülheim entsandt. Übrigens: das Haus in der Intendanz des demnächst scheidenden Enrico Lübbe ist der verlässlichste Neue-Stücke-Lieferant in jüngerer Zeit! Schließlich gab es noch „2 x 241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger“, das Projekt des Kollektivs „Frankfurter Hauptschule“. Wer auch immer sich mit neuen Texten fürs Theater beschäftigt, hätte sich auch andere Nominierungen gewünscht, womöglich sogar mit Chancen auf den Preis – „Auf der Suche nach dem verlorenen Bagger“ von Leo Meier etwa, uraufgeführt in Dresden von Matthias Reichwald, hätte das Spektrum des Mülheimer Stücke-Festivals unbedingt bereichert. Aber auch ohne Bagger blieb Mülheim stark – Glückwunsch an alle!