„Alles ist nur in meinem Kopf“
Foto: Andonis Foniadakis © Annette Hauschild/Ostkreuz Text:Vesna Mlakar, am 15. August 2025
Der griechische Choreograf Andonis Foniadakis hat mit seinen herausragenden Handlungsballetten die letzte Saison im Tanz mitgeprägt. Dabei fordern seine energiegeladenen Kreationen das Publikum heraus.
Seine erste abendfüllende Kreation in Deutschland stellte Andonis Foniadakis vor zwei Jahren mit „Urlicht“ am Staatstheater Kassel vor. Danach kamen mit „Troja“ für das Ballett des Gärtnerplatztheaters und in dieser Spielzeit „Ikarus“ für das Staatsballett Hannover zwei weitere Arbeiten hinzu. Bei letzteren beiden hatte der Tanzschöpfer das mythologisch eng mit seiner griechischen Heimat verbundene Thema selbst vorgeschlagen. „Der Tod und das Mädchen“ zu Musik von Franz Schubert in Kassel war dagegen ein Auftragswerk für den dortigen Doppelabend gleichen Titels. Allen gemein ist, dass sie vom Tod handeln. „Ein schwieriger Stoff, aber was ich hervorheben möchte, ist genau das Gegenteil. Es ist toll, am Leben zu sein und von etwas zu träumen, das geradezu unmenschlich ist. Natürlich stirbt Ikarus, und das ist tragisch, doch mein Fokus ist nicht auf den Kollaps gerichtet, sondern darauf, dass Menschen gemeinsam Außergewöhnliches schaffen können.“
Andonis Foniadakis sprengt Erwartungen. Er spricht mit Bedacht und dabei so offen und bestimmt, wie es seiner Ausstrahlung entspricht. Auf der Bühne bricht sich seine vitale Fantasie und explosive Lebenskraft mit unglaublicher Dynamik Bahn. Choreografisch gen Himmel gestaffelte Figuren zerschmelzen nur einen Wimpernschlag später wieder. Genauso wie bei „Bonds“ am Staatstheater Augsburg: Es gibt kein Durchatmen in seiner Welt aus physischer Energetik und Rastlosigkeit.
Wahrhaftiges Medium
Trends zu folgen lehnt er ab: „Ich liebe den Tanz als Kunstform, bin aber kein Sklave einer bestimmten Tanzästhetik. Die Herausforderung, zu zeigen, wie facettenreich ein Künstler sein kann, nehme ich gern an. An Regeln will ich mich nicht halten. Im Studio muss ich den Tänzerinnen und Tänzern gegenüber authentisch auftreten. Sie sind mein Medium, mit dem ich etwas Wahrhaftiges auf die Bühne bringe.“

James Potter und Terra Hunter Kell in der Uraufführung von „Der Tod und das Mädchen“ am Staatstheater Kassel. Foto: Sylwester Pawliczek
Im Probenprozess leitet Foniadakis seine Interpreten an. Er gibt ihnen Empfindungen vor und kanalisiert dann in der Gruppe jene Gefühle, die er ausgedrückt sehen möchte. „Es ist mit Regieführen vergleichbar. Ich arbeite mit Menschen, die nicht nur Akrobaten sind, sondern auch Akteure, die die Fähigkeit haben, Emotionen mit ihren Bewegungen darzustellen. Meine Choreografien sind kein Spaziergang. Ich brauche das Vertrauen der Tänzer, muss sie verzaubern.“ Er weiß, dass er als Choreograf die Gabe hat, Menschen in ein Vorher-Nachher-Gefühl zu versetzen. In „Almyra“ – einem Stück des Vierteilers „Elements“ von Gauthier Dance – katapultiert der gebürtige Kreter das Publikum mitten hinein in einen reißenden Strudel. Ausgehend von der sinnlichen Erfahrung, wenn Salzwasser auf der Haut trocknet, lässt Foniadakis ein Meer aus Bewegung und Licht in all seiner ungeheuren Kraftentfaltung über die Bühne tosen: bedrohlich, tückisch und todbringend gefährlich, bis Wind und Wellen sich quasi wieder legen.
Sprungbrett Stuttgart
Der kanadische Tänzer und Choreograf Eric Gauthier, der 2007 Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart gründete, war vor acht Jahren der Erste, der Foniadakis nach Deutschland holte. „Ich habe nie erwartet, dass ich mal in dieses Land kommen würde. Dann habe ich realisiert, dass es hier so viele Theater und Compagnien wie nirgendwo sonst gibt.“ „Streams“ war ein kurzer Rausschmeißer und schlug ein wie eine Bombe. Heute findet Foniadakis Abendfüller befriedigender. „Je weiter ich mich als Künstler entwickle, desto mehr möchte ich dazu einladen, in ein Universum abzutauchen.“
Die Trampoline in seinem „Bolero“ sind kein bloßes Experiment. „Es ist wirklich schwierig, auf einem Trampolin zu tanzen, und auch nicht einfach, das Interesse daran für eine so lange Zeit wachzuhalten. Ich bin selbst als Tänzerin Maurice Béjarts ‚Boléro‘ mit einem großen runden Tisch aufgetreten. Meine eigene Version wollte ich unbedingt mit einem referenziellen Blick darauf machen – ohne wieder einen Tisch auf die Bühne zu stellen.
Vertikaler Puls
Da kam mir dieser vertikale Puls in den Sinn. Spontan dachte ich an eine Membran: ‚Was, wenn ich etwas Instabiles verwende, das keinen festen Boden hat?‘ So entstand die Idee mit den Trampolinen. Simpel, rund, überraschend anzusehen, doch keineswegs außerhalb meiner Art, etwas auf den Weg zu bringen, mit dem mich eine persönliche Erfahrung verbindet.“ Für „FireWorks“ in Stuttgart wurde die Anzahl der Mitwirkenden im Stück nochmals erhöht. Nun hat er es auch mit seinem Ensemble in Athen einstudiert.
Seine eigene Compagnie Apotosoma hatte Foniadakis, der heute in Paris und Athen lebt, bereits 2003 – damals noch in Lyon – gegründet. Sie weiterhin als feste Gruppe zu führen, musste er wegen seines großen internationalen Engagements aufgeben. Projektweise arbeitet er mit den Tänzerinnen und Tänzern dennoch weiterhin zusammen.
Direktion in Athen
2016 war ihm die Leitung des Griechischen Nationalballetts übertragen worden. Eine Aufgabe, die er damals euphorisch anpackte: „Ich hatte große Ambitionen und das Potenzial, etwas zu verändern.“ Die Strukturlosigkeit in der Compagnie und Verwaltung war allerdings so ausgeprägt, dass sich kaum etwas von dem umsetzen ließ. „In Griechenland datiert vieles noch aus den 1940/50er-Jahren, was mir in diesem Ausmaß nicht bewusst war, als ich den Vertrag unterschrieb. Erst danach realisierte ich, wie wenige Optionen ich überhaupt hatte, und entschied mich, wieder zu gehen.“

Die Neukreation „Ikarus“ an der Staatsoper Hannover mit Nikita Zdravkovic (r.) und James Nix. Foto: Carlos Quezada
Nach nur zwei Jahren gab er die Direktion in Athen auf, „weil klar war, dass wir in einer Sackgasse steckten. Meine Karriere als Choreograf lief gut. Statt mich auf Eventualitäten zu beschränken, suche ich lieber nach neuen Möglichkeiten, die mich künstlerisch weiterbringen“. Ob er nochmals einen Leitungsposten annehmen würde? „Nicht, dass ich es mir nicht vorstellen könnte, aber mein Lifestyle besteht darin, viel herumzureisen. Es müsste sich mit meinem künstlerischen Input als Choreograf verbinden lassen. Um bloß als Kurator oder Verwalter zu fungieren, habe ich zu viel Energie und zu viele Ideen.“
Bewegungssprache im Wandel
Am stärksten beeinflusst habe ihn der Japaner Saburo Teshigawara, erzählt Foniadakis. „Ich arbeitete als Freelancer mit ihm, nachdem ich das Lyon Opera Ballet verlassen hatte: eine meiner größten Offenbarungen und eine lebensverändernde Erfahrung. Die Intensität, die Philosophie und das Gedankengut hinter jeder Bewegung waren neu für mich. Ich fand, das passt zu mir, und ich fühlte mich plötzlich wohl in meiner Haut. Als klassisch und modern ausgebildeter Tänzer waren mir Mats Ek, William Forsythe, Jiří Kylián, Nacho Duato und Ohad Naharin vertraut.
Aber meine Technik war eher eckig und ungleichmäßig. Durch Saburo Teshigawara wurden meine Bewegungen flüssiger. Er hat in mir eine innere Beweglichkeit freigesetzt, mich und meine Wahrnehmung verändert. Seitdem versuche ich, jede noch so kontrollierte Geste sehr luftig und sehr wellenförmig zu gestalten.“ Seine Ballette sind kein Wohlfühlprogramm. Bisweilen scheinen seine Figuren direkt der Hölle zu entspringen – wie die Tänzerin Anneleen Dedroog im kurzen Solo „Nebel“, das er 2021 für Eric Gauthiers weiterhin digital abrufbares The Dying Swans Project geschaffen hat. Aber gerade weil sie jederzeit die totale Aufmerksamkeit des Publikums einfordern, sind seine Stücke so fesselnd. Stets kann man diese abstrakt oder in Zügen narrativ erfassen. Zugleich stecken sie voller Symbole, Querverweise und emotional aufgeladener Spannungen. Hier zündet ein Funkenschlag, da passiert eine Kettenreaktion. Solistische Auftritte und Ensemblepassagen fließen quasi nahtlos ineinander über.
Radikale Körperlichkeit
Zwei Soli hatte er einst für sich selbst kreiert. Als ihm in Taipeh mitten im Stück der Meniskus riss, improvisierte er fünf Minuten lang, ohne seine Beine bewegen zu können. „Ist das nicht komplett verrückt?“ Was auch immer man von ihm sieht oder hört – stets schwingt etwas ureigen Archaisches mit. Für ihn als Choreograf steckt in allem etwas Unvorstellbares. „Allein der Moment, in dem man auf die Bühne geht, ist Verrücktheit genug.“ Foniadakis braucht Zeit, um wieder runterzukommen, wenn er im kreativen Modus ist. „Ich habe gelernt, die Schönheit in den ruhigen Momenten zu finden, wo keine Menschen um mich herum sind – durch die Natur und in den wundervollen Sternennächten bis zum frühen Morgen.“ Hörbares und Visuelles um sich herum saugt er auf.
Über die Jahre hat er einen technisch wie physisch sehr herausfordernden, unmittelbar körperlichen Stil entwickelt, der den Tänzerinnen und Tänzern absolute Hingabe, Dynamik, Schnelligkeit, viel Emotionalität und zugleich totale Ehrlichkeit abverlangt. „Meine Technik variiert, je nachdem, woran ich arbeite und was ich ausdrücken will. Sie ist da, aber sie hat Elastizität – ich kann davon abweichen und wieder darauf zurückkommen.“ Wie viele Stücke er bislang kreiert hat, vermag Foniadakis auf Anhieb nicht zu beantworten. Gemeinsam mit seinem festen Team für Musik und Bühnenausstattung, deren Mitverpflichtung an den Theatern bei Uraufführungen für ihn obligatorisch ist, stemmt er „jährlich drei bis vier Uraufführungen – nächste Spielzeit werden es sogar noch mehr“.
Griechische Sprache
Am längsten arbeitet er mit dem französischen Komponisten und Sounddesigner Julien Tarride zusammen. „Betrachtet man unseren Rhythmus seit fast 23 Jahren, kommen gewiss über 80 Produktionen zusammen.“ Warum er all seine Werke zusätzlich mit einem griechischen Titel versieht, beantwortet er lachend: „Nur so kann ich meine Herkunft noch rechtfertigen. Zudem ist die griechische Sprache dermaßen reich. Für manche Worte gibt es nicht mal eine adäquate Übersetzung.“ Niederschriften zu seinen Arbeiten gibt es keine. „Ich bin kein Choreograf, der in Notizbücher schreibt. Wenn mir etwas einfällt, behalte ich es dauerhaft. Alles ist nur in meinem Kopf. Passiert mir etwas, wird alles, was ich je gemacht habe, verschwinden.“
Andonis Foniadakis wurde 1972 in Ierapetra auf Kreta geboren. In den 1980erJahren begann er zu tanzen. Später studierte er an der National School of Dance in Athen und kam dank eines Maria-Callas-Stipendiums an die Rudra Béjart School in Lausanne. 1994 engagierte ihn Maurice Béjart für das Béjart Ballet Lausanne. Weitere Stationen führten ihn zum Ballet de l’Opéra de Lyon und zur Karas Company von Saburo Teshigawara, dessen Arbeit er als „lebensverändernde Erfahrung“ beschreibt. 2003 gründete er seine eigene Compagnie Apotosoma in Lyon. Seither choreografierte er u. a. für das Ballet de l’Opéra de Lyon, Aterballetto, die Sydney Dance Company und Ballets Jazz Montréal. Von 2016 bis 2018 leitete er das Griechische Nationalballett. Heute arbeitet er als freier Choreograf und lebt in Athen und Paris.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.4/2025.