„Ein Sommernachtstraum“ von Juliano Nunes an der Oper Leipzig. Eine Gruppe weiß gekleideter Tänzer halten eine Pose. Im Hintergrund zwei riesige, im Sprung gegriffene Pferde.

Keine Worte fürs Erwachen

Juliano Nunes: Ein Sommernachtstraum

Theater:Oper Leipzig, Premiere:07.11.2026 (UA)Autor(in) der Vorlage:William ShakespeareMusikalische Leitung:Matthias ForemnyKomponist(in):Felix Mendelssohn Bartholdy, Samuel Barber

Mit der Uraufführung der Ballettadaption von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ kehrt Choreograf Juliano Nunes zurück an seine alte Wirkungsstätte, die Oper Leipzig, und lässt klassische Balletttechnik mit modernen Einflüssen verschmelzen.

Für den brasilianischen Choreografen schließt sich mit der Uraufführung in Leipzig persönlich ein Kreis: Juliano Nunes gehörte selbst vor zehn Jahren als Tänzer zum Corps des Leipziger Balletts. Nach Stationen am Royal Ballet of Flanders in Belgien, wo er 2017 sein Choreografie-Debüt mit „Back Forward Back“ gab, folgten weitere Arbeiten unter anderem für das Nederlands Dans Theater, das Royal Ballet London und das Ballett Zürich. Seit 2021 ist Nunes Resident Choreographer am Philadelphia Ballet in den USA. Hier begann auch die enge Zusammenarbeit mit dem Bühnen- und Kostümbildner Youssef Hotait. Mit seiner Neu-Bearbeitung von William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ kehrt Nunes nun als Choreograf zurück zur Oper Leipzig und zu seiner ehemaligen Tanz-Compagnie – gemeinsam mit Youssef Hotait.

Konzentrische Kräfte

Zu Beginn sind wir – zunächst untermalt von Dmitri Schostakowitschs düsterer Kammersinfonie (op. 110a) – am Königshofe von Hippolyta (Ester Ferrini) und Theseus (Juliano Toscano). Hier erwächst der Disput des unbeugsamen Vaters Egeus (Igor Silva) mit seiner zutiefst unglücklichen Tochter Hermia (Caetana Silva Dias), die Demetrius heiraten soll. In diese bedrohliche Dreier-Melange mischt sich dann Hermias eigentliche Liebe Lysander ein. In dieser ersten Szene am Königshofe zeigt sich, dass Nunes mit fließenden gegenläufigen Bewegungsfolgen und konzentrischen Kräften, besonders in den Pas de deux, arbeitet.

Die Figuren sind in Ausdruck und Haltung differenziert ausgearbeitet. Der Demetrius von Nikita Gaćinović strahlt mit kantigeren Bewegungen etwas Stolzes, formal Strenges aus, während Andrea Carinos Lysander mit wippenden, federnden Schritten wie ein verspielter Charmeur wirkt. Im Solo scheinen sich durch Caetana Silva Dias’ Körper die widerstrebenden Emotionen, das Hadern ihrer Hermia hindurchzuwinden. Allerdings verliert sich diese individuelle Charakterzeichnung im Verlauf des Abends. Schließlich flüchten Hermia und Lysander in den Zauberwald, gefolgt von Demetrius und der ihn liebenden Helena (Camilla Chiesi).

Sinnliche Welten

Zentrales Bühnenelement des Waldes ist ein kahler, orangefarbener, verschlungener Zauberbaum, der an die Peitschende Weide aus „Harry Potter“ erinnert, nur verwunschener und friedlicher. Der Zauberbaum ist vor allem der Schauplatz des Feenreiches und der Geschichte zwischen Puck, König Oberon (Evandro Bossle), Königin Titania (mit beeindruckender Leichtigkeit: Soojeong Choi) und deren magischem Kind. Der Puck von Tiziano Botteri – steinböckig mit weißer Fellhose, Hufarmen und zu Hörnern geschwungenen Zöpfen – wirkt passend zur Fantasiewelt wie ein Wesen, das unberechenbar in seinen Bewegungen zwischen anmutiger, bewusster Verlangsamung und ungestümen, tierischen Einsprengseln changiert.

Hotait versetzt den Bühnenraum in ein Ran- und Rauszoomen zwischen Zauberbaum und Zauberwald, der sich zu Beginn des zweiten Aktes als im Nebel waberndes, mystisches Baumlabyrinth zeigt. Der Wald ist Schauplatz für die probende Handwerkertruppe und die beiden liebenden Paare. Bei der Rückkehr an den Königshof dominieren zwei riesige, sich aufbäumende Pferde den Hintergrund sowie rechts und links zu den Seitengassen hohe, massive Säulengänge, die dem Ensemble größtmöglichen Raum auf der Bühne lassen.

„Ein Sommernachtstraum“ von Juliano Nunes an der Oper Leipzig. Oberon steht hinter Titania und streckt seine Hand in die Höhe, Titania beugt sich zur Seite.

„Ein Sommernachtstraum“ von Juliano Nunes: Oberon (Evandro Bossle) und Titania (Soojeong Choi). Foto: Ida Zenna

Musikalische Vielfalt

Für die Leipziger Produktion entschied sich Nunes für die bekannteste musikalische Umsetzung des Sommernachtstraums von Felix Mendelssohn Bartholdy, passend zu den aktuell stattfindenden Leipziger Mendelssohn-Festtagen. Hinzu kommen die Musiken Samuel Barbers sowie Arvo Pärts, Kurt Weills, Béla Bartóks, Dmitri Schostakowitschs, Edward Elgars und das Intermezzo von Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“, die dieser romantisch-ätherischen Klangwelt zwischen Königshof und Zauberwald zeitgenössischere, dramatischere Elemente hinzufügen.

Das Gewandhausorchester unter der Leitung von Matthias Foremny spielt mit Verve die verschiedenen Stimmungen zwischen den Stücken aus. Trotz der Vielzahl an musikalischen Handschriften gelingt es Foremny und dem Gewandhausorchester, eine tragende Verbindung zwischen den Musiken zu schaffen.

Erzählstruktur

So fließend Juliano Nunes die Übergänge zwischen Tanzformationen und den Musiken gestaltet – es gibt so gut wie keine Abbrüche in der Bewegungsfolge, jede Bewegung geht nahtlos in die nächste über – so merklich fällt die Unterscheidbarkeit zwischen handlungstreibenden und handlungsarmen Passagen ins Auge. Erstere stechen mit illustrierend pantomimischer Untermalung heraus. Letztere fokussieren sich auf die vertanzten Emotionen, bei denen der Handlungsfortgang in den Hintergrund tritt.

So erscheint die Passage relativ breit erzählt, in der Oberon mit Pucks Hilfe versucht, an Titanias magisches Kind (souverän und anmutig: Alica Bähr) heranzukommen. Die Vorgeschichte – einnehmend und dramatisch – nimmt sich viel Platz, bis die Erzählung dorthin gelangt, wo Titania mit dem in die Augen geträufelten Nektar einer magischen Blume außer Gefecht gesetzt wird. Denn der Zaubersaft löst beim Erwachen eine Blitzverliebtheit in den in einen Esel verwandelten Handwerker Nick Bottom (in der Schauspielversion: Zettel) aus. Der derart abgelenkten Titania raubt Oberon das Kind.

Nachdem sich auch die durch den Zaubertrank hervorgerufenen Liebeswirren zwischen Hermia, Lysander, Helena und Demetrius gelegt haben, tauchen die beiden Paare aus der Traumebene des Waldes wieder auf und werden im großen Finale zur Hochzeit am Königshof geladen. Zum Schluss bleiben Hermia und Lysander auf der leeren, dunkel schimmernden Bühne zurück. Der Traum ist vorüber. Eine gelungene, aber nicht ganz mitreißende Rückkehr von Juliano Nunes nach Leipzig.