Foto: „Magnificat“ von Marie Chouinard auf der euro-scene Leipzig 2026. © Sylvie-Ann Paré
Text:Karolin Berg, am 4. November 2026
Zur Eröffnung der euro-scene Leipzig 2026 kontrastiert die kanadische Choreografin Marie Chouinard in ihrem Doppelabend „Magnificat / Henri Michaux: Mouvements“ eine poetische, sakrale Bildsprache mit der Brutalität von belebten Tuschezeichnungen.
Marie Chouinards choreografische Arbeiten sind seit über vier Jahrzehnten prägend für den zeitgenössischen Tanz, insbesondere für die sehr lebendige und innovative Tanzszene Kanadas. In ihren Werken vereinen sich Tanz, Bildende Kunst, Musik und Performance. Jetzt sind zwei ihrer Choreografien zum ersten Mal auf der euro-scene Leipzig im Doppelabend „Magnificat & Henri Michaux: Mouvements“ zu erleben – kontrastreich und intensiv, wie es ihre tänzerische Handschrift auszeichnet.
36. euro-scene Leipzig
Bei der diesjährigen 36. Ausgabe des Internationalen Tanz- und Theaterfestivals steht die kanadische Provinz Québec im Fokus. Mit 13 Gastspielen (fünf davon aus Québec), drei Uraufführungen, mehreren Europa- und Deutschlandpremieren sowie Künstler:innen, neben Kanada aus Frankreich, Syrien, Italien, Deutschland, der Schweiz, Südkorea, dem Iran und Großbritannien, bietet das Programm sechs Tage lang unterschiedliche Zugänge zu der sie verbindenden Frage, was Heimat bedeuten kann – ein Ort, ein Gefühl, Beziehungen, ein Kollektiv oder „etwas, das wir gemeinsam gestalten“, so Festivalleiter Christian Watty.
Magnificat
Die Eröffnung der euro-scene Leipzig gestalten die in Québec geborene Marie Chouinard und ihre Compagnie aus Montréal. Zum biblischen Lobgesang Marias aus dem Lukasevangelium komponierte Johann Sebastian Bach sein gleichnamiges erhabenes „Magnificat“, das er in einer ersten Fassung in Es-Dur, BWV 243a, in der Leipziger Thomaskirche als neuer Kantor 1723 uraufführte. 303 Jahre später bringt Chouinard Bachs Komposition in der Einspielung von La Chapelle Royale und dem Collegium Vocale Gent unter Philippe Herreweghe auf die Große Bühne des Schauspiel Leipzig.
Bevor die feierliche Musik Bachs einsetzt, wohnen wir der Aufwärmphase bei: Vom Band ist das Orchester, das sich einspielt zu hören, Lichtspots werden auf der leeren Bühne eingerichtet, die Tänzerinnen und Tänzer wärmen sich auf – nur als Schattenrisse zu erkennen.
Stimmige Gesamtkomposition
Dann wird es prachtvoll-erhöhend: Die zwölf Sätze Bachs mit jeweils einer farblichen Lichtstimmung (Licht, Bühne und Kostüme ebenfalls von Marie Chouinard) in sakralem Rot, himmlischem, Jungfrau-Maria-Blau, mächtigem Gold oder Purpur unterlegt, verkörpert das Ensemble in wechselnden Miniaturen von offenen Linien, Prozessionen und Kreisbewegungen – extrem variabel und kurzweilig anzuschauen. Die Tänzer:innen in hautfarbenen und -engen Shorts und oberkörperfrei tragen lediglich goldglänzende, flache Scheibenhüte, die an einen Tellernimbus aus der christlichen Ikonografie, zur Darstellung des Heiligenscheins, erinnern. Wie die Scheibenhüte bei Chouinard verformt sich der kreisrunde Tellernimbus der Renaissance-Malerei durch Perspektivverschiebung zu einer Ellipse. Die Choreografin überträgt so die Perspektivverzerrung der Bildenden Kunst in den dreidimensionalen Raum des Bühnentanzes.
Chouinard lässt Bachs feierliche Klänge auf die fast nackten Leiber der Tänzer:innen treffen, die in ihrer Blöße und Verletzlichkeit irritierenderweise das Transzendente verkörpern. Dadurch setzt sie das Fleischliche in Spannung zum Göttlichen und verdeutlicht zugleich, dass es eben nur Menschen sind, die das Göttliche ausdrücken können. Ekstatisch schwingt dabei die geistliche Musik durch die wippenden, tippelnden und federnden Körper hindurch. Wobei die Formationen in höchster Präsenz und Präzision, aber stets in der Individualität der Einzelnen aufleuchten. Sowohl die Gesangsstimmen, als auch einzelne Instrumente wie Flöte und Oboe scheinen in die Körper einzudringen und sie auszufüllen.
Brüche in der Erhabenheit
Beeindruckend ist, wie im dritten Satz „Quia respexit humilitatem“ die Tänzerin, auf dem Boden eingesunken, vom hellen Sopran emporgezogen wird, sich spannungsvibrierend die Brust aufrichtet, die Arme fließend nach oben streben. Die exakte Abnahme der Bewegungsflüsse und Gesten von einem Tänzer auf den anderen wirkt spielerisch und organisch. Das Ensemble agiert dabei durchgängig als kraftvolle Einheit.
Am Ende der Sätze bricht Chouinard die Erhabenheit, indem das zehnköpfige Ensemble nie auf den Punkt endet, sondern mit Lachen und dem langsamen Versiegen der Körperspannung irritierende Komponenten einstreut. Diesen Kontrapunkt setzt sie auch ein, wenn sich im siebten Satz die Tänzer:innen wie Derwische um sich selbst drehen, um dann aus der Figur virtuos heraustaumelnd ihre Unvollkommenheit auszustellen.
Von der Zeichnung zum Tanz – Henri Michaux: Mouvements
Marie Chouinards zweite Choreografie „Henri Michaux: Mouvements“ wurde 2011 beim ImPulsTanz Festival in Wien uraufgeführt. Die Bewegungsspuren der abstrakten Tuschezeichnungen, die sich in dem 1951 erschienenen Buch „Mouvements“ des Zeichners und Literaten Henri Michaux finden, übersetzt Marie Chouinard in eine Tanzpartitur. 64 Zeichnungen, unterbrochen von einem Gedicht und mit einem Nachwort des Zeichners schließend, fließen aus ihrer Statik in die Körper der Compagnie und werden so in raum-zeitliche Bewegung versetzt.
Zunächst erscheinen die kleinen und großen, mal klecksigen, mal strichigen Tuschezeichnungen, die auf ein weißes Skizzenbuch auf die Bühnenrückwand projiziert werden, noch unschuldig, ja lieblich. Der weiße Bühnenboden ist die um 90 Grad gekippt Verlängerung des Skizzenbuchs, auf dem das Ensemble agiert. In kleinen Solos ahmen, ganz in schwarz gekleidet, je ein:e Tänzer:in mit Streckungen, Aufdehnungen, Verfringungen oder Kontraktion nacheinander die Skizzen nach und werden so zu einer lebendigen Kaligrafie. Die Energie der Zeichnungen zunächst als Pose festgehalten, extendiert in Bewegung in zwei-, dreifacher Wiederholung. Was als harmloser Medientransfer von Bildender in Darstellende Kunst beginnt, wandelt sich qua der eigens für diese Choreografie entwickelten, ohrenbetäubend(!) lärmenden „Musik“ von Louis Dufort in Härte und Brutalität.
Extension und Variation
Die Zeichnungen scheinen von den Körpern mit abrupten, explosiv-verdrehten Bewegungen zu grauenerregendem Leben erweckt. Die treibende Geräuschkulisse bedrängt einen als Zuschauerin so, dass es körperliches Unwohlsein hervorruft. Das entzieht dem Visuellen auf der Bühne die Aufmerksamkeit und lässt einen durch die schiere Dauer des anhaltenden Lärms hoffen, es möge aufhören – gedehnte Zeit wird hier leiblich spürbar. Das ist schade, denn so kann man zwar nicht behaupten, dass „Mouvements“ einen nicht tangiert – man ist mit viel körperlichem Aushalten beschäftigt – doch den eigentlichen Fokus auf die tänzerische Umsetzung und Qualität unterläuft dieser Musikeinsatz, der sich zu einem Krachteppich ohne unterscheidbare instrumentale Nuancierung entwickelt.
Eine Steigerung auf visuell-tänzerischer Ebene legt Chouinard durch Tempoverschärfung sowie die Variation von Solos, Duetten, hin zu Ensemble-Zeichnungen an. Insgesamt wirkt „Henri Michaux: Mouvement“ nicht zuletzt qua der drängenden elektronischen Musik Duforts wie ein überwältigender, aufreibender Rausch. Die Compagnie wird mit tobendem Schlussapplaus bedacht. Für Migräniker:innen, neurodiverse Menschen oder schlicht Personen, denen ihr Gehör lieb ist, empfiehlt sich der zweite Teil des Abends nicht – der erste umso mehr.

Die Tänzerinnen und Tänzer beim Schlussapplaus von „Magnificat/Henri Michaux:Mouvements“ auf der euro-scene Leipzig. Foto: Iona Dutz