„Cinderella“ von Ricardo Fernando am Staatstheater Augsburg. Zwei Tänzerinnen spreizten die Glieder auf der Spitze von sich.

Ein Hoch auf die fantasievollen Nerds

Ricardo Fernando: Cinderella

Theater:Staatstheater Augsburg, Premiere:31.10.2026 (UA)Musikalische Leitung:Ivan DemidovKomponist(in):Sergei Prokofjew

Schulbank statt Schloss: Choreograf Ricardo Fernando überführt in seiner Uraufführung von „Cinderella“ am Staatstheater Augsburg das barocke Märchen in eine sehenswert moderne, stilistisch heterogene Erzählung. Da gibt es keine böse Stiefmutter mehr, sondern eine mobbende Klassengemeinschaft.

Der Prinz als bloßer Retter ist out – und auch eine selbstsüchtige Stiefmutter mit fiesen Töchtern, die das egostark-gutherzige Mauerblümchen Cinderella böse unterdrücken, sucht man in dieser Version vergebens. Ebenso muss das Zueinanderfinden Seelenverwandter – zumal noch in Teenagerjahren – nicht mehr sogleich durch eine Heirat final besiegelt werden. Dass es in früheren Zeiten angesichts eines hierarchisch streng gegliederten Gesellschaftsgefüges de facto kaum Möglichkeiten gab, sozial aufzusteigen, ist ebenfalls längst passé, genauso wie das Schloss als Schauplatz.

Zeitgemäße Anpassungen scheinen keineswegs zum Romantik-Aus für barocke Märchen wie Charles Perraults „Cendrillon“ zu führen – und schon gar nicht in der Sparte Tanz. Mit gleich mehreren „Cinderella“-Neuinterpretationen in dieser Spielzeit lebt der Trend, mit modernen Erzählstrukturen psychologisch gegenwärtige Dynamiken abzubilden, auf der Ballettbühne wieder voll auf.

Zeitgenössisch umgekrempelte Interpretation

Das Gros dieser Aufführungen wird getragen von Sergej Prokofjews klangintensiver Ballettmusik von 1945: eine meisterhaft-vielschichtige Partitur, in der die der Titelfigur zugeordneten lyrischen Leitmotive stellenweise rhythmisch fast schaurig-heftig, manchmal humorvoll oder emotional aufgewühlt und meist in schlagzeugdichten schnellen Tempi konterkariert werden. Damit taugt Prokofjews „Sound“ in idealer Weise zum sprichwörtlichen Fass ohne Boden für choreografischen Einfallsreichtum und Modifikationen am ursprünglichen Libretto.

Den Anfang hat nun Ricardo Fernando, Ballettchef am Staatstheater Augsburg, gemacht. Für seine jüngste Uraufführung im seit einem Jahrzehnt als Ersatzspielstätte fungierenden martini-Park setzte Fernando voll auf das Wagnis einer dezidiert zeitgenössisch umgekrempelten Interpretation, die unterm Strich zum „perfekten Match“ wurde. Dazu begleiten die Augsburger Philharmoniker das sich manchmal fast zu flott entwickelnde Geschehen nicht nur exzellent, sondern mangels Orchestergrabenvertiefung unter Ivan Demidovs musikalischer Leitung auch optisch gut verfolgbar.

Coup des Stücks ist eine rasante videoanimierte Autofahrt (Lieve Vanderschaeve). Als diese plötzlich abbricht, wird ein herrlich komischer Theatermoment daraus und die Suche des Prinzen nach seiner vermeintlich unbekannten Ballpartnerin mit dem verlorenen Schuh in der Hand kann im Saal beginnen. Den Vorhang ziert, ebenfalls animiert, das markante Schulwappen eines internationalen Colleges: halb Strauß, halb Schlange. Ausstatter Pascal Seibicke hat die Bühne in ein Klassenzimmer verwandelt, an dessen Wänden unzählige mit Kreide vollgeschriebene Tafeln hängen. Über weite Strecken dominieren Schulbänke den Raum. Stets ein Hingucker ist, wie virtuos diese von den in Socken tanzenden Tänzerinnen und Tänzern in die Choreografie eingebunden werden.

Superbarbie auf High Heels

Das Sagen hat hier Gabriela Finardi, eine herrische Schulleiterin, die ihre Zöglinge mit riesigen Schritten und weit ausgreifenden Armgesten anspornt, bis diese ihre Bücher lautstark zuschlagen respektive auf die Tischplatten knallen. Manche – darunter die gemeinen Anführer Afonso Pereira und Adrià Vilar Algueró – schätzt sie mehr; Cinderella, der einzig der Prinz Empathie entgegenbringt, merklich wenig.

Auch Fátima López García darf sich in ihrer Rolle einer wie ein Model aufgetakelten Tanzlehrerin in goldener Robe überzogen gebärden. Wie Superbarbie auf High Heels lässt sie ihre langen blonden Haare immer wieder fliegen. Ihr affektiertes Verhalten kommt bei den Schülern prima an. Sie kennt sich aus in der Gebärdensprache der Mächtigen, Reichen und Schönen. Ein Kontrapunkt zur brillentragenden Internatsschülerin Cinderella.

„Cinderella“ von Ricardo Fernando am Staatstheater Augsburg. Eine Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern umringt einen sitzenden Tänzer.

„Cinderella“ von Ricardo Fernando am Staatstheater Augsburg mit Thomas Krähenbühl und Ensemble. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Novum: alternierende Besetzung

Mit seinem regulär 18-köpfigen Tänzerensemble inszeniert Fernando mehr als nur einen radikalen Bruch und schickt sogar zwei alternierende Besetzungen ins Rennen. Die Folge: Mit Soyoka Iwata und Álvaro Olmedo sitzen bei der Premiere zwei beliebte Kompaniemitglieder auf der Ersatzbank und können dem hinreißenden Sich-Näherkommen-Debüt ihrer Kollegen Kako Kijima (Cinderella) und Thomas Krähenbühl (Prinz, ebenfalls mit Brille) zusehen. Was ein riesiger Spaß ist, denn die beiden wissen den Draht zueinander behutsam aufzubauen und Vertrautheit miteinander in einem Körperschütteln wie unter elektrischer Spannung auszudrücken.

Solch eine Doppelbesetzung ist ein Novum für Augsburg, das auf Anhieb irritieren mag. Gleichzeitig spiegelt sich darin die stringente Weiterentwicklung einer hierarchielos organisierten Kompanie, deren zahlenmäßige Größe Fernando mittels dreier Praktikumsstellen bzw. Volontariate für angehende professionelle Tänzerinnen und Tänzer am Ende ihrer Ausbildungszeit aufstocken konnte.

Tierische Helfer

Núria Codolà Benito (Maus), Julie Raiss (Vogel) und Titouan Favre (Frosch) lassen sich bei ihren Auftritten kein bisschen Unerfahrenheit anmerken. In traumartigen, temporeichen Sequenzen fusionieren sie aufs Beste mit der restlichen Tierschar, die sich Kako Kijimas powervolle, sympathische Cinderella – Typ Außenseiterin, aber weder oberflächlich, noch dumm – in einsamen Augenblicken herbeidenkt. Sie verschmelzen mit Hirsch (Nikolaos Doede), Bär (Diego Urdangarin), Dachs (Adrià Vilar Algueró), Fuchs (Adrià Vilar Algueró) und Hase (Giulia Finardi) zu furios umherwirbelnden Paaren mit ausreichend Energie, um das Selbstbewusstsein eines zu Unrecht schikanierten Mädchens zu stärken.

Das Ballett Augsburg präsentiert sich derzeit personell so gut aufgestellt, dass Ricardo Fernando seine „Cinderella“-Geschichte für ein heutiges junges Publikum zu entwickeln vermochte. Nach der Pause heben sich die Protagonisten – Cinderella (jetzt in silbernen Spitzenschuhen) und der „Prinz“ – durch ein wesentlich klassischer ausformuliertes Partnern vom Rest der Ballgemeinschaft ab.

Die Fee als Mutmacherin

Teil dieser stilistischen Heterogenität ist der im Repertoire der Augsburger Truppe sonst selten eingesetzte Spitzenschuh-Tanz. Sinnbildhaft gelingt es der taffen Cinderella dank eigener Imagination und Kreativität, der unerträglichen Stimmung in ihrer desaströsen Klassengemeinschaft zu entkommen, von der sie nur gemobbt und ausgelacht wird. Bücher sind der Fundus von Cinderellas Fantasie. Dort scheint auch die Fee ihren Ursprung zu haben, die Fernando ihr – neben den mit abstrahierten Kopfbedeckungen versehenen Waldtieren – zur Seite stellt. Darauf lässt zumindest das mit Symbolen übersäte Feenkostüm der durchgehend auf Spitze agierenden Tänzerin Tomona Seike schließen.

Deren Rolle symbolisiert, was Fernandos Lehrkörper, der viel Wert auf Außenwirkung und gute Selbstdarstellung legt, im Schulkosmos offenbar abgeht: eine Kraft, die als Mutmacherin das Vertrauen ins eigene Ich stärkt und die prompt vom Ball ausgeschlossene Cinderella dazu motiviert, selbst die Initiative zu ergreifen. Ganz nach dem Motto: Wer vom kollektiven Mainstream ausgeschlossen wird, kann seine Ohnmacht ins Gegenteil verkehren, indem man – bildlich gesprochen – demonstrativ gegen den Strom schwimmt. Und am Ende finden in dieser beachtlichen Produktion mit dem Prinzen und Cinderella sogar zwei solcher Nerds zusammen.