Foto: Edoardo Brovardi (l.), Anthony Michael Pucci (r.) und Ensemble des Hessischen Staatsballetts in „Nachtträume“ von Marcos Morau. © Sinah Osner
Text:Miguel Schneider, am 7. November 2026
Mit „Nachtträume“ von Marcos Morau hat das Hessische Staatsballett im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main schon jetzt ein Highlight der Saison auf die Bühne des Wiesbadener Staatstheaters gebracht. Das 2022 beim Ballett Zürich uraufgeführte Stück ist ein ambitioniertes Gesamtkunstwerk aus Tanz, Text, Musik und eindrucksvollen Bildern.
Noch bevor sich der Vorhang hebt, ziehen Geräusche und Lichtwechsel durch den Saal und machen klar, dass dieses Stück nicht nur auf der Bühne stattfinden will. Dann öffnet sich eine Welt mit Szenen, in denen die Rationalität des Tages mit einer grenzenlosen und oft irrationalen Nacht changiert. Marcos Morau selbst ist kein Tänzer. Der 1982 in Valencia geborene Leiter der Kompanie La Veronal hat Fotografie, Bewegung und Theater studiert, und das sieht man. Der Choreograf denkt die Bühne als Ganzes. Einzelne Bilder reiht er zu Szenen und montiert daraus einen Abend, der wie ein Film funktioniert.
Am runden Tisch der Macht
Eine Handlung gibt es nicht. Als Ankerpunkt führt eine Königin in glitzernder Robe und mit funkelnder Krone durch die Nacht. Tänzer Jorge Moro Argote spielt sie als eine ausgesprochen einnehmende Erzählerin und Herrscherin zugleich. Immer wieder fleht sie „Liebe mich“ ins Publikum. Sie doziert über eine Macht, die nur sich selbst dient, verkündet, dass eine alte Welt sterbe und eine neue geboren werde, und zitiert aus „Das Leben ist ein Traum“ des spanischen Dichters Pedro Calderón de la Barca. Genau darum geht es: Die Menschen träumen davon, ihr Leben unter Kontrolle zu haben, aber gerade in den eigenen Gedanken gelingt das selten.

Tänzer Jorge Moro Argote als Königin der Nacht in einer der humorvollsten und skurrilsten Szenen aus Marcos Moraus „Nachtträume“. Foto: Sinah Osner
Den historischen Bezugspunkt liefert Kurt Jooss’ „Der grüne Tisch“ von 1932. In diesem Anti-Kriegs-Ballett entscheiden Diplomaten über Krieg und Frieden und damit über das Schicksal von Millionen. Morau macht daraus einen großen runden Tisch, der sich dreht. Unter ihm kriechen allerdings keine Strippenzieher hervor, sondern uniformierte Untergebene. Später ist die Tischplatte mit Mikrofonen bestückt wie bei einem Gipfeltreffen, doch niemand hat hier wirklich das Sagen.
Darüber senkt sich ein expressionistisch anmutender Kronleuchter mit großen Leuchtkugeln. Die kopflosen Gestalten in Anzügen setzen sich diese Kugeln als Ersatzköpfe auf. Deutlicher lassen sich machtgierige Entscheidungsträger ohne Verstand kaum zeigen. An anderer Stelle sitzen Kameras, wo Köpfe sein sollten. Die Macht schaut zu und überwacht. Dazu mischen sich choreografische Referenzen zu Maurice Béjarts „Boléro“ und „Le Sacre du printemps“.
Bilder wie im Kino
Max Glaenzels Bühne und Silvia Delagneaus Kostüme stammen aus der Zürcher Produktion und greifen die Ästhetik der Zwischenkriegszeit auf. Weiße Hemden, kurze Hosen und Sockenhalter erinnern an den Stummfilm und an das Berlin der 1920er Jahre. Im Laufe des Abends werden die Kostüme immer opulenter. Tieni Burkhalters Videos lassen dazu flimmernde Schwarz-Weiß-Muster über den Hintergrund wandern und geben der Bühne noch mehr Tiefe. Man merkt, dass Morau ein großer Film-Kenner ist.

Das Ensemble in den Kostümen von Silvia Delagneau. Foto: Sinah Osner
Mit Nacht und Traum hat sich Morau schon häufiger befasst. In „Notte Morricone“ erzählte er 2024 für das italienische Aterballetto von den nächtlichen Schaffensstunden des Filmkomponisten Ennio Morricone. Statt leeren Raums und minimalistischen Outfits setzt die Inszenierung auf Ideenreichtum und lädt zum Entdecken ein.
Entstanden ist „Nachtträume“ in Zürich noch unter Christian Spuck, der heute das Staatsballett Berlin leitet und selbst ein Meister düsterer Schwarz-Weiß-Bilder ist. Dort ist Morau seit 2023 als Artist in Residence engagiert und hat 2025 mit der hochgelobten „Wunderkammer“ die Spur des Weimarer Kabaretts weiterverfolgt.
Ein singendes Tanzkollektiv
Das Tempo ist durchweg rasend. Die Tanzenden gestikulieren hektisch und stets geht es in kleinen Machtspielen um die eine Frage, wer oben ist und wer unten. Die Bewegungen sind ausladend und werden äußerst präzise dargeboten. Moraus Handschrift spielt bewusst mit fließender Harmonie und bricht sie immer wieder auf. Die Körper bewegen sich zuweilen eckig und ruckartig wie Marionetten, und ein Stoß an die Schulter oder ein gezogenes Bein setzt einen Impuls frei, der durch die Reihen wandert. Mit La Veronal hat der Choreograf dafür ein eigenes Bewegungssystem namens Kova entwickelt.
Die Choreografie folgt einer Traumlogik und ist stellenweise so exakt gesetzt, dass sie beinahe hypnotisch wirkt. Soli gibt es keine. Umso mehr glänzt das 28-köpfige Ensemble. Es wechselt mühelos zwischen feinen Abstraktionen und wuchtigem Tanztheater und zeigt, wie vielseitig diese Kompanie ist.

Das Bühnenbild von Max Glaenzel in „Nachtträume“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Foto: Sinah Osner
Grandios ist auch die Musik. Clara Aguilars Klangcollage verschmilzt Orchesterpassagen und Elektronik mit Schuberts Lied „Nacht und Träume“, Kurt Weill und Kabarettliedern. Immer wieder taucht darin Rachmaninows Prélude in cis-Moll op. 3 Nr. 2 auf, unter anderem in der Bearbeitung von Pierre-Yves Plat. Ballettkorrepetitor Waldemar Martynel spielt es auf einem Höhepunkt des Abends live an einem Flügel, der über die Bühne geschoben wird, und beweist seine Fähigkeiten als Pianist.
Live auf der Bühne setzt zudem eine Trompeterin Akzente. Sentimentale, fast tranceartige Momente und komische Szenen führen von einer Stimmung in die nächste, etwa wenn eine Herde Plüschschafe durch die Luft schwebt, als müsse man sie zum Einschlafen zählen. Unkontrolliert und irrational, so wie das Stück sein will. Zum Schluss formiert sich das Ensemble sogar zum Chor und singt dem Publikum entgegen. Langsam versinkt es dabei im Orchestergraben, während die Königin auf einem rauchenden Stuhlhaufen ein letztes Mal „Liebe mich“ ruft.
Verstehen muss man „Nachtträume“ nicht, und genau das macht den Abend so reizvoll. Modernes Tanztheater auf höchstem Niveau, das nicht nur einer Philosophie des Träumens bedient, sondern dank Moraus Ästhetik als cinematische Bilderfolge brilliert, die die eigene Gedankenwelt anregt. Das Tanzfestival Rhein-Main zeigt auch 2026 hochkarätigen Tanz und Ballettdirektor Bruno Heynderickx beweist mit dieser Wiedereinstudierung abermals ein sehr gutes kuratorisches Gespür.