„Die Leben der Andersen“ am Stadttheater Bremerhaven. Eine Frau im dunkelblauen Showkleid steht vor einem Mikrofon, vor ihr das Orchester mit Dirigenten, hinter ohr ein Holzpodest, auf dem acht junge Leute in schwarz-weißer Uniform stehen.

Lieselott vom Weserdeich

John von Düffel: Die Leben der Andersen

Theater:Stadttheater Bremerhaven, Premiere:07.11.2026 (UA)Regie:Bernd MottlMusikalische Leitung:Kai TietjeKomponist(in):Kai Tietje

In „Die Leben der Andersen“ erzählt John von Düffel die Lebensgeschichte der berühmtesten Künstlerin Bremerhavens – Lale Andersen. Regisseur Bernd Mottl gelingt mit der Uraufführung am Stadttheater Bremerhaven eine kluge und kompakte Erzählung der bewegenden Biografie der Sängerin.

Sie ist eine Ikone; 55 Jahre nach dem Tod noch mehr als zu Lebzeiten. Und der Name der Sängerin ist untrennbar verknüpft mit einem Lied, das Geschichte machte – von „Lili Marleen“ und Lale Andersen erzählen Autor John von Düffel und Komponist Kai Tietje jetzt in Bremerhaven; denn da kam Lale her.

Natürlich singen alle mit. Ziemlich lange liegt das schon in der Luft an diesem Premierenabend im Stadttheater Bremerhaven und sehr geschickt hebt sich die Inszenierung diesen Moment maximaler Emotion auf für den besten, historisch überzeugendsten Moment. Da haben nämlich die Kulturfunktionäre des deutschen Nationalsozialismus, Goebbels Schergen also, das Auftrittsverbot gerade gelockert für die Sängerin, deren Lied von „Lili Marleen“ in alle Weltsprachen übersetzt wird. Zu populär ist sie, als dass sie einfach so und ohne internationales Aufsehen zum Schweigen gebracht werden könnte.

Dramaturgisches Meisterstück

Sie darf also wieder singen – unter strengen Auflagen: Lieder vom Hafen und von der See, ja – aber nicht das Lied, mit dem sie weltberühmt geworden ist. Da tritt sie für eine Szene im zweiten Teil des Theaterabends, der an sie erinnert, vor den Vorhang und teilt dem Publikum mit, dass sie ein ganz bestimmtes Lied nicht mehr singen dürfe – und fragt, ob nicht das Publikum dieses Lied für sie singen könne … wen da die Emotion nicht packt, der hat keine.

Und nicht nur mit dieser szenischen Miniatur gelingt dem Autor John von Düffel ein dramaturgisches Meisterstück – weil er die Wirkungen von Material, Persönlichkeit und Publikum so geschickt zusammenzwingt. Viele Jahre lang hat von Düffel als Dramaturg, unter anderem an Ulrich Khuons Seite, das Profil von Theatern geprägt. Im mittlerweile zweiten Jahr leitet er selber als Intendant das E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg. Zeit zum Schreiben hat er sich immer genommen, hat dabei häufig und auf sehr pragmatische Weise die Werke anderer in neue Form gebracht. Insofern passt der Titel der Auftragsarbeit in Bremerhaven ganz gut zu John von Düffel, auch wenn „Die Leben der Andersen“ ein bisschen zu witzig zu spielen versucht mit dem vertrauten Filmtitel, unter dem vor 20 Jahren die Stasi-Ballade des Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck erschien.

Bremerhavens berühmteste Künstlerin

Sei’s drum. Bremerhaven, die See- und Hafenstadt, feiert den 200. Stadtgeburtstag in zwei Monaten, und das Theater feiert mit „Die Leben der Andersen“ die mit Abstand berühmteste Künstlerin, die von hier stammt; genauer: aus Lehe, dem Vorort, der 1905, im Geburtsjahr von Liselotte Bunnenberg, noch nicht zu Bremerhaven gehörte. Die junge Frau heiratet mit 17 den Kunstmaler Ernst Wilke, für den sie Muse ist (er will ihre „Stimme malen“) und mit dem sie drei Kinder bekommt. Aber es zieht sie zur Schauspielerei und nach Berlin. Hier beginnt von Düffels biografisches Spiel – beim aasig-arroganten Autor und Regisseur Bert Brecht fällt Liselotte aus Lehe krachend durch.

„Die Leben der Andersen“ am Stadttheater Bremerhaven. Eine Frau liest einen Brief, im Hintergrund steht ein Mann an eine aufgeklappte Holzleiter gelehnt.

„Die Leben der Andersen“ von John von Düffel mit Henning Z Bäcker und Jessica Trocha. Foto: Manja Herrmann

Nun versucht sie sich als Sängerin durchzuschlagen, mit Liedern vom Hafen, vom Meer und von Matrosen. Beim Gastspiel im fernen Zürich lernt sie einen jungen Pianisten und aufstrebend-ambitionierten Komponisten kennen – das ist der fünf Jahre jüngere Rolf Liebermann, Großneffe des Malers Max Liebermann. Eine Weile gehört das Mädchen aus Lehe nun zum Ensemble vom Züricher Schauspielhaus, Heimstatt vieler Emigranten aus Nazi-Deutschland. Als aber die Schweiz möglichst viele von ihnen wieder loswerden will (berühmtes Ausschaffungs-Motto: „Das Boot ist voll“), erfindet Schauspielhaus-Dramaturg Kurt Hirschfeld für sie den karrieretauglicheren Namen: „Lale“ wurde sie als Kind genannt und „Andersen“ hießen entlegene Verwandte.

Trügerisch rettende Reise

Von Düffels Szenenfolge erzählt pointiert an den bekannten Andersen-Biografien entlang. Die Szenen leben und schaffen historischen Überblick und politischen Horizont. Es hilft dabei sehr, dass (neben vier Herren in vierzehn Rollen!) insgesamt gleich fünf Darstellerinnen (und Stimmen!) für die Hauptfigur im Einsatz sind: Lotta Hackbeil als „blutjunge Liselotte“, Marsha B. Zimmermann als Liselott, die Künstlergattin auf der Flucht zu Liebermann, Jessica Trocha später als „Wilki“ (so nannte Liebermann die Geliebte), Kerstin Ibald als singende Lale und Ulrike Knospe als „Liselotte, die Ältere“. Kurz vor Kriegsende hat die sich auf Langeoog angesiedelt, kämpft mit den kanadischen Besatzungsoffizieren der Insel um den Pass für die (wie sie hofft) rettende Reise zu Liebermann nach Zürich.

Die Hoffnung aber trügt – Liebermann ist schon Musikchef beim Radio Beromünster, wird in Kürze Orchesterchef beim NDR in Hamburg werden und danach die Staatsoper in Hamburg übernehmen. Die Weltkarriere für ihn hat begonnen. „Wilki“ lässt er hinter sich. Die Trennung findet auf einer Bodensee-Fähre statt. Enttäuscht lässt sich Lale Andersen auf eine formale Ehe ein, um Schweizerin werden zu können. Im Grunde bleibt sie für Publikum und Medien fortan immer nur „Lili Marleen“. Zwei Filme erzählen ihre (also Lilis) Geschichte: 1956 gedreht von Paul Verhoeven, 1981 von Rainer Werner Fassbinder.

Spielball der Mächtigen

Neben von Düffels kluger, kompakter Erzählung überzeugt in Bremerhaven auch die Musik, die Kai Tietje der Geschichte mitgibt. Das meiste hat er selbst komponiert und alles, auch die Andersen-Titel, neu arrangiert – für großes Orchester, aber auch mit Anleihen bei Kurt Weill und Liebermanns modernem Schreiben, beim Jazz und bis hin zu Reggae-artigen Rhythmen. Und die hinreißendste Begegnung liefert das „eigentliche“ Sehnsuchtslied an Lili Marleen, die Soldaten-Braut – das ja gerade nicht vom Karriere-Komponisten und Nazi-Mitläufer Norbert Schultze stammt, sondern von Rudolf Zink, einem Schüler von Paul Hindemith. Zinks Lied ist viel schöner, melancholischer, morbider … nur halt viel zu kompliziert, als dass wir es mitsingen könnten.

Im Bühnenbild und in den Kostümen von Friedrich Eggert und in der sehr feinen und konzentrierten Inszenierung von Bernd Mottl hat das Stadttheater in Bremerhaven ein echtes Schmuckstück vorzuweisen – im geschärften Blick auf das Jahrhundert der deutschen Katastrophen. „Liselott vom Weserdeich“ war darin ein Spielball der Mächtigen – sich zu erinnern an ihren Weg, tut sehr gut.