Foto: Annelie Straub, Simone Oswald © Fabian Frinzel
Text:Anne Fritsch, am 31. Oktober 2026
Julia Brettschneider bringt in der Schauburg München das Kinderbuch „Zu Hause ist es am schönsten, sagte die linke Hand und hielt sich an der Heizung fest“ von Navid Kermani auf die Bühne. Das Ergebnis ist ein poetisches, vor allem aber enorm unterhaltsames Gesamtkunstwerk über Konflikte und Kompromisse.
Auf der kleinen Bühne der Schauburg, die im Grunde nicht mehr als eine winzige leere Fläche ist, befindet sich eine rote Scheibe, eine Spielfläche und Arena. Hier fallen sich die beiden Spielerinnen um den Hals, umarmen sich, sind ein Herz und eine Seele. Oder eher: ein Körper und seine linke Hand. Noch sind sie eins, doch das wird sich bald ändern.
Der Autor Navid Kermani erzählt in seinem Kinderbuch mit dem wunderbaren Titel „Zu Hause ist es am schönsten, sagte die linke Hand und hielt sich an der Heizung fest“ davon, wie die linke Hand sich gegen den Rest des Körpers auflehnt. Sie zettelt so etwas wie einen Mini-Aufstand an. Alle wollen verreisen – Augen, Nase, Ohren, Mund, Bauch, Kopf, Herz, Popo und so weiter – nur diese kleine linke Hand findet es Zuhause einfach am schönsten. Trotzig hält sie sich an der Heizung fest.
Ein poetischer Ringkampf
Regisseurin Julia Brettschneider inszeniert diese Geschichte der widerstreitenden Gefühle als eine Art poetischen und sehr lustigen Ringkampf der Schauspielerinnen Simone Oswald und Annelie Straub. Oswald ist jenes Ich, das so gerne verreisen will. In einem blauen Gewand aus verschiedenen Reifröcken erzählt sie, wie sich ihr ganzer Körper freut auf diese Reise. Die Augen auf den Nil, die Ohren auf die Musik, die Nase auf die Gerüche… Ihr Kragen wird mal Hut, mal Lauschtrichter, mal Oberlippe. Alle Körperteile geht sie durch – und gerade, als man sich fragt, wie lang es noch weitergehen soll mit dieser Harmonie und Freude, kommt sie zum letzten Körperteil, jener linken Hand. Trotzig verkündet Annelie Straub: „Ich will nicht verreisen!“
Brettschneider lässt die aufsässige Hand tatsächlich zur eigenständigen Figur werden. Sie übersetzt den inneren Konflikt in einen äußeren. Straub zieht sich ein knallgelbes Hand-Kostüm über, das aussieht wie eine riesige Klatschhand in einem Ski-Kinderland und übt sich in Protest. „Zuhause ist es am schönsten“, setzt sie all den Reiseträumen entgegen und klammert sich an einem kleinen Haus fest. Diese linke Hand ist zum einen der eigene Zweifel, zum anderen das Kind, das sich im Nein-Sagen übt. Was also tun? „Jetzt beginnt die eigentliche Geschichte“, verkündet die linke Hand fast ein wenig stolz. Denn es ist weniger eine Geschichte über das Reisen als eine über das Finden von Lösungen, die für alle passen. Was Navid Kermani da in Situationen übersetzt, die dem Publikum ab drei Jahren (und seinen Eltern) mehr als bekannt sein dürfte, ist ohne weiteres zu übertragen auf politische Entscheidungsfindungen. Nicht selten funktionieren die genau so, nämlich mit Widerstand und Kompromissen.
Bereit fürs Abenteuer
„Ich“ versucht alles, um die Hand zu überzeugen oder auch auszutricksen. Da wird der Klempner gerufen, um die Heizung von der Wand zu schrauben, als ein autoritäres „Du kommst jetzt gefällig mit!“ nichts nützt. Da wird die Heizung mit ins Taxi genommen und schließlich die Taxitür, an der sich die linke Hand dann festklammert, in den Flughafen. Schließlich realisiert „Ich“, das hier nur noch eines hilft, nämlich „ein Geschenk“. (Man könnte auch sagen: Bestechung.) Ein superwarmer „Hand-Schuh“, knallrot, in den sich die Hand hüllt wie in einen Schlafsack. Als die rechte Hand das sieht… Am Ende sind Rechts und Links jedenfalls wieder vereint, zumindest für den Moment.
Julia Brettschneider übersetzt die turbulente Geschichte in das Spiel der beiden fantastischen Darstellerinnen. Simone Oswald und Annelie Straub übersetzen die seelischen Turbulenzen in Choreografien, das Zerren, Flehen, Betteln, Schimpfen und Versöhnen wird zu einem Tanz. Ausstatterin Julia Bosch setzt auf die Grundfarben Rot, Blau und Gelb und Kostüme, die zu regelrechten Spielpartnern werden. Daneben braucht es keine Requisiten bis auf jenes kleine Haus, an dem sich die linke Hand festklammert, bis sie bereit ist, sich auf das Abenteuer und die Welt da draußen einzulassen. Was hier entsteht, ist eine wunderschöne Geschichte übers Streiten und Sich-Einigen. Und vielleicht auch darüber, dass Konflikte einfach dazugehören.