Foto: Damon Zolfaghari und Jasmina Musić zwischen Häuserblöcken aus Pappkartons. © Lukas Zander
Text:Martin Krumbholz, am 24. Oktober 2026
Antigone Akgün inszeniert am Prinz Regent Theater in Bochum die Uraufführung von „Als wir Schwäne waren“, nach dem Roman von Bezhad Karim Khani. Der Abend schafft Raum für beides: lustige Roggenbrot-Debatten und Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit.
Der VfL spielt an diesem stürmischen Herbstabend unentschieden, in der zweiten Liga wohlgemerkt. Der Mythos von der „Unabsteigbarkeit“ des Bochumer Fußballclubs ist eine der harmloseren Unbegreiflichkeiten, mit denen sich der in Deutschland aufwachsende persische Junge, Deutsch-Iraner der zweiten Generation, konfrontiert sieht. Die Vorliebe für Ketchup auf dem schönsten Essen und der „Helmut-Kohl-Sozialismus“ (so der Vater im Scherz) gehören ebenfalls dazu.
„Als wir Schwäne waren“, so der Titel des Romans von Behzad Karim Khani, ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die unverkennbar in den Achtziger- und Neunzigerjahren spielt, in der schier endlosen Kohl-Ära also. Am Ende wird der Heranwachsende mit einer Tüte Haschisch erwischt und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, aber das ist nur eine beiläufige dunkle Pointe. Im Kern geht es darum, wie sehr der Junge fremdelt mit alldem, was man deutsche „Identität“ nennt; auch der relativ unschuldige Romantizismus des jungen Grönemeyer („Bochum, ich komm aus dir“) ist ein Teil davon. Das Wort „Integration“ kennt man noch nicht, aber wie und warum man sich hier integrieren sollte, bleibt eine Frage. „Inzwischen kann ich gut genug Deutsch, um zu verstehen, was Grönemeyer singt“, sagt der Ich-Erzähler, „ich weiß nur nicht, warum er es singt.“
Die Bedeutungen dahinter
Im kleinen Bochumer Prinz Regent Theater (benannt nach der früheren Zeche) bringt Antigone Akgün den Roman relativ schmucklos auf die Bühne, die lediglich aus schlichten Pappkartons und einer großen Leinwand besteht. Damon Zolfaghari spielt den Erzähler, Jasmina Musić seine Partnerin, meistens die Mutter. Die Kartons werden immer wieder umgeschichtet, sie können einen Wohnblock oder einen Fernseher darstellen. Auf dem Screen sieht man den Protagonisten, wie er durch eine karge Wohnlandschaft oder auch durch einen deutschen Wald spaziert (Video: Mink Joester); dazu hört man Stimmen von Migranten-Kindern, die, wohl bewusst über die Sprache stolpernd, von ihren Erfahrungen mit der „Integration“ erzählen.
„Jemandes Brot zum Ziegel machen“, so umschreibt ein persisches Sprichwort den Vorgang, wenn Menschen beispielsweise das Wasser abgestellt wird. Der rote Ziegelstein (aus Pappe), den der Protagonist von der Galerie auf die Bühne wirft, stellt jenes rätselhafte deutsche Roggenbrot dar, von dem man nicht einmal weiß, ob es gekocht oder gebacken ist. Es landet (leider) im Müll.

Damon Zolfaghari in „Als wir Schwäne waren“ am Prinz Regent Theater in Bochum. Foto: Lukas Zander
Aber nicht alles an diesem Abend ist derart lustig. Zu den schweren deutschen Mythen gehört bekanntlich Auschwitz, und eines Tages beschließt der Vater, auf dem Weg in den Urlaub nach Ungarn einen Abstecher nach Polen zu machen. Es scheitert daran, dass man, warum auch immer, die Ausfahrt verpasst. Später jedoch sieht der Protagonist auf einer Baustelle in Bochum einen Arbeiter, auf dessen nacktem Rücken ein Tattoo mit der Schrift „Arbeit macht frei“ prangt. Noch begreift er es nicht: Er glaubt, es handele sich dabei um irgendeine freundlich gemeinte, aufmunternde Parole.