Das Ensemble steht in bunter Kleidung auf der Bühne. Zwei sitzen auf aufgeklappten Leitern. In ihrer Mitte prangt ein Banner mit den Worten "Free Fantasio".

Edel-Offenbachiade in Niederbayern

Jacques Offenbach: Fantasio

Theater:Landestheater Niederbayern, Premiere:03.10.2026Vorlage:FantasioAutor(in) der Vorlage:Alfred de MussetRegie:Christian von GötzMusikalische Leitung:Elisa GogouKomponist(in):Jacques Offenbach

Christian von Götz inszeniert am Landestheater Niederbayern „Fantasio“ von Jaques Offenbach. Der Abend überzeugt mit ausgefeilten Rollen und wunderbarer Musik.

Jacques Offenbachs Opéra-comique „Fantasio“ gerät am Landestheater Niederbayern zum stupenden Triumph und markiert einen Epochenwechsel: Nach fast einem Vierteljahrhundert Intendanz-Kontinuität durch Stefan Tilch setzt das neue Leitungsteam mit Intendantin Astrid Großgasteiger, Generalmusikdirektorin Elisa Gogou und Svenja Gottsmann als Künstlerischer Leitung Musiktheater mit dem in seinen ästhetischen Anforderungen äußerst anspruchsvollen Werk ein beredtes Signal.

Widerwillige Utopie

„Faites la paix!“ – „Macht endlich Frieden!“, schreit es von einer die Bühne beherrschenden, abendfüllend immer wieder erscheinenden Stoffbahn. Das ist die fundamentale Forderung des an Poesie reichen, doch finanziell chronisch klammen Studenten Fantasio. Dieser schließt sich die sensibilisierte Bevölkerung des Königreichs Bayern spontan an. Die beiden Monarchen – der König vom nördlichen Alpenrand und der unberechenbare Prinz von Mantua – willigen widerwillig ein. Weniger aus Vernunft denn aus Angst vor unkonventionellen Lösungen. Dabei könnte beider persönlicher Zweikampf ein drohendes Massenschlachten verhindern.

So utopisch endet Jacques Offenbachs lange unterschätzte Opéra-comique „Fantasio“, die man im heutigen Kontext als europäisches Friedensfestspiel begreifen darf. Die Pariser Uraufführung am 18. Januar 1872 fand genau ein Jahr nach der französischen Kapitulation im Deutsch-Französischen Krieg statt und bildet den bitteren historischen Hintergrund für Offenbachs Konvolut aus Romantik, Eskapismus und subtiler Gesellschaftskritik. Ohne Vorwissen bleibt das seltsam zeitbezogen-überzeitliche Werk unverstanden.

Herausforderung Liebespaar

Paul de Musset und Charles Nuitter verfassten das Libretto nach Alfred de Mussets 1866 posthum an der Comédie-Française uraufgeführter Komödie, die Georg Büchner für sein Lustspiel „Leonce und Lena“ kreativ ausplünderte. Es birgt beträchtliche Tücken. Vor allem der seltsam unphysische Handlungsstrang mit der traumverloren poetischen Beziehung zwischen Fantasio und Prinzessin Elsbeth von Bayern ist ein herausfordernd theatraler Seiltanz.

Wo zum Beispiel die Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden diese Beziehung als zu abgehoben und gegenwartsfern unbefangen simplifizierte, meisterte Regisseur Christian von Götz die Extremherausforderung für Regie und intellektuellen Überbau mit stupender Bravour und nur einem minimalen Kompromiss. Das vage Fragezeichen über einer gemeinsamen Zukunft von Elsbeth und Fantasio begradigte von Götz zum unmissverständlichen Sieg der Herzen über Standesgrenzen.

Gespielt wurde die Fassung mit einem Mezzosopran für Fantasio, die Offenbach für Célestine Galli-Marié, die erste „Carmen“ kreierte. Die mit dem Ensemble erarbeitete Dialogeinrichtung switcht rasant durch viele westeuropäische Sprachen – inklusive niederbayerischem und Münchner Dialekt. In einem klug dazu gedichteten „Vorspiel auf dem Theater“ tritt Offenbach selbst auf und stellt dem Ensemble sein neuestes Opus vor – inklusive seiner hochgradig prekären Identitätskrise nach 1871: „Deutscher Spion in Frankreich, französischer Spion in Deutschland, jüdischer Spion überall!“ Das Grelle von Götz’ eigenem Bühnenbild kokettiert mit dem Regionalpatriotismus in Form eines Prospekts mit der Altstadt Passaus, dem er aus dem fast verwirrenden Feinwitz des Librettos nichts opfert.

Zwischen Wies’ngaudi und Begräbnisgang

In den intimsten Momenten kommen sich Elsbeth und Fantasio ganz nah, meiden den direkten Blickkontakt und zitieren stattdessen – eine feinsinnige Regie-Erfindung – urromantische Mondscheinpoesie von Heine und Eichendorff. Alle anderen reihen sich zu einer mitreißenden Parade von Gestalten zwischen sichtbarer Bühnenerscheinung und schwankenden Hirngespinsten. Haudrauf-Pointen gab es glücklicherweise nicht. Die Interaktionen des lustvoll, diszipliniert und sanglich geschliffen agierenden Chors (präzise Einstudierung: Guiran Jeong) und aller Solisten erhielten durch Nwarin Gads Choreographie eine gut modellierte, nie einzwängende Form.

Die Kostüme von Gabriele Rupprecht sind eine üppige Melange aus Wies’ngaudi, geschliffener Burschenschafts-Parodie, aus Perchtenmasken zum bizarren Begräbnisgang für den toten Hofnarren Saint-Jean und einem blauen Hermelinmantel für den bayerischen Märchenkönig L. II. (perfekte Bühnenkopie: William Stevens). Fantasio trägt ein mit Badges für alle Eskapismen der modernen Funktionsgesellschaft besticktes Narrentrikot und eine Perücke in grellem Pink. Das meint hier weit mehr als bloßes Queer-Zitat und wird zum Postulat eines utopischen Freisinns für alle.

Überzeugendes Ensemble

Sabine Noack nimmt in der Titelpartie alle gängigen Hosenrollen-Konventionen klug zurück und gewinnt gerade durch diese androgyn-neutralisierte Haltung das perfekte Rollenprofil. Emily Fultz entfaltet Offenbachs Steigerungen für Prinzessin Elsbeth vom Liedhaften ins Lyrisch-Virtuose mit stupender Leichtigkeit.

Das Ensemble steht nebeneinander vor einem türkisen Vorhang und schaut in die Mitte.

Kyung Chun Kim (Hartmann), Reinhild Buchmayer (Flamel), Peter Tilch (Prinz), Sabine Noack (Fantasio), Emily Fultz (Elsbeth), Stefan Metzger (Facio), Shunya Goto (Hartmann) und William Stevens (König von Bayern). Foto: Peter Litvai – Landestheater Niederbayern

Ein alternatives Traumduo aus symbiotischer Hierarchie bilden Ensemble-Urgestein Peter Tilch als nach „wahrer Liebe“ suchender Prinz von Mantua und George Kounoupias als dessen Adjutant Marinoni. Kyung Chun Kim überzeugt als Sparck mit einem brillanten Narren-Couplet, flankiert von Shunya Goto als Hartmann und Norbert Hohl als Facio. Der artistisch geforderte zweite Mezzosopran-Stern Reinhild Buchmayer erhielt für die musikalisch unterversorgte Partie der Flamel ein angemessen frivoles Couplet aus Offenbachs „Die Diva“.

Mit einem bewundernswerten Gespür für Tempowechsel akzentuiert Elisa Gogou die Gesangsphrasen, während die Niederbayerische Philharmonie unter ihrer Leitung mit filigranen Instrumentalvaleurs ein ideales Farbspiel entfaltet. So wird die Produktion zu einer niederbayerischen Sternstunde aus deutsch-französisch-jüdischem Geist: Beglückungspotenzial mit Seltenheitswert.