„Prolog“ zu „Fremde Sonne“

Licht ins Dunkel

Roland Schimmelpfennig: Fremde Sonne I

Theater:Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Premiere:26.09.2026 (UA)Regie:Karin Beier

Mit „Fremde Sonne“ setzen das Deutsche Schauspielhaus und Dramatiker Roland Schimmelpfennig das erfolgreiche Antikenprojekt „Anthropolis“ von 2023 fort. Den Auftakt des neuen Antikenzyklus bildet die Fahrt der Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies. Abermals gelingt Karin Beier und ihrem Team damit ein Theaterereignis.

Wie in einem Großfischmarkt stehen acht Gestalten unter Neonröhren an kleinen Tischen mit Styroporkisten und bearbeiten Fische. Das Geschäft brummt, die Stimmung in der Stadt ist mäßig. Nach dem Austausch der Königin und nach der durch den Goldenen Widder vereitelten Opferung der Königskinder aus erster Ehe drücken Dauernebel und Dauerregen auf die Stimmung. An die Stelle des Glücks tritt der Kauf und die Sehnsucht nach Besitz, der Hafen der Stadt wächst.

In dieser Szene des Prologs gelingt es Autor Roland Schimmelpfennig – wieder einmal –die Figuren im Selbstgespräch gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen poetisch und zugleich konkret beschreiben zu lassen. Im Grunde entwickelt dieser poetische Dramatiker hier in einer Traditionslinie von der Antike („Ungeheuer ist viel“) bis zur Neuzeit, etwa der Telegraph Road von Dire Straits („Then came the trains and the trucks with their loads/And the dirty old track was the Telegraph Road…“) eine kleine Geschichte der Menschheit. Und damit überführt er auf einmalige Art und Weise ohne jede krampfhafte Aktualisierung antiken Stoff mit unserer krisenhaften Gegenwart – und streut zugleich ein wenig Hamburger Lokalkolorit und -kritik ein.

Vorgeschichten von Gewalt und Zivilisation

Die dreieinhalbstündige Inszenierung der Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier kann gar nicht alle Aspekte des Textes aufnehmen und muss manchen Motivstrang aussparen. Und doch entsteht im klaren Bühnenraum von Johannes Schütz eine bildstarke, gedankenklare Darstellung von zivilisatorischen Entwicklungen, die in einer ursprünglichen Verbindung mit Gewalt und mentaler Verdrängung gezeigt werden.

Im dritten Teil des Abends, „Die Argonauten“, sehen wir sechs Männer auf einem angedeuteten Schiff im Wasser waten, und durchs Schwarze Meer gen Kolchis fahren. Sie reden sich ein, dort mit dem Goldenen Vlies, das in ihre Heimatstadt Iolkos gehöre, wieder Licht in die Stadt zu bringen. Die Anführer Iason (Devid Striesow) und Herakles (Markus John) erscheinen als traumatisierte Eroberer; die Truppe zerstreitet sich oder stellt aberwitzige Gedankenspiele um den tieferen Sinn von Ravioli-Dosen an. Bjärne Mädel ist dumpfer Anti-Koch, Jan-Peter Kampwirth blinder Steuermann, Maximilian David Scheidt tumber und bald fingerloser Sohn des Schiffmäzens, Kristof Van Boven als geflügelter Junge ebenso Außenseiter wie Mittäter.

„Die Argonauten“

„Die Argonauten“ (v.l.n.r.): Michael Wittenborn (nicht in der Premiere), Bjarene Mädel, Markus John, Devid Striesow, Maximilian David Scheidt, Jan-Peter Kampfwirth, Kristof Van Boven.
Foto: Monika Rittershaus

Innerer Stillstand, Gewaltbereitschaft, verquere kolonialistische Konzepte werden an Bord eines meist statisch wirkenden Gefährts durchgespielt. Zwischendurch tauchen eine verwirrende Frau (Zofia Jablonska) als tänzerische Atalante auf, und immer wieder eine etwa zwanzigköpfige Truppe durchchoreografierter Ruderer mit Stöcken, die erschreckend einheitlich Bewegung simuliert.
Beeindruckend ist, wie das kurzfristige Ausscheiden des erkrankten Michael Wittenborn bei der Premiere überspielt wurde. (Wittenborns Eingangsmonolog über das nicht eben konfliktfreie Zusammenspiel von „Gott, Mensch und Tier“ übernahm bei der Premiere der Autor selbst.) Und doch ist zu vermuten, dass die skurrilen Aspekte, die Lächerlichkeit des selbstgerechten Expeditionskorps mit der Anwesenheit dieses tragikomisch begnadeten Darstellers noch stärker zur Geltung gekommen wären.

Klare Bühne, starkes Spiel

Auch durch die wenigen, zurückhaltenden Videoeinspielungen (Severin Renke) von Wolken- und Wellengebilden oder Himmelsbildern sowie wenig aufdringlichem Sound (Musik, Komposition: Jörg Gollasch) entsteht in „Die Argonauten“ ein intensives, ausgedehntes und doch abwechslungsreiches Bild einer sich selbst und anderen gefährlichen Männerwelt.

Bemerkenswert an diesem ersten Teil des neuen Antiken-Marathons im Deutschen Schauspielhaus ist, wie Stillstand und Wiederholung des ewig-Gleichen ausgespielt werden und zuvor die Vorgeschichte recht zügig und sehr spielerisch entwickelt wird, wie sich diese widerstreitenden Erzählweisen von ausgebreitetem Zustand und seiner komplexen Historie verbinden.

 

Iason (Devid Striesow) und Cheiron (Mirco Kreibich)Iason (Devid Striesow) und Cheiron (Mirco Kreibich). Foto: Monika Rittershaus

Der Zentaur Cheiron, dargestellt von Mirco Kreibich, schwadroniert im „Zwischenspiel“ von Macht und Erziehung, während er seinen Schüler Iason und den Rekonvaleszenten Herakles drangsaliert. In seiner Höhle verkörpert der alkoholsüchtige, ungelenke Pädagoge das auch sexuell aufdringliche Grauen für den stummen Knaben Iason, anfangs dargestellt von einem Jungen, später von Devid Striesow. Der Zentaur tritt als Alp-Taumgestalt von Iason und Herakles auch im dritten Teil immer wieder auf.

Traumatisierte Helden

Im Zentrum des ersten Teils von „Fremde Sonne“ hat Roland Schimmelpfennig die antike Überlieferung in seinem Sinne umgedeutet. Gilt Cheiron doch in der traditionellen Überlieferung noch als großer und geduldiger Pädagoge. So wird er im zweiten Teil von Goethes „Faust“ zwar als rastlos, aber auch als „edler Pädagog, der sich zum Ruhm, ein Heldenvolk erzog“ angesprochen. Anders als in „Laios“ (aus „Anthropolis“) spielt Schimmelpfennig nun nicht unterschiedliche alternative Überlieferungen oder Möglichkeiten durch, sondern deutet den Stoff in seinem (durchaus zeitgemäß erscheinenden) Sinne, indem er das antike Konzept der mit Knabenliebe verbundenen Pädagogik stark in Frage stellt. Die (päderastische) Pädagogik des Cheiron wird hier zum Schlüssel für die Traumatisierung des Iason und damit für den gewalttätigen Raubzug der Griechen nach Iolkos.

Damit ist die Vorgeschichte zur Tragödie der Medea gelegt. Am Ende dieses ersten Abends tritt Lina Beckmann (mutmaßlich als Medea) stumm dem verstörten, störrischen Iason entgegen. Zuvor hatte sie schon in der frustrierten Stadtgesellschaft mitgemischt, als neue Ehefrau des Königs neuen Schwung, durch die intrigant von ihr eingefädelte Opferung der Stiefkinder aber auch Schuld und Gewalt ins Spiel gebracht.

Die Fortsetzung der bis hierher starken Stück-Serie in einer bemerkenswerten Inszenierung mit überragendem Ensemble folgt heute.