Foto: Peter Fieseler als Prof. Dr. Christoph Richter und Stephanie Petrowitz als Angelika Berger, seine Geliebte. © Torsten Biel
Text:Wolfgang Schilling, am 12. September 2026
Basierend auf seinen eigenen Lebenserfahrungen entsinnt Intendant Stefan Neugebauer am Theater Naumburg ein Theaterstück über den Untergang der DDR.
Das kleinste Stadttheater Deutschlands, bei gerade mal 12 Mitarbeitern, inklusive Intendant und Ensemble, kann man diesen Superlativ des Minimalistischen mit Recht in Anspruch nehmen, hat in dieser Spielzeit ein großes Thema in den Fokus genommen: Deutschland.
Zum Spielzeitauftakt kommt das Publikum schon eine Stunde vor Beginn der Premiere in die neue Spielstätte im alten Schlachthof der Stadt. Denn es gibt nicht nur die Uraufführung von „Deckname: Gardez“ zu sehen, sondern auch die Ausstellung „Schwarz-Rot-Gold“. Die unerwartete Begegnungen mit den deutschen Farben auf den Fotos von Egbert Zinner präsentiert. Ohne übersteigerten Patriotismus, dafür mit Augenzwinkern hält der Fotograf, der aus der Gegend stammt, diese aber vor dem Mauerfall Richtung Hamburg verlassen hat, Alltagsszenen in den deutschen Farben fest. Ein rotes Auto etwa, vor einer schwarzen Mülltonne mit gelbem Deckel.
Familiensache
So wie der Fotograf hat auch der Intendant Stefan Neugebauer die DDR in den 80er Jahren verlassen. Darum geht es auch in seinem Stück. Im Prinzip ist hier ein echter Impresario am Werk. Text, Bühne und Regie: Stefan Neugebauer – steht im Programmheft. Nur das Spielen überlässt er seinem Ensemble, ist aber trotzdem auf der Bühne präsent. Denn hier geht es um sein Leben und das seines Vaters.
Der war in der DDR ein hochgestellter Arzt und inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, der seinen widerständigen Sohn nicht nur vor dem Knast bewahren, sondern ihm sogar die Ausreise arrangieren konnte. Was dieser erst nach der Wende erfuhr. Als die Verstrickungen des Vaters öffentlich wurden und er sich dem Sohn offenbarte. Eine Geschichte, die Stefan Neugebauer seither „begleitete“ und die er, nach dem Tod des Vaters, in seinem Stück verarbeitet. Nicht als theatrale Familienaufstellung, sondern in einem autofiktionalen Thriller, der in der Wendezeit in Berlin und Paris verortet ist.
Zwischen Leben und Fiktion
Um die beiden Hauptfiguren, Prof. Dr. Christoph Richter, gespielt von Peter Fieseler (dem Publikum als Hamburger Polizist aus der Vorabendserie „Großstadtrevier“ bekannt), und seine Tochter Anja, eine angehende Schriftstellerin, hinter der sich Stefan Neugebauer verbirgt, hat er als Autor ein geschickt verwobenes Figurennetzwerk gesponnen. Da gibt es einen geheimnisvollen Gast aus Frankreich, der in Ostberlin auf der Suche nach der von ihm einst verlassenen Liebe seines Lebens und dem daraus entsprungenen Sohn ist. Dieser junge Mann ist Lektor in einem Verlag, dem nicht nur die Texte der angehenden Schriftstellerin gefallen, die allerdings nur eins will: raus aus diesem Land. Komplettiert wird das kleine Ensemble von einem Stasimann und der alten Liebe des geheimnisvollen Franzosen, die inzwischen die neue des Professors ist.

Ruth Weingarten als Anja Richter und Matthias Herrmann als der Beamte. Foto: Torsten Biel
Klingt kompliziert, wird in kurzen, schlaglichtartigen Szenen aber glaubhaft nachvollziehbar erzählt. Mit Tempo und Empathie für seine Figuren entwickelt der Regisseur Stefan Neugebauer in seinem von einem großen Schachbrett dominierten Bühnenbild Zug für Zug eine zugleich alltägliche wie ungeheuerliche Geschichte. Das Publikum erlebt die Analyse einer sich in jeglicher Beziehung überlebt habenden Gesellschaft namens DDR.
Zum Atemanhalten
Die Figur der jungen Schriftstellerin bringt deren Dilemma in zwei Worten auf den Punkt. Nachdem sie in den Westen ausreisen durfte, hält sie in Paris einen Vortrag über das Leben in der DDR und erzählt ihrem Publikum von einem Traum. In dem sie in ihre alte Schulklasse zurückkehrt und dabei, selbst stummbleibend, die unwirkliche Atmosphäre der Lüge erlebt. Als es zur Pause klingelt, bittet ihre Lehrerin sie, kurz zu bleiben und ihr zu erzählen, was denn so anders ist in Paris, dieser kapitalistischen Welt. „Ich lebe“ – sagt sie da, in ihrer Rolle, die junge Schauspielerin Ruth Weingarten. Dabei stehen ihr, die das alles nur aus Erzählungen kennen kann, die Tränen in den Augen. Ein Moment zum Atemanhalten. In einem großen Stück, zu sehen am kleinsten Stadttheater Deutschlands, mitten in Sachsen-Anhalt.