Foto: Ensemble © Arno Declair
Text:Martina Jacobi, am 12. September 2026
Am Schauspiel Frankfurt inszeniert Jan-Christoph Gockel die Figur des braven Soldaten Schwejk nach Hašek und Brecht als ordnungsfolgenden Ja-Sager im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die groß aufgezogene Inszenierung führt lange auf den eigentlichen Coup hin: Interview-Auszüge mit beteiligten russischen Soldaten an der Schlacht in Bachmut 2023.
Ein Simulant? Ein Hans im Glück? Ein Idiot? „Melde gehorsamst, dass ich überhaupt nicht denke“, sagt Schwejk, eine Figur, die Jaroslav Hašek für seinen antimilitaristischen Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ (1920-1923) erfand. Der eigentliche Hundehändler und dann Soldat im ersten Weltkrieg entlarvt grausame Kriegslogik als naiv folgsamer Ja-Sager. 1928 war Bertolt Brecht schließlich an einer Schwejk-Bearbeitung des Piscator-Kollektivs beteiligt, die in Berlin erfolgreich gespielt wurde und er adaptierte 1943 den Stoff zu „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“ im Exil in den USA.
Schwejk ist eine sich wiederholende Figur, irgendein kleiner Mann in irgendeinem der großen Kriege. Die Frage ist also: Wer ist Schwejk heute? Dieser Leitlinie folgt Jan-Christoph Gockels Inszenierung am Schauspiel Frankfurt, indem er die Figur in Hašeks und Brechts Version aufarbeitet und als dritten Teil eine Recherche zur Schlacht in Bachmut 2023 anfügt: Interviews mit russischen Soldaten, die an der Schlacht beteiligt waren.
Größenwahnsinn
Doch vorerst will Gockel der Figur Schwejk in seiner Geschichte auf den Grund kommen – mit einer Stummfilm-Karikatur: Ohne Worte bewegt sich das Ensemble mit ruckelnden Bewegungen, während es von einem Kameramann mit alter Drehkamera live gefilmt und auf zwei große Screens rechts und links oben auf der Bühne schwarzweiß übertragen wird (Video: Eike Zuleeg). Textkacheln werden ins Bild gehalten, der Tod Franz Ferdinands verkündet. Eine Hommage an Charlie Chaplin, viel mehr als an seine berühmte Hitler-Karikatur „Der große Diktator“ an seine schon 1918 produzierte Komödie „Gewehr über“ über einen Rekruten der US-Army, der an die französische Front kommt und zwischen Schützengräben und zeitweise als Baum verkleidet den Irrsinn eines Soldatenlebens überzeichnet.

Ensemble. Foto: Arno Declair
Den Krigs-Größenwahnsinn zeigt Gockel als Dimensionen-Spiel: Mit dröhnendem Kriegs-Trara wird als Dreh- und Angelpunkt der Bühne die „Dicke Bertha“ im Zentrum der Drehbühne enthüllt (Bühne: Julia Kurzweg), ein gigantisches Kriegsgeschütz im Ersten Weltkrieg. Das Ensemble erscheint als lebensgroße Patronen, die erst zu Bedřich Smetanas „Má vlast“ (Mein Vaterland) tänzeln und dann folgsam in Reih und Glied in der riesigen Kanone verschwinden.
Groteske in Groß und Klein
Die Brechtsche Schwejk-Welt während des Zweiten Weltkriegs, zu der Hanns Eisler Musik schrieb, wird im Wirtshaus „Zum Kelch“ inszeniert, in dem Schwejk vom Gestapoagent Brettschneider und Scharführer der SS Bullinger verhaftet und verhört wird. Er ist einer, der zwar vor der Wahrheit kein Blatt vor den Mund nimmt, aber dennoch willig zum Rädchen im Getriebe der Kriegsmaschinerie wird. Mit „Heitler“ grüßt Wolfram Koch als Schwejk das Publikum, schüttelt Hände und mimt die Figur mit stoischem Spießbürgertum. Als einziger erscheint er ohne Kostüm, während Agent, Scharführer und auch die Wirtin Kopecka mit an der Körper-Vorderseite aufgebundenen Puppen und verzerrter Stimme quälend langsam die Groteske des Spiels bemühen (Kostüme: Janina Brinkmann).

Wolfram Koch und Ensemble. Foto: Arno Declair
Eingeschobene Aufnahme-Sequenzen zeigen Karlheinz Braun, langjähriger Leiter des Suhrkamp-Theaterverlags und dazumal Regieassistent am Frankfurter Schauspiel, im Gespräch mit Gockel. Doch ist am eindrücklichsten und komischsten Annie Nowak, die von der Seite das Geschehen mitmoderiert und mit winziger Hitler-Marionette (großartiger Puppenbau: Michael Pietsch) dem Miniatur-Diktator und eigentlichen kleinen Mann die bekannt-schnarrende Stimme verleiht.
Schwejk heute
Doch diese ersten zwei Stunden durch Hašek und Brecht führen zu lange dahin, wo Gockel eigentlich hinwill: zum Heute und dem Krieg in der Ukraine am Beispiel der Hölle in Bachmut 2023. Haushaltsgeräte liegen in Stapeln auf der Bühne, Lotte Schubert versteckt sich unter dem Kanonenrohr der „Dicken Bertha“ vor einer über der Bühne kreisenden Drohne. Interview-Schnipsel erzählen von der Rekrutierung, unterschiedlichen Gründen der Soldaten, an die Front zu gehen, bei denen Geld eine wesentliche Rolle spielt. Dann die Ausbildung, die Überschreitung der Grenze in die Ukraine, Front-Erlebnisse, Plünderungen, die Heimkehr. Erzählungen dieser unvorstellbaren Realität gehen unter die Haut.

Annie Nowak. Foto: Arno Declair
Die Kriegs-Banalität kommt in dieser Inszenierung mit karikierten und referenzierten Bildern auf die Bühne. So geschichts- und inhaltsgefüllt gibt es viele einprägsame Bilder, aber auch Längen und Distanz zu den Figuren. Kein Idiot, kein Hans im Glück, aber ein Mensch mit vielschichtigen Antrieben: so erscheint schließlich das Ensemble als eine Vielzahl von Schwejks, die sich als kleine Rädchen immer und immer noch weiterdrehen…