Mit der Jugend in den Krieg
An der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden heftet sich jetzt Felix Krakau mit zwölf Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren an die Fersen dieser vielinterpretierten Figur. Eine kluge Setzung, denn die Menschen, die hier mit einer mordsmäßigen Energie herumtoben, sind teilweise genauso alt wie Johanna, als sie in den Krieg zog. In einer Art Beschwörungsdramaturgie klopft das Ensemble diesen „ersten Superstar der Geschichte“ ab und setzt Johannas Leben mit eigenen Hoffnungen, Wünschen und Zielen ihrer Jugend in Verbindung. Wie klarkommen in einer Welt, in der ständig Kriegsnachrichten einprasseln, eine Krise die andere jagt und man durch Corona glaubt, allerhand verpasst zu haben? Denn auch wenn Johanna das Zeug zur faszinierenden Heldin hat, in einer Welt, die immer komplizierter wird, so ist ihre Figur auch mit zahlreichen Erwartungen belegt.

Auf dem Bild: Lovis J. Theilig, Florentine Scheiba, Juliane Wolf, Liotta Schneider, Lotte Fischer, Marlène M., Amy Aaliyah Strupix und Janek Barwitzki. Foto: Sebastian Hoppe
In Felix Krakaus temporeicher Inszenierung proben die Jugendlichen nun den Aufstand. Schiller grüßt da nur peripher. Zwar folgen sie Johanna, die immer andere Jugendliche spielen, auch direkt aufs Schlachtfeld, sie haben sich aber vor allem ihren Kampfesgeist abgeschaut. Oft stehen sie geschlossen an der Rampe und ballern chorisch Sätze raus wie: „Wir wollen der Welt einen Stoß versetzen.“ Dann schreiten sie mit wehenden Fahnen über die angeschrägte Scheibe, während Electrosounds dröhnen. Über ihren Köpfen senken sich grell blinkende Leuchtröhren in Form eines Heiligenscheines herab, die mal bedrohlich wirken, sie zu erdrücken scheinen, und manchmal auch einen hoffnungsvollen Rave der Freiheit begleiten (Bühne: Marie Gimpel).
Keine Einbahnstraße
Das junge Ensemble harmoniert ausgesprochen gut. Zumal Krakau ihnen allerhand Kalauer in den Text geschrieben hat, die sie teils mit herrlich lässiger Ironie oder Understatement abliefern. Krakau hat diese individuellen Typen sehr gut eingefangen. Eine will wenigstens ihren Führerschein bestehen, etwas erleben. Ein bisschen Liebe wäre auch nice. Und Schwäche ist auch mal okay. Krakau schenkt diesen Jugendlichen Sätze, die ihr allgemeines Lost-Sein und gleichzeitig den Drang nach Randale beschreiben: pur, erfrischend, kämpferisch: „Es ist Krieg und keine Klassenfahrt.“
Entstanden ist ein sehr poppiger Abend mit greller Ästhetik, die manchmal sehr nach Technikshow aussieht, den Jugendlichen aber genug Futter gibt, ihre Persönlichkeiten zu entfalten. Und auch wenn nicht jede Johanna-Parallele aufgeht, gelingt Felix Krakau hier das differenzierte Porträt einer Jugend, der oft nachgesagt wird, dass sie es richten muss. Wieso sollen ausgerechnet sie die Krisen, die ihnen Erwachsene eingebrockt haben, nun glattbügeln? In Zeiten virulenter Wehrpflichtdebatten scheint Krieg für diese Jugend nicht allzu weit weg. Diese Jugendlichen würden allerdings ungern mit 19 auf dem Schlachtfeld sterben und entzaubern so den Johanna-Mythos am Ende auch ein bisschen. Aber, und das zeigt dieser energische Abend auch: Diese Jugendlichen werden nicht resignieren. Sie werden ihren Weg schon finden. Sie sind am Start. „Aber sorry“, sagen sie schließlich, „das ist keine Einbahnstraße. Die Welt kann sich ruhig auch mal fragen, was sie für uns tun kann.“
