Doch zur vollen Wahrheit gehört auch, dass wir in den Heften unseren freien Autor:innen inzwischen nur noch weniger Raum anbieten können als vor einigen Jahren. Insofern sind auch wir Teil der (ökonomischen) Krise der Theaterkritik. Umso dankbarer sind wir den inzwischen 61 Kritiker:innen, die uns über das Jahr mit ihren Texten begleiten und für diese Saisonbilanz ihre Erfahrungen bündeln. Erstmals haben wir den Fragebogen digital erhoben. KI kam ausschließlich beim Sortieren und Zählen der Antworten zum Einsatz. Die Skepsis, mit der wir von Kritikerseite angesichts des digitalisierten Verfahrens gerechnet hatten, blieb übrigens vollständig aus.
Obwohl viele Kritiker:innen betonen, dass sie persönlich weniger stark am reichhaltigen Theatergeschehen im Lande partizipieren, können wir mit der Vielzahl von rund 500 Voten zu neun Fragen wieder einen reichhaltigen Überblick über die Theaterlandschaft zeichnen.
Was diese Umfrage leisten kann – und was nicht
Natürlich lässt sich der Umfrage und vor allen Dingen der Auswertung, in der wir Stimmen zählen und Rankings erstellen, eine gewisse Zufälligkeit unterstellen. Wer in Freiburg situiert ist, wird eher das Theater Freiburg loben als das Saarländische Staatstheater, von dem er:sie keine Produktion gesehen haben dürfte. Und tatsächlich haben wir im Saarland keine festen Kritiker:innen mehr – am Ende kommt das Staatstheater in Saarbrücken übrigens auf eine Nennung insgesamt. Und doch lassen sich angesichts unseres großen Pools an freien, über das ganze Land verteilten Mitarbeiter:innen, über die Menge an deren fundierten Urteilen Trends und Tendenzen und auch herausragende Häuser und Künstler:innen herausfiltern. Die Intelligenz dieses wohlinformierten Schwarms ist wertvoll.
Nach längerem Überlegen haben wir entschieden, dass wir fünf Redakteur:innen aus Köln auch in diesem Jahr nicht an der Umfrage teilnehmen. Dass das Schauspiel Köln trotz einer bemerkenswerten ersten Saison unter Kay Voges in unseren Rankings kaum auftaucht, hat wohl vor allem den Grund, dass wir selbst dort außergewöhnlich viel gesehen und keine Kolleg:innen von außerhalb beauftragt haben. Das schmälert die Leistung des Hauses nicht, zeigt aber zugleich eine Grenze jeder derartigen Erhebung. Zudem muss sich ein neues Team über ein paar Jahre hinweg (auch überregional) durchsetzen. Die Münchner Kammerspiele sind in der sechsten Spielzeit Barbara Mundels ein deutliches Beispiel hierfür.
Womit wir beim deutlichen „Gewinnertheater“ dieser Umfrage wären … Worauf ich – bevor wir zur Auswertung der Umfrage im Detail kommen – hinauswill: Die hier vorliegende schwarmintelligente Umfrage ist ein Mittel der Theaterberichterstattung. Sie ist kulturpolitisch für (genannte) Theater ein wichtiges Instrument. Vor allen Dingen aber erzählt sie viel über die Spielzeit. Und dabei ist diese Saisonumfrage doch nur ein Element unserer Arbeit. Individuell geschriebene Texte und Kritiken sind das andere, größere Standbein unserer Arbeit – und zwar über die gesamte Spielzeit hinweg. Die allwöchentliche fachliche Kritik ist die Basis, ohne die unsere Saisonbilanz nicht gedeihen kann.
1. Gesamtleistung eines großen Hauses
Nennen Sie hier ein Theater (Mehrspartenhaus oder großes Einspartenhaus), das Sie mit dem künstlerischen Programm beeindruckt hat.
Das große Theater der Saison sind für unsere Kritiker:innen die Münchner Kammerspiele. Sechs Nennungen für das große städtische Sprechtheater der bayerischen Landeshauptstadt liegen deutlich über dem Durchschnitt für die „Gewinnertheater“ unserer Umfrage. Übrigens lebt und arbeitet nur eine der für das Haus Votierenden in München, die Arbeit des Theaters wird also überregional wahrgenommen, was bei Einladungen zu den einschlägigen Besten-Festivals natürlich wesentlich wahrscheinlicher wird.

Das Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele. Foto: Gabriela Neeb
Florian Welle schreibt: „Die Einladungen, die das Theater erhalten hat, sprechen für sich: zweimal Berliner Theatertreffen (,Wallenstein‘; etwas älter ,Mephisto‘), zweimal Mülheimer Theatertage (,Play Auerbach!‘ und ,2 x 241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger‘). Verkürzt auf eine Inszenierung, fällt die Wahl auf das bildgewaltige ,Wallenstein‘-Schlachtfest.“ Jan-Christoph Gockels Inszenierung taucht dann noch in verschiedenen Kategorien auf, auch im Figurentheater. Insgesamt war es wohl die Mischung hochkarätiger Inszenierungen, die beeindruckt hat. Björn Hayer lobt die „herausragende Mixtur aus großartig inszenierten historischen Stoffen und Gegenwartstexten“. Hinter den Kammerspielen folgen drei Opernhäuser mit ebenfalls beachtlichen Voten. Vier Stimmen entfallen auf die Staatsoper Hamburg mit dem neuen Intendanten Tobias Kratzer; Jens Fischer spricht vom „Musterbeispiel einer Neuausrichtung“. Auch die Oper Frankfurt unter ihrem seit fast 24 Jahren erfolgreichen Intendanten Bernd Loebe erhält vier Stimmen. Heribert Germeshausen leitet die Oper Dortmund seit acht Jahren und findet mit seiner Arbeit nun auch überregional zunehmende Anerkennung. In der Kategorie Großes Haus erhält das Theater drei Nennungen. In der Summe aller Nennungen der Umfrage landet die Oper Dortmund mit neun Nennungen sogar noch vor der Staatsoper Hamburg mit acht Nennungen und der Oper Frankfurt mit sechs Nennungen.
MÜNCHNER KAMMERSPIELE In den Münchner Kammerspielen war in dieser Spielzeit wirklich viel geboten: kurze wie megalange Stücke, Historisches und Aktuelles, Theater für Kinder und Erwachsene, Tanz, Musik, Schauspiel – und ganz viele Momente, die berührt und glücklich gemacht haben. Weil sie so lustig waren, so klug, so schön, so emotional und hie und da auch magisch. Anne Fritsch
STAATSOPER HAMBURG Mit der Auftaktspielzeit der Intendanz Tobias Kratzer taucht die Staatsoper Hamburg wieder auf als ein Haus, das man beobachten muss. Ein spannender Spielplan zwischen Schumann-Oratorium, „Frauenliebe und -sterben“Puzzle und Neuwirth-JelinekUraufführung, tolle Sängerdarsteller:innen, eine kritische Repertoirebefragung. So viel Anfang macht Lust auf mehr auch dann, wenn der Spielplan (wie ab der nächsten Spielzeit) wieder konventioneller wird. Georg Kasch
OPER DORTMUND Interessantes Programm abseits der üblichen Verdächtigen (es geht auch mit nur einem Klassiker – hier „Figaro“ – im Programm!), drei Uraufführungen (Nemtsov, Vogler, Raschke), eine deutsche Erstaufführung eines ausgegrabenen Werks der Komponistin Clémence de Grandval: großes Vergnügen. Hannah Schmidt
OPER FRANKFURT Die Spielplangestaltung sowie das in dieser Spielzeit besonders konstante hohe Niveau bei der Umsetzung. Nicht zuletzt die Fülle an Premieren, die sich trotzig, aber nicht unvernünftig gegen den Schmalhans als Küchenmeister wendet. Judith von Sternburg
DIE MEHRFACH ALS „GROSSES HAUS“ GENANNTEN THEATER
- 6 Nennungen Münchner Kammerspiele
- 4 Nennungen Staatsoper Hamburg, Oper Frankfurt
- 3 Nennungen Theater Dortmund (Oper)
- 2 Nennungen Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Thalia Theater Hamburg, Volksbühne Berlin, Theater Bonn (Mehrspartenhaus), Staatstheater Kassel (Mehrspartenhaus), Theater Chemnitz (Mehrspartenhaus), Staatstheater Regensburg (Mehrspartenhaus), Staatstheater Stuttgart (Mehrspartenhaus)
2. Gesamtleistung eines kleineren Hauses
Nennen Sie hier ein kleineres Theater (kleines Stadttheater, Landesbühne, freie Szene, Off-Bühne oder Privattheater), das Sie mit dem künstlerischen Programm beeindruckt hat.
Vier Theater aus einem Feld von 54 genannten Theatern werden doppelt genannt: Das ETA Hoffmann Theater Bamberg mit dem neuen Intendanten John von Düffel, das Rheinische Landestheater Neuss, das Theater Hagen und das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Die beiden letzteren waren bereits im Vorjahr in dieser Kategorie vorne.
Das spricht im äußersten Osten der Republik für die kontinuierliche Arbeit des demnächst scheidenden Intendanten Daniel Morgenroth. In Hagen ist die Kontinuität nach einem Intendanzwechsel beachtlich, hier hat Søren Schuhmacher offenbar sehr erfolgreich sein Amt angetreten. Bernd Zegowitz lobt, dass das Musiktheater ein „sehr breit gestreutes Programm“ biete. Ähnlich ehrenvoll ist die eine Nennung des Theaters Konstanz, weil sie sich mit einer Nennung in der Kategorie „Großes Haus“ verbindet.
Manfred Jahnke attestiert Intendantin Karin Becker „zusammen mit ihrer Dramaturgie ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Ensemblemitglieder und des Spielplans. Sie setzt darüber hinaus Themen in die Stadt und verknüpft sie mit Initiativen vor Ort. Das gelingt immer eindrücklicher“. Eine Stimme mehr in der Kategorie „Großes Theater“ erhält noch das Staatstheater Regensburg sowie eine als „Kleines Theater“, in der Mischung der beiden Kategorien also drei. „Zu Recht“, so Petra Mostbacher-Dix, „wurde Regensburg in der Saison 2025/26 vom Stadt- zum Staatstheater erhoben.“ Wie auch immer die Größe des Theaters nun quantitativ einzuordnen ist.
ETA HOFFMANN THEATER BAMBERG John von Düffel überzeugte als Nachfolger von Intendantin Sibylle Broll-Pape am Bamberger ETA Hoffmann Theater mit einem Spielplan, der viele Theater- und Literaturklassiker einer Vitalitätsprobe unterzog. Das Saisonmotto lautete „Viel zu erzählen“, und es wurde unter anderem mit Inszenierungen über „Kafkas Erzählungen“, Thomas Manns „Felix Krull“ und Shakespeares „Macbeth“ mehr als eingelöst. Ein gelungener Start! Florian Welle
GERHART-HAUPTMANN-THEATER GÖRLITZ-ZITTAU Ein überaus anspruchsvolles Programm trifft auf ein hohes künstlerisches Niveau. Gunnar Decker
RHEINISCHES LANDESTHEATER NEUSS Starkes, feministisches Programm mit Profil und Mut. Hannah Schmidt
THEATER HAGEN Gut durchdachte, feministische Inszenierungen, die Opernklassiker in die Gegenwart bringen und zeitgleich sehr respektvoll mit dem Material umgehen. Lea Nitsch
THEATER KONSTANZ Dem ältesten dauerhaft bespielten Theater in Deutschland gelingt ein Kraftakt – lokal und regional fest verwurzelt zu sein und dabei weltoffen zu bleiben und hart am Puls der Zeit. Michael Laages
STAATSTHEATER REGENSBURG Ein abwechslungsreicher Spielplan, der Klassikern ebenso Raum gibt wie spannenden Ur- und Erstaufführungen. Tobias Hell
DIE „GESAMTGEWINNER“-LISTE DER NENNUNGEN VON THEATERN IN ALLEN KATEGORIEN (AUSSER „ERREGUNG“):
- 13 Nennungen Münchner Kammerspiele
- 10 Nennungen Theater Chemnitz*
- 9 Nennungen Theater Dortmund (Oper)
- 8 Nennungen Volksbühne Berlin, Staatsoper Hamburg
- 7 Nennungen Theater Freiburg*, Staatstheater Stuttgart*
- 6 Nennungen Oper Frankfurt, Residenztheater München, Staatstheater Nürnberg*, Düsseldorfer Schauspielhaus, Staatstheater Regensburg*
- 5 Nennungen Deutsches Theater Berlin, Schauspiel Leipzig, ETA Hoffmann Theater Bamberg, Theater Hagen*, Niedersächsisches Staatstheater Hannover*
- 4 Nennungen Berliner Ensemble, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Theater im Marienbad Freiburg, Theater der Jungen Welt Leipzig, Burgtheater Wien, Schauspiel Köln, Theater und Orchester Heidelberg*, Schauspielhaus Bochum, Staatstheater Cottbus*, Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, GerhartHauptmann-Theater Görlitz-Zittau*, Bühnen Halle*
- 3 Nennungen Staatsballett Berlin, Bayerische Staatsoper München, Schauspiel Frankfurt, Tafelhalle Nürnberg, Volkstheater Wien, Theater Aalen, Theater Bonn*, Schauspiel Erlangen, Theater Konstanz, Staatstheater Meiningen*
- 2 Nennungen Maxim Gorki Theater Berlin, Thalia Theater Hamburg, FITZ Stuttgart, Theater Rampe Stuttgart, Theaterhaus Stuttgart, Semperoper Dresden, Junges Kollektiv MusikTheater Karlsruhe, Staatstheater Braunschweig*, Oper Zürich, Theater Basel*, Anhaltisches Theater Dessau*, Aalto Musiktheater Essen, Theater Gießen*, Theater Ingolstadt, Theater Magdeburg*, Nationaltheater Mannheim*, Rheinisches Landestheater Neuss, Theater Plauen-Zwickau*, Neue Bühne Senftenberg, Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar*
* = Mehrspartenhäuser
3. Besondere künstlerische Leistung im Schauspiel
Nennen Sie hier eine:n Künstler:in oder ein Team, der/die bzw. das mit Darstellung, Inszenierung oder innovativen Ideen die Sparte Schauspiel bereichert hat.
Julia Riedler, so das Fazit aus der Auswertung aller Voten der Kategorie, ist die wichtigste Künstler:in der Schauspielsaison. Björn Hayer findet ihr Spiel der Fräulein Else in Leonie Böhms Regie der feministisch-klug performten SchnitzlerErzählung „lebendig, keck und kraftvoll“. Bettina Schulte ist, in ihrer Anmerkung über die Münchner Kammerspiele, überzeugt: „Die Arbeit von Leonie Böhm mit der Schauspielerin Julia Riedler öffnet einen Weg zum zeitgemäßen Umgang mit den sogenannten Klassikern.“
Als Regisseurin von Shakespeares „Hamlet“ am Theater Freiburg hat Julia Riedler gar drei Kolleg:innen überzeugt. René Zipperlen findet: „Als Geschichte einer traumatischen Heimsuchung erzählen Riedler in ihrem Regiedebüt und die wie elektrisch aufgeladene Nadine Geyersbach ,Hamlet‘ im Rückblick aus Horatios Perspektive. Ihn halten die Ereignisse und Hamlets Auftrag, seine Geschichte zu erzählen, in einem Höllenkreis gefangen. Hohe Intensität, dennoch Humor, starke Textfassung. Sehr heutig.“ Des Weiteren dominieren Frauen das Schauspiel: Die Dramaturgin Natalie Baudy vom Schauspiel Erlangen ist für die Produktionen „Brauner Schnee über Franken“ und „I kill you back“ genannt. Die Regisseurin Lucia Bihler für „Die Welt im Rücken“ am Schauspiel Stuttgart und für „Pioniere in Ingolstadt“ am Münchner Volkstheater. Sandra Strunz gemeinsam mit Hauptdarsteller Samuel Finzi und Autor Avishai Milstein zweimal für „Play Auerbach!“ an den Münchner Kammerspielen. Ebenfalls zwei Nennungen entfallen auf Autor Thomas Köck mit „deutsche märchen“ am Schauspiel Leipzig. Tobias Prüwer bemerkt dazu: „Der Text ist in seiner Suche nach Anfängen, Fortsetzungen, Ursprüngen und Brüchen, was die deutsche Seele angeht, forsch mäandernd, tiefgründig und flapsig zugleich.“
„HAMLET“ In ihrem Regiedebüt findet Julia Riedler gemeinsam mit einem vierköpfigen Schauspieler:innenteam zu einer überzeugenden völlig neuen Lesart von Shakespeares berühmtestem Drama. Bettina Schulte
4. Besondere künstlerische Leistung im Musiktheater
Nennen Sie hier eine:n Künstler:in oder ein Team, der/die bzw. das mit Darstellung, Inszenierung oder innovativen Ideen die Sparte Musiktheater bereichert hat.
Die meistgelobte Operninszenierung der Saison – und das ist für uns in der Redaktion keine Überraschung – ist die (übrigens gerade auch für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST nominierte) Opernuraufführung „Rummelplatz“ am Theater Chemnitz. Joachim Lange fasst zusammen: „‚Rummelplatz‘ ist in jeder Hinsicht ein Wurf! Von der Romanvorlage von Werner Bräunig über das Libretto von Jenny Erpenbeck, die Komposition von Ludger Vollmer, die kongeniale Inszenierung von Frank Hilbrich bis zu allen Ausführenden! Dass die Uraufführungsserie komplett ausverkauft war und verlängert werden konnte, bestätigt diesen Glücksfall der Saison!“ Vor allen Dingen dank dieser Inszenierung landet das Theater Chemnitz in der Gesamtwertung der Umfrage kategorienübergreifend mit zehn Nennungen auf einem formidablen zweiten Platz aller Häuser.

Das Ensemble auf dem Rummelplatz. Foto: Nasser Hashemi
Doch auch über Chemnitz hinaus gab es im Musiktheater der Spielzeit einige erfreuliche Uraufführungen, gerade an ostdeutschen Opernhäusern. Thilo Sauer fand „so viele schöne Opernuraufführungen: ‚Krabat‘ in Görlitz, ‚Rummelplatz‘ in Chemnitz, ‚Coming up for air‘ in Leipzig – ich freue mich über so viel Mut und spannende Klänge“.
Keine Uraufführung, aber auch neues Musiktheater ist „Doctor Atomic“. Für die Inszenierung am Theater Freiburg erhielt Dirigent André de Ridder zwei lobende Erwähnungen. Georg Rudiger stellt dazu fest: „Eine sensationelle Produktion, an der Generalmusikdirektor André de Ridder, der Ende 2027 an die English National Opera wechselt, mit seiner hohen Minimal-Music-Kompetenz hohen Anteil hat.“ Überhaupt fällt auf, dass keineswegs nur die Regie, sondern auch die Dirigate lobend erwähnt werden. Zwei Nennungen gehen auch an Andrea Breths „Turandot“-Inszenierung an der Oper Frankfurt.
„RUMMELPLATZ“ Tiefer regionaler Bezug bei deutschlandweiter Wirkmächtigkeit, brillanter musikalischer Höhepunkt von Chemnitz 2025. Volker Tzschucke
„DOCTOR ATOMIC“ Eine packende, musikalisch hochdifferenzierte Inszenierung eines leider wieder aktuellen Stoffes, der gleichwohl nur selten den Weg auf die Bühne findet. Bettina Schulte
„TURANDOT“ Andrea Breth und Thomas Guggeis zeigen die Banalität des Bösen auf bedrückend-grandiose Weise. Bernd Zegowitz
5. Besondere künstlerische Leistung im Ballett/Tanz
Nennen Sie hier eine:n Künstler:in oder ein Team, der/die bzw. das mit Darstellung, Choreografie oder innovativen Ideen die Sparte Ballett/ Tanz bereichert hat.
Die meisten lobenden Erwähnungen, nämlich drei, erhält Constanza Macras mit „Goodbye Berlin“ an der Berliner Volksbühne. In der Choreografie nehmen, so Michael Laages, die Compagnie Dorky Park und die argentinische Choreografin nach sieben Jahren „Abschied von der Volksbühne – und nehmen mit viel Fantasie und großen Bildern die Stadt ins Visier“.
Das Theater übt sich ja seit Jahren im Abschiednehmen von einer großen Epoche – und ist kategorienübergreifend mit acht Nennungen eines der erfolgreichsten Theater in unserer Umfrage. Anna Opel schätzt das so ein: „Das Haus erhält, auch unter provisorischer Leitung, seine künstlerische, oft subversive Strahlkraft und avantgardistische Haltung, samt Diskursprogramm, P14 und was sonst noch alles. Auch die Tatsache, dass hier zwischen den Sparten kaum unterschieden wird, ist aus meiner Sicht zeitgemäß und ermöglicht andere, weniger kategorisierende Blicke auf die darstellende Kunst.“ Die anderen beiden hervorzuhebenden Choreografien sind besonders von tänzerischer Könnerschaft geprägt. David Soares ist als Nurejew in der gleichnamigen Choreografie am Staatsballett Berlin zweimal genannt. Andreas Berger kommentiert: „Wie tanzt man Nurejew, den Startänzer, Jetset-Darling, die erste männliche Diva des Balletts und Kämpfer gegen alle Widerstände, nicht zuletzt des eigenen Körpers? In Kirill Serebrennikovs getanzter Biografie, die nun endlich in Berlin beim Staatsballett angekommen ist, entwaffnet David Soares durch Leichtigkeit, provokante Erotik und dann fast schwebende Jen-seitszugewandtheit, eine verführerisch schöne, energische, virtuose Verkörperung dieses so faszinierenden wie rücksichtslosen Genies.“
Goyo Montero, auch er erhält zwei Nennungen, scheint an der Staatsoper Hannover gut angekommen zu sein. Vesna Mlakar schreibt: „Goyo Monteros inhaltlich radikales Umkrempeln des bereits häufig mit unterschiedlichsten Schwerpunktverschiebungen choreografisch neu erzählten Märchenstoffs – zu Tschaikowskys legendärer Ballettmusik. Erstmals wird allein die Nebenfigur des Bösewichts zum Hauptprotagonisten: Rotbarts psychologisch begründete Vorgeschichte rückt ins Zentrum. Monteros ‚Schwanensee‘-Adaption ist keine bloße zeitgenössische Überschreibung. Sie bedeutet thematisch eine Neuerfindung, die den Kampf zwischen Gut und Böse sowie Verpflichtung, Liebe, Rache und Schuld als die Handlung vorantreibende Grund- und Kernmotive allein auf Rotbarts tragisch verlaufende Entwicklung überträgt.“
„GOODBYE BERLIN“ Die Aufführung hat eine zeitgemäße Umsetzung gefunden für die gefühlten Parallelen zwischen Gegenwart und der ambivalenten Stimmung in den Roaring Twenties. Anna Opel
„NUREJEW“ Eine Legende wie Nurejew zu verkörpern, ist eine Herausforderung, die Soares mit Bravour meistert. Tobias Hell
„SCHWANENSEE. ROTBARTS GESCHICHTE“ Es gelang Goyo Montero, seinen hochenergetischen, technischen und virtuosen Stil in einer plastischen Variationsdichte von klassisch bis Techno mit dem Märchenstoff und der Musik von Tschaikowsky zu verbinden. Eine übergreifend sensible, dabei zutiefst pessimistische Geschichte: glaubhaft, spannend und gegenwartsnah mit Respekt vor dem Original. Rundum souverän! Roland H. Dippel
6. Besondere künstlerische Leistung im Kinder- und Jugendtheater
Nennen Sie hier eine:n Künstler:in oder ein Team, der/die bzw. das mit Darstellung, Inszenierung oder innovativen Ideen die Sparte Kinder- und Jugendtheater bereichert hat.
Schon im letzten Jahr fiel auf, wie begeistert unsere Kritiker:innen sich mit dem Theater für junges Publikum in der Umfrage auseinandergesetzt haben. Doch war das Feld damals ziemlich ausgeglichen. In diesem Jahr gibt es dagegen einen überragenden Theatermacher mit fünf Nennungen. Sergej Gößner ist als Autor von „ich sehe was / was du nicht siehst“ von vier Kritiker:innen genannt und zudem einmal als Regisseur von „Zehner“ am Theater Konstanz. Offenbar lagen wir mit der Titelstory unseres letzten Heftes nicht daneben. Ein deutliches Zeichen der Wertschätzung, die das Theater für junges Publikum in Kritikerkreisen genießt, ist Ulrike Hartungs Kommentar: „Jugendtheater, das essenzielle menschliche Erfahrungen verhandelt, in seiner Einfachheit dennoch großen Theaterzauber schafft und schließlich (fast) alle erschüttert zu Tränen rührt. Für mich das Highlight der Saison.“ Und Manfred Jahnke ordnet die Qualität des Stücks „ich sehe was …“ ein: „Wie Gößner das Thema sexuelle Gewalt für junge Menschen aufgreift und behandelt – nämlich, wie die Umwelt sich darauf bezieht –, ist beeindruckend, weil er, ohne den Ernst des Themas zu unterschlagen, mit großer Leichtigkeit erzählt.“
Gößners Triumph überstrahlt in unserer Umfrage noch den „Sieg“ von Roland Schimmelpfennig für seinen inzwischen fast schon theaterhistorischen Wurf vor zwei Jahren mit „Anthropolis“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Das Theater Konstanz wie das Theater Aalen – wo die Uraufführung von Sergej Gößners „ich sehe was / was du nicht siehst“ stattfand – sind kleine bis sehr kleine Stadttheater. Sie haben mit einem großen Talent zusammengearbeitet und rasch Anerkennung dafür geerntet, wie Festivaleinladungen und Preise unterstreichen. Auch die Aalener Uraufführungsregie von Julius Max Ferstl wird dreimal positiv erwähnt!
Insgesamt drei Nennungen (eine in der Kategorie Schauspiel) erhält die Schauspielerin Daniela Mohr, einmal zusammen mit der Regie, für ihre Solodarstellung im Abistoff-Saisonblockbuster „Heimsuchung“ am Freiburger Theater im Marienbad. René Zipperlen meint: „Mohrs erstes großes Solo in 36 Jahren Jugendtheater steht exemplarisch für die Pionierarbeit des Hauses, an dem sie seit Gründungstagen spielt. ,Heimsuchung‘ ist auch schauspielerisch mit einem Dutzend Rollen das Summum opus ihrer Arbeit.“ Weniger ein lokaler Geheimtipp, sondern seit der Auszeichnung durch den KinderStückepreis ein Stück der Saison ist Simone Saftigs „herzkopfüber“. Auch hier stammt die Uraufführung von einem kleineren Stadttheater, dem Theater Gießen. Das Junge Theater lebt also an den Stadttheatern. Und an der großen Staatsoper Hamburg. Die kommt für zwei unterschiedliche Produktionen auf zwei Nennungen in dieser Kategorie.
Judith von Sternburg schreibt über die „Gänsemagd“: „Eine kompromisslos gute und kompromisslos aufwendig inszenierte Kinderoper, der lebende Beweis, dass Kunst für Kinder groß und anspruchsvoll und dennoch nahbar und witzig sein kann.“ Fehlt noch ein klassisches Theater für junges Publikum. Und tatsächlich ist das Leipziger Theater der Jungen Welt in der ersten Spielzeit von Intendantin Miriam Tscholl mit zwei Produktionen erwähnt und zusätzlich mit einer lobenden Erwähnung der Intendanz. Tobias Prüwer: „Die erste Spielzeit der Intendantin Miriam Tscholl überzeugte, weil sie auf Kontinuität des Hauses baut und selbst Akzente setzt.“
„ICH SEHE WAS …“ Ein äußerst präzises, tastendes, nie bevormundendes Stück, eine behutsame Regie, eine tolle Bühne, hinreißende Spieler:innen – hier stimmt einfach alles. Georg Kasch
„HEIMSUCHUNG“ In ihrem fulminanten Solo lässt Daniela Mohr mit einfachen Mitteln ein Jahrhundert deutsche und deutsch-deutsche Geschichte lebendig werden. Besser kann Unterricht nicht sein. Bettina Schulte
„HERZKOPFÜBER“ Ein stringent durchkomponierter Text über das vielschichtige Motiv der Haare sowie über den Umgang mit Krankheit. Björn Hayer
7. Besondere künstlerische Leistung im Figurentheater
Nennen Sie hier eine:n Künstler:in oder ein Team, der/die bzw. das mit Darstellung, Inszenierung oder innovativen Ideen das Figurentheater bereichert hat.
Auch wir lernen dazu. Im letzten Jahr hatten wir noch – mit Bauchschmerzen, aber die sind bei der Kategorisierung von Kunst unvermeidlich – Kinder- und Jugendtheater mit Figurentheater in einer Frage zusammengefasst. Die Aufteilung in zwei getrennte Kapitel hat der Emanzipation des jungen Theaters anscheinend geholfen. Beim Figuren- oder Objekt- oder Puppentheater, das nun erstmals zur eigenständigen Kategorie der Umfrage wurde, ist das nicht so eindeutig. Die Anzahl der Eintragungen ist übersichtlich. Und da wir keine Kritiker:innen haben, die ausschließlich für dieses Genre schreiben, dominieren die spartenübergreifenden Spieler:innen. Allein Suse Wächter ist zweimal genannt, wieder mit dem spartensprengenden Schauspielhaus der Berliner Volksbühne. Außerdem taucht hier – wie dann auch in der noch folgenden Kategorie Bühne – die viele Medien nutzende Schauspielproduktion „Wallenstein“ an den Münchner Kammerspielen wieder auf. Nur einmal genannt, aber doch eine kurze Erwähnung wert ist noch das Münchner Marionettentheater: An dem traditionsreichen Puppentheater feierte Intendant Siegfried Böhmke mit einer Revue in dieser Saison sein 25-jähriges Jubiläum.
„WALLENSTEIN“ Wie Samuel Koch zur lebendigen Marionette wird, sich als Wallenstein von seinen Untergebenen durch den Raum tragen oder sich an einem Gestell mit Schnüren bewegen lässt, um dann wieder von einer echten Puppe gedoubelt zu werden, macht dieses famose Spiel zu einer eindringlichen Parabel um Macht und Ohnmacht. Anne Fritsch
SUSE WÄCHTERS „SINGALONG“ Wundervolle Puppen und extrem vielseitige und beeindruckende Leistung stimmlich und interpretatorisch. Anna Opel
MÜNCHNER MARIONETTENTHEATER Zum einen wurde der Musentempel an der Blumenstraße 125 Jahre alt, und zum anderen feierte Intendant Siegfried Böhmke sein 25-jähriges Dienstjubiläum. Die heitere Jubiläumsrevue bot originale Spielszenen von den Gründervätern „Papa Schmid“ und Franz Graf von Pocci bis hin zu Ausschnitten aktueller Produktionen. Vesna Mlakar
8. Bühne/Kostüme/Digitales
Nennen Sie hier eine:n Künstler:in oder ein Team, der/die bzw. das Sie in den Bereichen Bühnen- oder Kostümbild oder Video oder Sound besonders beeindruckt hat.
Die Auswahl ist riesig, die Einigkeit unserer Kritiker:innen aber sehr gering. Nur eine Bühnenbildnerin kommt auf zwei Nennungen, wenn auch mit zwei verschiedenen Produktionen. Pia Dederichs hat die Bühne für „Malina“ am Theater Aachen ähnlich eindrücklich gestaltet wie – zusammen mit Lena Schmid – für „Das Rheingold“ an der Oper Köln. Für das Beispiel Aachen beschreibt Ulrike Hartung die Verbindung der Bühne mit der Situation der Hauptfigur: „Gemeinsam mit der Regie (Franziska Angerer) vermochte es die Ausstatterin, aus einer eher schwer zugänglichen Oper mit enormer Bildkraft und fantasievoller Gestaltung eindringliche szenische Entsprechungen für innere Wahnsinnszustände zu finden.“
Für den Umgang mit dem Publikum bietet die zu Beginn der Spielzeit eröffnete Interimsspielstätte des Staatstheaters Kassel eine Basis, die auch für Bühnenlösungen spannende Möglichkeiten bietet. Roberto Becker formuliert das folgendermaßen: „Die produktive Nutzung der räumlichen Bedingungen in der Interims-Spielstätte des Staatstheaters Kassel durch verschiedene Bühnenbildner, welche jeweils spezifische Raumbühnenlösungen mit neuen Perspektiven eröffnet.“ Und damit wären wir auch bei der letzten offenen Kategorie des „Erregungsmoments“ der Spielzeit angelangt. Hier wird die Kasseler Interimsspielstätte als ein positives Moment genannt.
„RHEINGOLD“ Die Bühnenbildnerinnen Pia Dederichs und Lena Schmid zeigen in Wagners „Rheingold“ an der Oper Köln (Regie: Paul-Georg Dittrich) eine Mischung aus Kindertheater und Barocktheater mit schematischen Kulissen, grellen Farben und lustigen Kostümen, die von Mona Ulrich geschneidert wurden. Richard Lorber
9. Größter Erregungsmoment der Spielzeit
Nennen Sie hier Ihren persönlichen Erregungsmoment der vergangenen Spielzeit, der sowohl negativ als auch positiv sein kann.
Die „zügige Eröffnung der Interimsspielstätte“ in Kassel ist (für Roberto Becker) ein Positivbeispiel. Damit ist diese Nennung einer der 14 positiven Kommentare unter den 51 Beispielen. Leider sind jedoch im Bereich Theaterbau und Sanierung die negativen Beispiele weit zahlreicher – dabei war das Düsseldorfer Opern-Nicht-Bau-Desaster zu Redaktionsschluss der Umfrage noch gar nicht verkündet. Volker Tzschucke wie Michael Kaminski ärgern sich über das Chemnitzer Hin und Her bei der Frage nach dem neuen Standort des seit Jahren geschlossenen Schauspielhauses. Die vorübergehende Schließung des Stadttheaters Ingolstadt spielt bei Anne Fritschs Hinweis zu existenziell bedrohlichen „Sparmaßnahmen“ sicherlich mit. Und in Augsburg sieht Tobias Hell: „Die nach wie vor nur schleppend vorangehende Sanierung am Staatstheater Augsburg, das sich seit bald zehn Jahren mit Interimslösungen arrangieren muss und nach der jüngst angeordneten Zwangsschließung der Freilichtbühne nun auch noch die letzte seiner originalen Spielstätten verloren hat.“
Die Reizfigur zahlreicher Kritiker:innen stellt der genderabgeneigte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dar. Barbara Behrendt nennt ihn den „Anti-Kultur-staatsminister, unter dem man sich wieder Sorgen um die Freiheit der Kunst machen muss.“ Martin Krumbholz diagnostiziert ganz allgemein „nichts als repressive Einmischung von Kulturfunktionären in die Arbeit vermeintlich unabhängiger Preisjurys unter dem fadenscheinigen Vorwand des ‚Staatsschutzes‘“. Und Ruth Bender fasst die Erregung der Saison so zusammen: „Es ist eher eine Ansammlung von Momenten, mit denen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer immer wieder auffällt: das Gezerre um Berlinale-Chefin Tricia Tuttle, der Buchpreis-Eklat, die Abwesenheit bei den Diskussionen dazu. Der Mann hat offenbar Bedenken, für sein Ressort, für die Kultur Flagge zu zeigen. Dazu passt auch die Abwesenheit beim Berliner Theatertreffen. Schade, auch das wäre eine Bühne, die Kunst und das, was Künstler täglich zur Gesellschaft beitragen, sichtbar zu machen.“
Schließen will ich aber lieber mit einem erfreulicheren Aufreger, über den zwei unserer Kritiker so gar nicht einig sind. Denn während Andreas Herrmann in der Cottbuser Inszenierung des „Hauptmanns von Köpenick“ in der Regie von Sebastian Hartmann negativ konnotiertes „Kasperletheater“ sieht, sieht Torben Ibs darin das Schauspielhighlight der Saison: „Komödie als irres Mash-up von Schauspiel und Puppentheater“. Diese Beschreibungen sind gar nicht so weit auseinander, die Beurteilung sehr wohl. Der Schwarm kann also auch mal in entgegengesetzte Richtungen schwimmen. Das wollen wir gerne aushalten.
Die inakzeptable Art, wie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sein Amt (miss-)versteht. Gunnar Decker
Nach Redaktionsschluss: Mein aktueller Erregungsmoment
Nach Abschluss der Kritiker:innenumfrage stellte sich heraus, dass die Stadt München den Vertrag für KammerspielIntendantin Barbara Mundel aus unbekannten Motiven heraus nicht verlängert und die Stelle stattdessen kurzfristig ausgeschrieben hat. Angesichts des immensen Erfolgs des Theaters, der sich auch in unserer Umfrage als meistgelobtes Theater in Deutschland widerspiegelt, erscheint das als kulturpolitische Dummheit erster Güte. Gerade erst haben Theater und Stadt einen Zukunftspakt über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die renommierte städtische Bühne vereinbart – und doch schien es nun keinerlei Austausch über die zukünftige Leitung zu geben. Nach mühsamem Start von Mundels Intendanz 2020, also mitten in Coronazeiten, wurde ihr Vertrag zwischenzeitlich um drei Jahre bis 2028 verlängert.
Nun sind in den letzten zwei Spielzeiten zahlreiche hochkarätige Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen entstanden, für die es ein dankbares Publikum gibt und die auch überregional wahrgenommen werden. Das Konzept der Kammerspiele als inklusives Haus geht inzwischen auch künstlerisch auf, beispielsweise im „Wallenstein“. Groß ist die Gefahr ist, dass dieses aufwendig errichtete Konstrukt gedankenlos niedergerissen wird. Wenn es keine Abstimmung bei der Übergabe des Theaters gibt, droht das Projekt eines künstlerisch ambitionierten inklusiven Theaters sang- und klanglos ausgebremst zu werden. Detlev Baur
Detlev Baur dankt allen Teilnehmer:innen der Umfrage. Und freut sich nach diesem Rückblick auf den Blick nach vorn im nächsten Heft.