I.Roberts steht in einem Haus und blickt nach draußen durch ein Fenster. Sie sieht bestürzt aus. Davor liegt J.Bäckström auf einer Parkbank zusammengekrümmt.

Hoch zu Ross durch München

Richard Wagner: Die Walküre

Theater:Bayerische Staatsoper, Premiere:25.06.2026Regie:Tobias KratzerMusikalische Leitung:Vladimir JurowskiKomponist(in):Richard Wagner

Bayerische Staatsoper: Tobias Kratzer inszeniert Richard Wagners „Die Walküre“. Der Abend überzeugt unter anderem mit einem Walkürenritt hoch zu Ross.

Unter den Premierenterminen in München ist das der Premiumplatz im Jahr: der Auftakt der jährlichen Opernfestspiele, mit denen München seinen Rang unter den Opernhäusern des Landes leuchten lässt. „Die Walküre“ in der Regie von Tobias Kratzer ist dafür ein geeignetes Schwergewicht. Als Leistungsnachweis anspruchsvoll, obendrein bei Wagnerianern beliebt.

Mit einem für diesen Regisseur typischen Augenzwinkern verweist das Nummernschild auf Hundings PkW „WRW M1870“ auf das Stück, den Komponisten und Ort und Jahr der Uraufführung. Und aufs Hier und Heute. Und doch gibt optisch der düstere deutsche Wald (Ausstattung: Rainer Sellmaier) zwei Akte lang den Ton an. In diesem romantisch ausgebremsten bis konventionellen Rahmen sind die Details ergiebiger, als der Grundeinfall, Menschen und Götter, die man im einen wie im anderen Fall sofort an ihrer Aufmachung als solche erkennt, aufeinandertreffen zu lassen.

Die Hunding-Hütte ist eine zum Raum gewordene Begegnung von Götterwelt und Gegenwart. Aber auch mit der Vorgeschichte. Und das gleich doppelt: stückintern mit dem „Rheingold“ und bei den Zwillingen Sieglinde und Siegmund mit deren traumatisierender Kindheit. Im Erinnerungsvideo sieht man die beiden erst im Doppelstockbett, dann, wie sie sich nachts heimlich gegenseitig ein Brandzeichen einbrennen. Später sieht man das Haus in Flammen und Vater und Sohn vor den rauchenden Trümmern. Auf das „Rheingold“ verweist Hundings Hausaltar. Er ist eine kleine Version des Riesenoriginals, mit dem das „Rheingold“ endete. Die Gebetssäule vor dem Haus mit Frickes Bild oder auch die beiden Raben, die auftauchen, wenn das Geschwisterpaar mit Hundings Pkw geflohen ist, gehören zum Netz von aufgegriffenen Querverweisen, die den ganzen „Ring“ durchziehen.

Selbstmordversuch eines Gottes?

Dass Fricka mit den anderen Göttern am Ende des zweiten Aktes persönlich auftaucht, wenn Wotan in einem Akt wütender Verzweiflung Hunding seinen Speer in den Rücken rammt, als der die Meldung von Siegmunds Tod überbringen soll, gehört zum Allzudeutlichen, das eben auch bei Kratzer mal vorkommt. Der Umgang mit der Wunderwaffe Nothung wird sogar unklar verspielt. Papa Wotan hat sie in einer verschlossenen Kiste, Hunding dann im Schuppen unter vielen anderen Exemplaren, auch einem selbstleuchtenden. Nun ja. Befremdlich ist auch Wotans Versuch, sich mit einem Messer die Pulsadern aufzuschneiden, als er vom Ende redet. Ein unsterblicher Gott, der einfach Selbstmord zu begehen versucht?

Bei seinem Abschied von Brünnhilde schafft er erst eine Matratze für seine Lieblingstochter herbei, drückt auch ihr dann ein Messer in die Hand und versucht es auch bei sich nochmal. Wenn da auch nur einer von beiden Erfolg gehabt hätte, wäre der „Ring“ schon hier zu Ende. Echten Neuigkeitswert haben die immer mal eingespielten Erinnerungsvideos von Wotans Zeit als offenbar glücklicher Menschen-Familienvater mit zwei hinreißenden Kindern dann doch: Die Mutter von Siegmund und Sieglinde hat man bislang noch nie zu Gesicht bekommen. Hier hat man’s erlebt.

Ein Kratzer-Moment

Als man schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, passierte es dann aber doch noch: der Kratzer-Moment, der die Inszenierung zu einem besonderen Theaterereignis macht. Im Video (Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi) rücken die historisch kostümierten Walküren tatsächlich hoch zu Ross aus, reiten durch die Prachtstraßen und den Englischen Garten in München. Während eine von ihnen vom Hubschrauber aus (siehe die berühmte cineastische Nachverwertung der martialischen Nummer!) den Einsatz koordiniert, sammeln sie lauter Unfallopfer in München ein und schleppen sie ins militärisch abgeriegelte Nationaltheater.

Eine Aufnahme aus einem Video aus der Produktion. Sie zeigt, wie zwei in Rüstung gekleidete Personen auf die Kamera zureiten.

Videostill aus der Neuinszenierung „Die Walküre“ durch Regisseur Tobias Kratzer von Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi.

Im Prachtsaal des Foyers, der so zum Walkürenfelsen mutiert, waschen sie die nackten Toten, um sie dann zu willigen Rekruten von Wotans Garde umzufunktionieren. Dieser berittene Wechsel von der Walddüsternis ins Prachtgemäuer ist Anlass für mehrfachen Szenenapplaus. Es ist genau das große Opernkino mit Witz und Hintersinn, für das dieser Regisseur seit dem kultigen Bayreuther „Tannhäuser“ steht. Die Frage, was es bedeuten könnte, dass die Opfer von heute zu Helden einer sehr damaligen Geschichte werden, gehört zu den Dingen, die jeder für sich und auch jeder anders beantworten mag.

Stürme im Orchester

Im Graben langt Vladimir Jurowski kräftig zu. Mit dramatischer Theaterwucht, manches dehnt er, um es dann aber auch mal krachen zu lassen. Fast immer können die Protagonisten diesen Orchesterstürmen standhalten.

Mit überraschendem vokalen und darstellerischen Charisma liefern Irene Roberts und Joachim Bäckström ein sich selbst und die Zuschauer faszinierendes Liebes- und Geschwisterpaar. Ain Anger ist als Hunding ein Macho, der seine latente Gewaltbereitschaft religiös verbrämt. Nicolas Bownlee begeistert als kraftvoll eloquenter Wotan, den die knallharte Fricka der überzeugend zynischen Ekaterina Gubanova erfolgreich unter Druck setzt, um ihren Willen (und das noch geltende Recht) durchzusetzen.

Miina-Liisa Värelä ist mit Anlaufzeit eine mitreißende und zunehmend berührende Brünnhilde. Die Walküren-Riege ist gut sortiert. Dass der Rheingold-Loge Sean Panikkar hier nicht nur im Video (offensichtlich in Frickes Auftrag) Waldhütten abfackelt, sondern Brünnhilde die Kerze an die Matratze stellt, ist purer Münchner Besetzungs-Luxus. Alles in allem bleibt man dann doch neugierig darauf, wie es weitergeht mit diesem Münchner Ring des Hamburger Opernintendanten.