Drei Darsteller:innen stehen nebeneinander. Alle halten TV-Zeitschriften in den Händen.

Streit der Biber um die Tupperdose

Gesa Geue, Simone Saftig, Marcus Peter Tesch: Lange Nacht der Autor:innen

Theater:Deutsches Theater Berlin, Premiere:20.06.2026 (UA)Autor(in) der Vorlage:Gesa Geue, Simone Saftig, Marcus Peter TeschRegie:Karsten Dahlem, Theresa Thomasberger, Wilke Weermann

Deutsches Theater Berlin: Die Autor:innentheatertage enden mit der traditionellen „Langen Nacht der Autor:innen“. Diesmal präsentieren drei Dramatiker:innen Stücke mit Sinn für seichten Humor.

Jo hat keine Lust mehr: Seit 33 Jahren ist er der Bösewicht einer Daily-Soap. Und kann sich kaum mehr erinnern, wie viele Kinder er entführt und wie viele Dokumente er schon gefälscht hat. Jo, die Serienfigur fühlt sich jetzt zu Höherem berufen. Er will auf die Bretter, die die Welt bedeuten, und Hamlet spielen. Und hier, auf der Theaterbühne, nimmt Jo dann auch Abschied von seinen Fans: „Ich bin der bekannteste Bösewicht des deutschen Fernsehens. Und ich möchte hiermit meinen Ausstieg aus der Vorabendserie bekanntgeben. Um mich anderen Formaten zu widmen.“

Die Fans sitzen als „Chor der Glotzis“ zu dritt im Publikum und sind am Boden zerstört. Schließlich ist es ihr tägliches Ritual, die immer gleichen Gesichter, Probleme und Dialoge über den Bildschirm flimmern zu sehen. Da fühlen sie sich zuhause, da fühlen sie sich getröstet.

„Jo schmeißt hin“

Jo schmeißt hin“ ist eines von drei Kurzstücken, das bei der „Langen Nacht der Autor:innen“ zum Abschluss der Autor:innentheatertage am Deutschen Theater in Berlin gezeigt wird. Die Autorin Simone Saftig, die bei den Mülheimer Stücke-Tagen gerade den Preis für das beste Kinderstück gewonnen hat, will hier nun Hoch- mit Pop-Kultur verbinden. Ihr Text ist ein Spiel um die Relevanz von ernster Kunst versus Unterhaltung. Berührt so eine triviale Bösewicht-Figur mehr als jeder Hamlet? Und was ist an „guilty pleasure“ eigentlich „guilty“?

Zwar tut das Stück nicht viel mehr, als eben diese Fragen zu stellen, ohne sie in irgendeiner Weise zu verhandeln. Zwar bleibt unaufgelöst, warum die Serienfigur selbst, von Beruf Anwalt, eine neue Rolle auf der Theaterbühne sucht – und nicht etwa der Schauspieler, der diese Figur verkörpert. Doch „Jo schmeißt hin“ ist trotzdem der tiefgründigste und beste Text der diesjährigen „Langen Nacht“.

Theresa Thomasberger präsentiert ihn in der obligatorischen Werkstattinszenierung recht einfach: Jo hält seinen Monolog auf der Bühne zwischen altmodischen Souffleusen-Muscheln, immer unterbrochen vom „Chor der Glotzis“ im Zuschauerraum. Später, wenn Jo wieder zur Trivialkultur bekehrt wird, rollen „Gutes Theater, schlechtes Theater“-Banner von der Bühne im Farbschema der Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.

Die Lange Nacht

Die Autor:innentheatertage gibt es schon seit mehr als 30 Jahren in ähnlicher Form – die „Lange Nacht“ wandelt sich allerdings kontinuierlich. Im dritten Jahr präsentiert das Deutsche Theater hier nun in 45-minütigen Werkstattinszenierungen (nach 14 Tagen Probezeit) Texte seiner drei „Atelier-Autor:innen“.

Diese Autor:innen sind ein Jahr lang an den Theaterbetrieb angebunden und schreiben mit Feedback aus der Dramaturgie, Regie und vom Ensemble ihr Stück. Zuletzt wurden hier eher bekannte, aufstrebende Autor:innen gefördert. Mit der jungen Schauspielerin Gesa Geue und dem Dramaturgen Marcus Peter Tesch begreift sich das Atelier nun aber anscheinend mehr als Nachwuchsplattform.

Ungewöhnlich ist der Fokus aller drei Autor:innen aufs komische Fach. Das erlebt man selten. Auf keinen Fall soll es zu ernst, zu intellektuell zugehen. Drei gute neue Komödien an einem Abend – das wäre natürlich ein Coup. Doch die Stücke kommen dann doch viel zu schmalspurig und banal daher, als dass ihr Humor überzeugen könnte.

„Böse Bäume“

Marcus Peter Teschs Stück „Böse Bäume“ ist im Stil eines Lautgedichts verfasst, plus grafischer Struktur. Taucht im Text ein Baum auf, erscheint eine Zeichnung statt des Wortes. Ein progressiver Baum spricht auf der linken Seite des Blatts, ein konservativer Baum auf der rechten Seite. Die tierischen und pflanzlichen Bewohner eines Waldes werden hier vorgestellt. Welche Natur ist eigentlich natürlich? In welchen Familienverbünden lebt man „natürlich“ zusammen? Es tauchen Mücken, Kröten, Fledermäuse, Wildschweine, schwule Schleiereulen auf – oder auch ein Reh, das schnell verendet. Der redundante, selbstverliebte und arg alberne Text ist nur etwas für Menschen, die es amüsant finden, wenn sich ein schwules Biberpaar über Tupperdosen und Babyshowers streitet.

Ein Darsteller steht vorne im gestreiften Top. Hinter ihm eine Reihe kleiner Tannenbäume.

„Böse Bäume“ von Marcus Peter Tesch. Foto: Jasmin Schuller

Der Regisseur Wilke Weermann hat das Stück auf der Open-Air-Bühne mit vielen Pappbäumen inszeniert, die vom Ensemble hin und hergetragen werden müssen. Auch Biberschwänze, Trachten und tote Vögel spielen eine Rolle.

„Und hinter der Nacht erscheint die Welt“

Gesa Geues Stück „Und hinter der Nacht erscheint die Welt“ ist dagegen ein Jugendstück, das sich mit dem Tod der Großmutter einer jungen Frau beschäftigt – inklusive Reise durch die Unterwasserwelt mit sprechenden Muscheln und Kaffeekränzchen beim Sensenmann. In der Auseinandersetzung mit dem Sterben bleibt der Text zu simpel, auch sprachlich. Da freut sich die Oma auf den Kuchen beim Tod und wird von ihrer Enkelin vor dem Cholesterinspiegel gewarnt – worauf die Oma natürlich sagen muss: „Ach, das spielt jetzt auch keine Rolle mehr.“

Eine Darstellerin steht mit Motoradhelm und Bomberjacke nach vorn gerichtet. Hinter ihr sitzt jemand am Schreibtisch.

„Und hinter der Nacht erscheint die Welt“ von Gesa Geue. Foto: Jasmin Schuller

Die reduzierten Werkstatt-Inszenierungen sind nicht das Problem – alle Regisseur:innen bringen die Stücke durchaus textdienlich und pointiert auf die Bühne. Doch die Texte selbst wirken mehr wie Kurzstücke, eindimensionale Entwürfe ohne Plot-Twist. Große Entdeckungen sind dabei nicht zu machen. Ohnehin ist fraglich, wie nachhaltig eine solche Atelier-Autor:innenschaft ist, wenn sie nur in einem einmaligen Werkstatt-Abend endet.

Das Publikum amüsiert sich bestens, besteht aber ohnehin hauptsächlich aus anderen Theaterautor:innen und Verleger:innen. Das „normale“ Publikum ist bei diesem Branchentreff weniger zugegen – hat in diesem Fall allerdings auch nicht viel verpasst.