Foto: Szene mit Aidan Kelly, Holger Kraft, Sabah Qalo und Mary Murray © Andreas Etter
Text:Björn Hayer, am 19. Juni 2026
Am Staatstheater Mainz bringt Jim Culleton das Stück „Refuge“ der irischen Dramatikerin Deidre Kinahan zur Uraufführung. Die hochaktuelle Geschichte erzählt von Geflüchteten im 18. Jahrhundert parallel zu Gegenwärtigen. Der herausragende Live-Musiker Steve Wickham begleitet im historischen Setting.
Schon eine verrückte Geschichte, die überdies so noch nicht auf deutschen Bühnen erzählt wurde: Um das Protestantentum weiter in der Breite zu verankern, luden Großgrundbesitzer im 18. Jahrhundert Pfälzerinnen und Pfälzer ein. Günstiger konnte die Fügung kaum sein, zumal viele von letzteren dadurch Krieg und Elend entfliehen konnten. Und wo ließe sich diese Geschichte am besten erzählen? Natürlich am einzigen Staatstheater von Rheinland-Pfalz. In Mainz bringt man dazu das Stück „Refuge“, geschrieben von der irischen Dramatikerin Deidre Kinahan, zur Uraufführung, ein Text, der intelligent die damalige und heutige gesellschaftliche Situation zu verflechten weiß.
Eine Suizidierte geistert durch die Geschichte
Im Zentrum steht Hannah. Zu den damaligen, deutschen Auswanderern gehörend, führt sie auf der grünen Insel ein gutes Leben, während einige der ursprünglichen Einwohner dieses Flecken Erde aufgrund ihres Lebenswandels geächtet werden. Auf ihre Enteignung folgten rebellische Aufstände, denen mitunter deutsche Milizen begegneten. Da sich die Protagonistin in einen der Outlaws verliebt hat, gerät sie rasch zwischen die Fronten – und verliert nicht zuletzt ihre Söhne. Wie in zahlreichen Märchen geistert sie, die sich kurz darauf suizidiert, als unerlöster Geist durch die Jahrhunderte. So lange, bis sich die Geschichte in unseren Tagen wiederholt.
Denn parallel zur Story der Vergangenheit erleben wir, wie ein Geflüchteter aus dem Nahen Osten in einem irischen Stall aufwacht. Erst nach und nach offenbart er im Beisein der (untoten) Hannah seine Gewalterfahrung unter dem Terrorregime der Taliban. Nicht nur die Schicksale der Migranten ähneln sich über die Zeit hinweg, sondern ebenso die gesellschaftlichen Umstände. Sowohl in der Gegenwart als auch in der Historie konkurrieren Auswanderer miteinander und bekämpfen sich gegenseitig statt sich zu solidarisieren. Aktuell verbreiten Fake News alltäglich Vorurteile über Geflüchtete, damals waren es Gerüchte. So seien die ‚Gesetzlosen‘, die „Houghers“, angeblich Kannibalen gewesen.
Englische Inszenierung in opulenter Landschaftskulisse
Dass uns bereits der Inhalt des Werks an sich bewegt, liegt also auf der Hand. Zum Glück, fällt doch die größtenteils in englischer Sprache (mit deutschen Übertiteln) gezeigte Inszenierung von Jim Culleton ein wenig gefällig aus. Wie in einem Geschichtsdrama blicken wir auf eine opulente Landschaftskulisse. Hinter der grünen Wiese ragen zwei gemauerte, efeuumrankte und manchmal von irischem Nebel eingehüllte Bögen empor. Davor die Schauspieler:innen (u.a. Hannah von Peinen, Holger Kraft, Mary Murray) in historischen Gewändern. Manchmal vernehmen wir das Rauschen des Flusses, fast den gesamten Abend über begleitet derweil der herausragende Live-Musiker Steve Wickham mit Klavier und Violine die Handlung. Berührende Kompositionen öffnen förmlich unsere Herzen, als würden wir einen Hollywoodstreifen sehen.
Gleichwohl verzeiht man der Regie den Kitsch, weil die Erzählung dadurch in ihrem historischen Setting verbleibt und an keiner Stelle die plakative Aktualisierung sucht. Nur in wenigen Bildern scheinen sich die Epochen zu überlagern. Besonders relevant dafür ist eine Tänzerfigur (Matthew Williams) mit verdecktem Gesicht. Hannah glaubt an einer Stelle in ihr den verlorenen Sohn Ludwig zu erkennen. Dabei erweist sie sich als Schatten des spätmodernen Geflüchteten. Immer wenn er von der Pein in seinem Herkunftsstaat berichtet, gibt dieser sonderbare Darsteller den Gefühlen des Heimatlosen einen choreografischen Ausdruck.
Seine Verrenkungen lassen das tragische Ende früh erahnen. Der einzige Trost: Im selbst gewählten Tod trifft Hannah dann doch noch ihr Kind. Das letzte Wort des Abends lautet: Frieden. Etwas mehr dieser Herz-Romantik können wir in diesen aufgeheizten Zeiten tatsächlich gut gebrauchen.