Foto: v.l. Julia Wolff, Kevin Wilke, Julia Meier, Alexander Peiler, Lucas Brosch, Paula Püschel und Aline Blum im Versteck. © Dana Schmidt / Schauspiel Wuppertal
Text:Sarah Heppekausen, am 10. Mai 2026
Anne Mulleners inszeniert am Schauspiel Wuppertal „Das Tagebuch der Anne Frank“ mit Elementen des Figurentheaters. Ein Spiel zwischen komödiantischer Leichtigkeit und emotionaler Eindringlichkeit.
Die Bühne ist abgehängt. Weiße Laken kleben über der Treppe, den Absätzen, den wenigen Möbeln, an den Wänden. Auffällig unauffällig ist diese Behausung, die Matthias Dielacher und Chani Lehmann ins Wuppertaler Theater am Engelsgarten auf die Drehbühne gebaut haben. Mehr Transitraum als Wohnstätte, der für Anne Frank, ihre Familie und die anderen vier im Versteck dann aber doch zwei Jahre lang zum einzigen Lebensraum wird.
Ein Hinterhaus in Amsterdam, in dem die jüdischen Bewohner:innen ab Juli 1942 untertauchen, warten, hoffen, bangen, sich streiten und gemeinsam Chanukka feiern. Hier auf der Bühne ein weißgetünchter Raum, der keine Spuren erlaubt, in dem Annes rot kariertes Tagebuch aber umso mehr auffällt.
Aus dem Tagebuch in die Wirklichkeit
Für Anne Frank, die keine Freundinnen mehr treffen konnte, die mit ihrer Mutter mehr stritt als über ihre Gefühle sprach, war ihr Tagebuch die engste Vertraute. In Anne Mulleners’ Inszenierung für das Wuppertaler Schauspiel und in Kooperation mit dem Figurentheaterfestival FIDENA springt aus dem Buch eine Figur. Die Puppen- und Objektspielerin Sara Hasenbrink hat ein großes Pop-up-Buch gestaltet, das Kitty – so nennt Anne ihre Tagebuch-Adressatin – als ihr Gegenüber sichtbar werden lässt. Annes sehnlichster Wunsch nach „Freiheit und Freunden“, nach Sprechen und sozialen Kontakten, wird so zum deutlichen Bild. Und es ist nicht das einzige.
Der Kater, der mit ins Versteck gebracht wurde, ist aus dicken Pappstreifen gestaltet. Geschmeidig liegt er in den Armen der Bewohner:innen, ein letzter Rest möglicher Zuneigung. Und wenn Anne nachts die Albträume plagen, sehen wir riesige Schattenbilder. Soldaten, fallende Bomben, Hitler befiehlt, Waggons transportieren Menschen, Annes Freundin Jopie im Konzentrationslager. Die Traumbilder werden im Schatten-Comic zum übergroßen Schrecken. Es ist diese Dynamik zwischen vermeintlich einfach konzipierten Bildern und brutaler Wirkung. Sanft, aber präzise lenkt diese Inszenierung durch das Drama unserer Geschichte.
Waage der Gefühle
Überhaupt pendelt der Abend zwischen komödiantischer Leichtigkeit und emotionaler Eindringlichkeit. Ein Mit- und Ineinander der menschlichen Extrem-Erfahrungen, ein Atmosphärenwechsel nach dem anderen. Da demonstrieren die Darstellenden die Enge, in der sie ausharren müssen, als Lachnummer in einer langen Reihe mit kompliziertem Positionswechsel. Und nur wenige Szenen später zeigen sie uns ihre Panik, als sie Geräusche hören im Vorderhaus und fürchten, nun von der Gestapo entdeckt worden zu sein. Mulleners verzichtet auf den Einsatz von Musik, setzt aber auf wohldosierten Sound und Stimmung. Wir hören das Glockenspiel, wie Anne es gehört hat. Und wir beobachten mit ihr den blauen Himmel und die Vögel im Wind, während die anderen Darsteller:innen Papierfetzen durch die Luft tanzen lassen.

Paula Püschel, Kevin Wilke und Julia Meier lassen Anne Franks Gedanken aus dem Pop-up-Tagebuch springen. Fotos: Dana Schmidt / Schauspiel Wuppertal
Gegen das Vergessen
Die Inszenierung lässt uns nah ran an die Figuren. An eine Anne Frank, die von Paris und einem Leben als Journalistin träumt und die Julia Meier sprühend lebendig, so kindlich frech wie jugendlich nachdenklich spielt. An ihren klugen, optimistischen Vater Otto (Alexander Peiler), ihre zurückhaltende, gerechtigkeitsliebende Mutter (Julia Wolff) und ihre korrekte Vorzeige-Schwester Margot (Aline Blum). Zusammen mit Lucas Brosch, Paula Püschel und Kevin Wilke agiert dieses Ensemble angenehm zielsicher zwischen Witz und Verzweiflung, berührt, vermeidet aber die Rührseligkeit.
Vor Beginn sind auf eine Seitenwand der Bühne Daten „gegen das Vergessen“ projiziert. Die Premiere fällt in die Woche der Gedenktage. Am 5. Mai feiern Menschen in den Niederlanden das Ende der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs 1945. Am 8. Mai ist in Deutschland der „Tag der Befreiung“ vom Nationalsozialismus. Und dass im Ensemble ganz selbstverständlich ein Mitglied des inklusiven Schauspielstudios STUDIYOU spielt, ist ein weiteres wichtiges Zeichen, das in Wuppertal gesetzt wird. Schulen, nutzt dieses Angebot!