Tilmann Unger und Susanne Serfling stehen Rücken an Rücken. Beide tragen futuristisch aussehende Sonnenbrillen und Anzüge.

Niederlage der Klonkrieger

Richard Wagner: Götterdämmerung

Theater:Saarländisches Staatstheater, Premiere:26.04.2026Regie:Alexandra Szemerédy, Magdolna ParditkaMusikalische Leitung:Sébastien RoulandKomponist(in):Richard Wagner

Das ungarische Regieduo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka bleibt am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken seinem naturwissenschaftlichen Ansatz bei Richard Wagners „Götterdämmerung“ treu. Die Inszenierung lebt inhaltlich und szenisch vom Einsatz technischer Innovationen wie KI und Gentechnik – und auch musikalisch ist vieles auf der Höhe der Zeit.

Man müsse sich vor der „Götterdämmerung“ nicht fürchten, meinte die englische Comedian Anna Russell in ihrer Analyse von Wagners „Ring des Nibelungen“. Die Nornen würden ja am Anfang des letzten Teiles nochmal alles erzählen, was bisher geschah. Das machen sie auch in der neuen Saarbrücker Inszenierung, doch wer da von Anfang, also vom „Rheingold“ an, nicht selbst dabei war, hat es sehr, sehr schwer. Die Möglichkeit, die komplette Inszenierung als Zyklus zu sehen, und das wäre bei dieser intellektuell anspruchsvollen und bildgewaltigen Arbeit durchaus sinnvoll, wird es allerdings nicht mehr geben. Der alte Saarbrücker Intendant, Bodo Busse, konnte/wollte die Arbeit nicht an seine neue Wirkungsstätte in Hannover mitnehmen und der neue, Michael Schulz, kann mit der Altlast wohl nichts anfangen. Also: Ab in die Tonne?!

War, ist, wird

Die durch Natur und Technik mit dem Weltwissen verbundenen Nornen kennen Vergangenheit und Gegenwart. Und wir kennen sie auch. Auf verschiedenen Monitoren werden parallel zu ihren Erzählungen im Vorspiel Ereignisse aus den vorherigen „Ring“-Teilen gezeigt, als digitale Einstiegshilfe sozusagen. In der Box, die von den Nornen bewacht wird, wächst Wotans letztes Kind heran, eine Saat-KI, gefüttert mit menschlichem Wissen, die das Potenzial hat, sich zu einer Superintelligenz zu entwickeln. Konsequent erzählen die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka ihre im „Rheingold“ begonnene Geschichte in der „Götterdämmerung“ weiter.

Alberich entwickelt in seinen „Nibelheim Laboratories“ mit Hagen, Gunther und Gutrune Menschen nach seinem Bilde. Na ja, Hagen ist halb Mensch, halb Maschine und verbindet in sich damit zwei wichtige Zukunftstechniken, also Gentechnik und künstliche Intelligenz. Die Rheintöchter arbeiten in den „WLHLL Laboratories“ für Wotan: Brünnhilde und Siegfried sind seine Geschöpfe, die sich von ihrer Fremdbestimmung allerdings lösen. Siegfried von seinem ihm eingepflanzten Helden-Programm, was er mit dem Tod büßen wird, und Brünnhilde von ihren immer neuen Updates oder Downgrades, also ihren verschiedenen Versionen. Die von Wotan entwickelte, sich von ihm emanzipierende Superintelligenz entscheidet sich letztlich für sie, für deren freien Willen, der gespeichert und damit erhalten wird, während die menschliche Hülle Brünnhildes stirbt.

Bühnenprogramme

Die mehrfach geteilte, wie die Kostüme ebenfalls vom Regieduo hergestellte Drehbühne, die nach oben oder nach unten fahren kann, ist mit ihren verschiedenen Räumen aus den vorherigen „Ring“-Teilen bekannt. Real sind hier allenfalls die Kelleraktivitäten im Labor. Oben sind wir halb oder ganz in den Köpfen der Figuren. Etwa wenn Hagen das Jagdprogramm aktiviert und Siegfried verwirrt im schneebedeckten Wäldchen sich selbst und den Waldvogel beobachtet. Oder wenn Brünnhilde in einer Vision von ihrer Schwester Waltraute aufgesucht wird, um das Ende doch noch abzuwenden.

Die Bühne ist in zwei übereinander gelegte Ebenen geteilt. unten ist ein großer Raum mit Bildschirm und diversen Kabeln auf dem Boden. Oben stehen drei Darstellende über eine Brüstung gelehnt. Hinter ihnen ein weiterer Bildschirm mit Code und unterschiedlichen Anzeigen.

Eine volle Bühne mit Kabeln und Bildschirmen. Foto: Martin Kaufhold

Teils ist die Bühne vollgestopft mit Kabeln, Monitoren, Menschen und Bildern, teils ist sie ziemlich öd und leer. Am wenigsten gelingt die nur behutsam inszenierte Waltrauten-Szene, besser der recht konventionell inszenierte zweite Teil des zweiten Aktes. Am ertragreichsten sind die Szenen, in denen Programmierer und Programmierte in Aktion sind. Doch Aufmerksamkeit allein hilft auch da nicht immer weiter, zu schnell schreitet die Zeit voran.

Sängerglück und Blechschäden

Sébastien Rouland dirigiert einen Wagner der zwischen feinster Kammermusik und dröhnender Klangmassierung changiert. Wunderbar gelingen ihm Szenen wie diejenige der Rheintöchter, in der das Orchester klare und helle Klangbilder des Spiels im Rhein entwirft. Wenn alles glitzert und flimmert. Wenn die reiche Farbpalette, die Wagner bereitstellt, genutzt wird. Oder wenn die Streicher sehnsuchtsvoll Sieglindes Motiv der Geburt und Wiedergeburt ganz am Schluss intonieren. Das ist aber auch der einzige Hoffnungsschimmer in einer Welt, die in eine Phase technologischer Singularität eingetreten ist. Immer wieder erdrückt die instrumentale Üppigkeit, besonders der Blechbläser, den Gesamtklang. Dann sind die Streicher kaum mehr zu hören, ist die Balance massiv gestört und die rohe Gewalt dominiert. Die Tempi sind flott, die Leitmotivtechnik wird nicht überstrapaziert, alles fließt.

Sängerisch gibt es fast ausschließlich Glücksmomente. Aile Asszonyi ist eine echte hochdramatische Brünnhilde, die eine großartige Mittellage hat und gute Höhen, jederzeit wortverständlich singt, aber sängerisch ein wenig mehr differenzieren könnte. Tilmann Unger ist ein baritonal gefärbter Siegfried mit Stehvermögen und nachdenklichen Momenten. Markus Jaursch ist ein klar kalkulierender, künstlich intelligenter Hagen mit schwarzer Farbe und genügend Bosheit. Judith Braun singt eine zurückhaltend fordernde Waltraute, Benedict Nelson einen gebrochen aufbegehrenden Gunther und Werner Van Mechelen einen zunehmend machtlosen und deshalb frustrierten Alberich. Die Rheintöchter schwimmen anfänglich intonatorisch ein wenig.

Ganz am Ende würde man gerne nochmal auf den Anfang gehen, zurück zum „Ring“ also. Aber das geht ja nicht mehr!