Die Inszenierung unterfüttert das anspruchsvolle Konzept mit Symbol-Ornamentik und Verschärfung von Details. Wenn das Liebespaar den brüchigen Schutz der eigenen Traumwelt erstmals gemeinsam verlässt, zerreißt es buchstäblich die Mauer (Dampf und feuriges Höllen-Licht dringen durch die Spalten) und das profane Gewimmel auf dem Platz empfängt sie wie eine Zombie-Party. Dort führt Erotik-Facharbeiterin Musetta, wenn sie nicht im Cabaret gegenüber an der Stange tanzt oder nach alter Maxim-Sitte die Herren gruppenweise dahinsinken lässt, ihren reichen Galan mit Hundeleine aus. Auch für Vitamine ist gesorgt, uniformierte Soldaten verteilen Bananen an die hungrige Bevölkerung. Das Künstler-Kollektiv kehrt gestärkt ins Studio zurück, die Herren klettern im spartenübergreifenden Malerkittel über die nächste Reizschwelle zum Happening mit Miet-Modell. Es wird fast eine Vergewaltigung, soll aber (Programmheft!) auch Sinnbild für die innere „krankheitsbedingte Zerstörung“ der todgeweihten Mimi sein.
Letztlich inszenieren Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, wie sie die Figuren so durch ihre Bühnenästhetik aus surrealen und naturalistischen Verbrüderungen geleiten, ganz pragmatisch. Wenn Mimi den Rodolfo aus den Begrenzungen der Kulissen-Kunstwelt nach vorne an die freie Rampe lockt, kommt ihm das bei der nächsten Arie sehr zugute. Der junge Ilker Arcayürek, vorweg als Entdeckung gehypt, bringt eine sehr leichtgewichtige Stimme ein, die im Ensemble untergeht, um an den entscheidenden Stellen spektakulär aufzutauchen. Dramatik erreicht er dann in höchster Konzentration, wobei man dem erstaunlichen Prozess zuschauen kann, wie er sich bei der Rolle im entscheidenden Moment ausklinkt und nur noch Konzert-Tenor ist. Der Marcello von Levent Bakirci, ein kerniger Bariton mit Vitalitäts-Schüben, ist das persönliche Kontrastprogramm. Das Vielseitigkeits-Phänomen Michaela Maria Mayer (sie sang in Nürnberg in den letzten Jahren „Meistersinger“-Evchen, „Rößl“-Wirtin und „Figaro“-Susanna in dieser Reihenfolge) bleibt der schlagfertigen Musetta keine Töne, aber schillernde Frivolität schuldig, ist tatsächlich der Eisschrank, als der sie von ihrem für alle Krisen bereitstehenden Freund beschimpft wird. Das große Opernhaus-Ensemble samt Chor und Kinderchor liefert solide Arbeit.
Dirigent Gábor Káli nimmt die Impulse des Regie-Duetts interessiert zur Kenntnis. Er lässt sich auf die Elegie als Grundprinzip ein, entwickelt freilich mit dem Orchester der Staatsphilharmonie im ersten Teil eine eigene, in sich geschlossene Soundtrack-Spur, die alle Sänger in den Hintergrund drängt. Für den flinken Witz, der anfangs wie beiläufig durch Puccinis Partitur blinkert (mehr als Kopftücher für Herren und ein neu erfundenes zänkisches Eheweib des Hausvermieters ist der Inszenierung dazu auch nicht eingefallen), hat er weniger Sinn als für die schimmernde Hochglanz-Melancholie. Sie ist in vielen Schattierungen ausgeleuchtet, fasziniert zunehmend in ihrer konsequenten Umsetzung, die sich sachte von den Regie-Behauptungen emanzipiert. Am Ende, dem gekonnt effektvoll arrangierten Sterben, wird nochmal die leere Kammer der Heldin gezeigt als wäre es ein Tabernakel – und die Musik knallt wütend ihren finalen Schmerz dazu. Der neue Blick ist da längst in der Tränenseligkeit des alten verschwunden.
Viel Beifall, kaum Widerspruch. Die Oper „La Bohème“ bleibt unbeeindruckt so wie sie ist.
