In diese bleiern lastende Leere, durch die die Beziehungen der Familienmitglieder umso stärker in den Fokus gerückt werden, platzt der Sohn Ori herein, mit nuancenreich differenzierendem Bariton und dezent angedeutetem Spiel dargestellt von Stéphane Degout. Er hat soeben aus ungenannten, vielleicht gesundheitlichen Gründen seine militärische Karriere aufgegeben und will jetzt „etwas Sinnvolles“ aus seinem Leben machen. Gerade ihn, den introvertierten Außenseiter, wünscht der Vater als Nachfolger. Ori akzeptiert erst nach einigem Zögern, das vielleicht mit einer in einer Rückblende gezeigten mysteriösen Frau zu tun hat, die er umschlingt und erwürgt. Doch er trägt jetzt eine schwarze Brille auf den Augen und leidet an sichtlichen Orientierungsproblemen. Unklar, fast surrealistisch bleibt die Rolle der fremden Frau, die sich immer wieder in ihrer fremden Sprache an die Familienmitglieder wendet, oft in anklagendem Tonfall, sich aber nie Gehör verschaffen kann – ein Appell von draußen, aus einer anderen Welt, voller Freiheitsdrang und Lebenslust, den Schauspielerin Ruth Olaizola mit hinreißender Intensität gestaltet.
Text und Szenerie von „Au monde“ beschränken sich auf Andeutungen; das Drama lebt aus der Musik, in der sich Emotionen und Entwicklungsprozesse entfalten. In der Prosodie wie in der oszillierenden Farbigkeit des Orchestersatzes weist die Partitur unverkennbare Einflüsse von Claude Debussy auf und doch ist die Tonsprache von Philippe Boesmans nie eklektizistisch oder gar eine Kopie; vielmehr schafft sie im Stil der postmodernen Avantgarde ohne Berührungsängste mit Stilzitaten oder Tonalität eine eigenständige, authentische Klangsprache, reich an lyrischen Momenten, aber auch voller Ausdruckskraft, Schönheit, Klangfülle und pulsierender Spannung, die das Orchester der Oper La Monnaie in höchster Präzision schlank und transparent ausformt zu einem faszinierenden Opernerlebnis.
