Porträt von Enrico Stolzenburg, Professor an der Universität der Künste in Berlin.

„Es gibt kein Richtig und kein Falsch“

Enrico Stolzenburg ist Professor für Szene im Studiengang Schauspiel der Universität der Künste in Berlin. Sein Kollegium und er haben die Ausbildung in den letzten Jahren konsequent den veränderten Realitäten angepasst. Ein Gespräch über Diversität, Inklusion und Kinder, die nicht mehr auf Bäume klettern.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Herr Stolzenburg, was mögen Sie mehr: Inszenieren oder Unterrichten?

Enrico Stolzenburg Wir sind ein Labor und experimentieren jeden Tag, deswegen liebe ich das Unterrichten. Als kleiner Studiengang mit zehn Studierenden und einem kleinen Kollegium können wir nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum reagieren: Wenn wir im Sommersemester etwas ausprobieren wollen, machen wir das und ziehen danach Bilanz. Aber meine Kolleg:innen und ich inszenieren auch in der Praxis des Stadttheaters und wissen, welche Anforderungen an Absolvierende gestellt werden. Wir wissen, was von Regie oder den verschiedenen Dramaturgien erwartet wird. Das ist ein lustvoller Vorgang, weil ich in der Lage bin, die Schauspieler:innen auszubilden, die ich selbst gern am Theater hätte.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Wie erleben Sie Ihre Studierenden in diesen Zeiten, haben die noch Lust auf Theaterengagements, oder überwiegt die Sorge vor unsicheren Arbeitsbedingungen in Zeiten von Sparmaßnahmen und schrumpfenden Ensembles?

Enrico Stolzenburg Meine Erfahrung ist, dass viele gar nicht mehr theatersozialisiert zu uns kommen. Wir legen ja auch bei der Aufnahme keinen Wert auf ein Abitur oder eine Ausbildung im Vorfeld, sondern wollen Leute, die ein großes künstlerisches Potenzial haben. Und die kommen zum Teil eben nicht aus der akademischen Mittelschicht, die hatten in ihrer Schulzeit kein Theaterabo oder haben von ihren Eltern Bücher empfohlen bekommen. Wir suchen eigentlich Leute von der Straße, die etwas zu erzählen haben, und da ist natürlich oft auch Film, Fernsehen oder Netflix stark im Bewusstsein. Das heißt, die Anfänger:innen kennen das Theater oft gar nicht so genau, bewerben sich und merken dann hier: „Mensch, ich hatte gar keine große Ahnung von Theater, aber es macht solchen Spaß!“

Jahrgang 2022 der Ausbildung für zeitgenössisches Theater an der Universität der Künste. Zehn Männer und Frauen auf und neben einem Sofa versammelt in unterschiedlichen Posen.

Die jüngsten Absolvent:innenjahrgänge der Ausbildung für zeitgenössisches Theater an der Berliner Universität der Künste: Jahrgang 2022. Foto: Daniel Nartschick

DIE DEUTSCHE BÜHNE Sie bilden also genauso für Film und Fernsehen aus?

Enrico Stolzenburg Schwerpunkt Theater, aber wir zwingen sie nicht zu einem Lippenbekenntnis, sondern schauen nach der künstlerischen Begabung. Und dann merken viele, wie toll es sein kann, vor Publikum zu spielen und nicht durch ein Medium gefiltert zu sein. Viele bekommen bei uns Lust, Theater zu spielen, und lernen hier das handwerkliche Verständnis davon.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Das heißt, der Wunsch nach einem Theaterengagement ist nicht dominierend?

Enrico Stolzenburg Die Finanzierung des Lebens ist heute auch bei vielen bekannten Schauspieler:innen oft eine Mischkalkulation mit anderen Medien: Film, Fernsehen, Synchronsprechen, Hörbücher. Deshalb möchten wir bei uns diese überholte Trennung von Theaterhochschule und Filmhochschule aufheben, indem wir guten Unterricht vor der Kamera anbieten, intensiv schon im zweiten und dritten Studienjahr. In der Theaterpraxis ist ja die Livekamera auf der Bühne ein fast historisch zu nennendes Medium. Wir kooperieren mit einer privaten Filmschule, unsere Studierenden sind also auch für diesen Bereich gewappnet. Und entscheiden später, wohin es geht: Theater oder Film oder beides. Sie sind eigentlich nicht von der Angst geprägt, keine Festanstellung zu bekommen, aber sie sind natürlich herausgefordert von der immensen Konkurrenz da draußen.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Die Theater bieten immer differenziertere Spielpläne an, müssen mit der Digitalisierung Schritt halten, partizipativ arbeiten, die Formatvielfalt ist riesig. Kann eine Ausbildung diesen Anforderungen noch gerecht werden?

Enrico Stolzenburg Genau das ist die Herausforderung. Deshalb ist für unsere Studierenden die Praxis der Lehrenden so hilfreich. Im Berufsfeld existieren viele Spielweisen und Anforderungen parallel, auf die wir als Universität reagieren. Wir haben gerade vom aktuellen Jahrgang nach den Vorsprechen bereits sieben von elf im künftigen Festengagement – am Burgtheater Wien, am Düsseldorfer Schauspielhaus, in Köln, in Heidelberg. Also, ich würde mit Feuer und Flamme antworten: Ja, es ist möglich! Sofern eine Ausbildung nicht eine bestimmte Technik oder Spielweise in den Mittelpunkt stellt. Wenn wir also nicht verkünden, was gutes oder richtiges Theater ist, sondern im Gegenteil forschen und fragen.

Bei vielen Schauspieltheorien wird ausgeblendet, dass ihre Methodik direkt auf eine bestimmte Ästhetik zielt. Also lande ich bei der Anwendung einer bestimmten Technik und reflektiere gar nicht, dass das auch inhaltlich automatisch zu einem bestimmten Ergebnis führen wird. Wir bieten möglichst unterschiedliche Techniken an, arbeiten mit Begriffen wie Rhythmus, Raum, Tempo, Beziehung, Körper. Und wenn ich das verstanden habe, ist es gar nicht mehr entscheidend, ob ich mich in einem Dokumentartheater befinde oder in einer filmisch-realistischen Inszenierung. Dann weiß ich, wenn ich zehn Minuten lang das Gleiche mache, wird es langweilig. Das heißt, wir betrachten die Dinge unter kompositorischen Aspekten, die man auch in der bildenden Kunst anwenden würde oder in der Musik.

Jahrgang 2023 der Ausbildung für zeitgenössisches Theater an der Berliner Universität der Künste. Zehn Frauen und Männer stehen zwischen zwei Häuserwänden nebeneinander.

Jahrgang 2023 der Ausbildung für zeitgenössisches Theater an der Berliner Universität der Künste. Foto: Daniel Nartschick

DIE DEUTSCHE BÜHNE Gibt es darüber hinaus Module oder Tools, die Sie neu etabliert haben?

Enrico Stolzenburg Nach Corona arbeiten wir stark jahrgangsübergreifend. Die Studierenden lernen voneinander – es gibt sozusagen keine Entwicklung vom Niederen zum Höheren. Und wir haben den Pulsschlag erhöht, indem sie auf Dozent:innen treffen. Früher hatten die Studierenden pro Semester eine Lehrkraft. Jetzt sind es drei pro Semester. Das bedeutet, dass sie sich alle vier bis fünf Wochen auf eine neue Regiesprache einstellen müssen. Das ist ein wesentlicher Teil des Berufes: Kommunikation und die sich ergebenden Anforderungen immer wieder neu zu begreifen.

Und natürlich legen wir besonderen Wert auf die Ausbildung des Körpers, sei es moderner Tanz, Akrobatik, Fechten, Pilates, Feldenkrais, Tai-Chi. Nicht im Sinne von „Ach, ich fühle mich so gut in meinem Körper“, sondern um ihn zu spüren, um überhaupt zu wissen, ich stehe in einem Raum, und genau 70 Zentimeter hinter mir steht ein Mensch, und einen Meter entfernt ist eine Wand, an der ich mich verletzen kann, wenn ich dagegenrenne… Diese körperlichen Fähigkeiten nehmen in Zeiten großer Digitalisierung ab, ganz altmodisch formuliert: Immer weniger Kinder klettern auf einen Baum, und das merken wir in der Ausbildung. Bei uns sollen die Leute schwitzen und übereinander herfallen und lernen, dass ihr Körper etwas aushält und dass auch die andere Person nicht sofort kaputt geht, wenn man sie mal packt. So entsteht Vertrauen, auch für Intimität auf der Basis von Einverständnis und Respekt.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Für all diese Praxiserfahrung sind auch Studiomodelle wichtig, also der Theateralltag. In der Ständigen Konferenz Schauspielausbildung haben nur 10 von 19 Schulen solche Modelle. Kommt die Praxis zu kurz?

Enrico Stolzenburg Ich kann da nur für uns sprechen, da läuft der Praxistransfer über Kooperation mit den hiesigen Theatern, wo unsere Studierenden immer wieder spielen, dem Berliner Ensemble, dem Deutschen Theater, der Schaubühne, dem Maxim Gorki. Und wir haben einmal pro Jahr ein Ensembleprojekt im UNI.T mit namhaften Regisseur:innen.

Jahrgang 2024 der Ausbildung für zeitgenössisches Theater an der Berliner Universität der Künste. Zehn Frauen und Männer in einem Hinterhof vor einer Gebäudewand und aufgestapelten Bierkästen, sechs Personen stehend, drei hockend.

Jahrgang 2024 der Ausbildung für zeitgenössisches Theater an der Berliner Universität der Künste. Foto: Daniel Nartschick

DIE DEUTSCHE BÜHNE Im letzten Jahr war Max Edgar Freitag, ein Schauspieler mit Beeinträchtigung vom Theater Thikwa, als Gasthörer in Ihrer Schauspielklasse, weil er sich offiziell nicht immatrikulieren durfte. Wie ist inzwischen die Lage beim Thema Barrierefreiheit in Schauspielstudiengängen?

Enrico Stolzenburg Auf struktureller Ebene ändert sich zum Glück einiges Das Problem liegt auf dem Tisch, und wir bohren sozusagen den Tunnel gleichzeitig von oben und unten. Max Freitag war beim Semesterstart herzlich eingeladen, wieder einzusteigen bei mir, aber momentan hat er zu viel anderes zu tun: inszeniert, spielt, schreibt und macht Dramaturgie am Thikwa. Und das ist ja auch großartig so. Wir versuchen, die Zulassungsprüfungen niedrigschwelliger zu kommunizieren.

Ich habe eine AG gegründet, „Please Call Us, We Call You!“, die explizit Menschen auffordert, sich bei uns zu bewerben, die sich bisher nicht trauten aus Gründen von Race, Gender, Class oder Ability. Denen will ich Mut machen: „Hey, du bist hier richtig, wir suchen dich!“ Das geht einher mit zielgruppenorientierter Werbung auf Instagram oder mit einfacher Sprache bei den FAQs. Trotzdem müssen wir da noch einen weiten Weg gehen. Natürlich braucht man für besondere Bedarfe eine andere Struktur von Assistenzen zur Betreuung. Aber wir sind flexibel, würden Fördermitteltöpfe anzapfen und das für den jeweiligen Fall durchboxen.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Drohen Ihrer Uni Kürzungen, gerade im Bereich der Inklusion?

Enrico Stolzenburg Ich habe diese Angst, sehe aber keine realen Gründe dafür. Wir müssen zusehen, wie wir aktuelle Sparzwänge umsetzen, aber es wird überall gespart, nicht in einem bestimmten Bereich. Außerdem: Wenn man einmal in diese Richtung losgegangen ist, gibt es kein Zurück. Es gibt nur eine inklusive Zukunft!

DIE DEUTSCHE BÜHNE Wenn man sich die letzten Jahrgänge der UdK im Schauspiel ansieht, ist der Eindruck, Ihre Studierenden sind viel diverser geworden – ein bewusst gesteuerter Prozess?

Enrico Stolzenburg Ja, wir haben damit vor zehn Jahren aus vollem Herzen angefangen, weil wir auf der Bühne von der Welt erzählen wollen, in der wir leben – hier in Berlin sieht die nicht mehr so aus wie vor 20, 30 Jahren. Und es ist ein politisches Statement, wer auf der Bühne die deutsche Bevölkerung repräsentiert. Bei uns bewerben sich so viele, die entweder selbst woanders geboren sind oder deren Eltern, und diese Studierenden bringen natürlich eine andere Erfahrungswelt mit. Die Ausbildung dauert vier Jahre, und jetzt kommen die Theater zu uns und sagen: „Mensch, toll, ihr habt so gute Leute, und wir brauchen eine Diversifizierung unseres Ensembles!“ Das freut uns für unsere Absolventen, die teilweise viele Jahre diskriminierende Erfahrungen hinter sich haben und die jetzt im Studium und im Berufseinstieg plötzlich eine Stimme bekommen. Das ist toll!

Jahrgang 2025 der Ausbildung für zeitgenössisches Theater an der Berliner Universität der Künste. Zehn Frauen und Männer stehen vor einer pink-roten Betonwand und strahlen in die Kamera.

Jahrgang 2025 der Ausbildung für zeitgenössisches Theater an der Berliner Universität der Künste. Foto: Daniel Nartschick

DIE DEUTSCHE BÜHNE Wenn die Ensembles mehr interkulturelle Kompetenzen mitbringen, wird dann Mehrsprachigkeit auf der Bühne auch wichtiger?

Enrico Stolzenburg Das hängt noch stark von den Theatern ab. In den Metropolen gibt es Ästhetiken, wo das mittlerweile keine Rolle mehr spielt. Wir haben bei uns im Moment Menschen, deren Muttersprache Südkoreanisch, Russisch, Portugiesisch, Hebräisch, Yoruba oder Farsi ist. Natürlich ist uns die Sprecherziehung wichtig, doch wir nehmen auch Leute, bei denen wissen wir: Die werden nie akzentfrei Deutsch sprechen, aber sind große Künstlerpersönlichkeiten. Wir hatten zum Beispiel einen Studenten aus Japan, der konnte ganz wenig Deutsch, und nach dem Studium hatte er sein erstes Engagement in Köln, jetzt ist er in Freiburg und spielte dort in mehrstündigen Castorf-Inszenierungen mit wahnsinnig viel deutschem Text. Das ist vielleicht kein Bühnenhochdeutsch, wie man das noch vor ein paar Jahren verlangt hätte. Aber wir wollen Unterschiede ja nicht verstecken. Und die Sehgewohnheiten des Publikums gehen inzwischen absolut mit.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Was würden Sie jungen Menschen mitgeben, die Schauspiel studieren wollen?

Enrico Stolzenburg Wichtig ist mir, dass unser Unterricht kein festes System ist, sondern ein Angebot. Ihr lernt hier Methoden und Techniken, aber Hauptsache, ihr seid inspiriert, offen, befindet euch in diesem künstlerischen Pingpong mit der Regie und tragt keine Ideologie vor euch her. Es gibt kein Richtig und kein Falsch! Es könnte ja sein, dass nicht ihr euch verändern müsst, damit ihr in das Theater hineinpasst, sondern dass das Theater sich verändern muss, damit ihr darin Platz findet. Vielleicht brauchen wir ein anderes Theater, damit auch ein anderes Publikum kommt. Dabei geht es immer um hierarchiefreies, respektvolles Arbeiten, und im Zweifel macht den Mund auf: „Ich kann das, ich bin selbstbewusst, und ich will anders arbeiten.“


Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 1/2026.

Ulrike Kolter Porträt

Ulrike Kolter lernte Enrico Stolzenburg als Professor des Schauspielers Max Freitag kennen, den sie für DIE DEUTSCHE BÜHNE im Schwerpunkt „Inklusion” porträtierte.