Zuschauer:innen sitzen mit weißen MR-Brillen auf ihren Köpfen in zwei Reihen im Zuschauerraum.

Jules Vernes goes Mixed Reality

Seit Jahren experimentiert das Staatstheater Augsburg intensiv mit digitalen Formaten für Theateraufführungen. Jetzt wird „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ aufgeführt – als eine Produktion mit MR-Brillen. Hier beschreiben die Theatermacher, wie sie das Projekt umgesetzt haben.

„Die Technologie soll den realen Bühnenzauber nicht ersetzen“

Lukas Joshua Baueregger (Regisseur):  Wir begeben uns auf eine Reise ins Ungewisse: Als Teamleitung der Digitalsparte schleichen Benjamin Seuffert und ich schon einige Zeit um Jules Verne herum und haben mit „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ den Stoff gefunden, den wir umsetzen wollen. Das liegt nicht nur an der Geschichte, sondern auch an den visuellen Möglichkeiten, die sich bei dieser fantastischen Reise bieten.

Zusammen mit der Dramaturgin Sophie Walz habe ich den Roman stark gekürzt und eine Fassung daraus gemacht. Das Besondere daran ist zum einen, dass der isländische Führer Hans vom Bariton Wiard Witholt dargestellt wird, der mit Liedern das Geschehen atmosphärisch bereichert und eine Art Kommentarfunktion übernimmt, während Professor Lidenbrock und sein Neffe Axel von den beiden Schauspielern Gerald Fiedler und Florian Mania verkörpert werden. Zum anderen gibt es noch die Mixed-Reality-Brillen – also Virtual-Reality-Brillen, die außen Kameras haben, sodass man den realen Raum sieht, den wir mit virtuellen Elementen erweitern und verändern.

Diese Brillen sind nicht nur ein technisches Gadget, sondern ein dramaturgisches Mittel, das es dem Publikum ermöglicht, noch mehr in die Geschichte einzutauchen. So wird in einer Szene, in der Axel sich im Stollen verläuft, die Mixed Reality komplett gegen eine Virtual Reality ersetzt. Dadurch erfährt das Publikum individuell, wie es ist, einzeln verloren zu sein; eine Erfahrung, die in einem klassischen Theatersaal nicht möglich ist. Dennoch ist die Technologie nur ein Hilfsmittel, um unsere Erzählmöglichkeiten zu erweitern, und soll den realen Bühnenzauber nicht ersetzen.

Gemeinsam mit Benjamin und Rosa Wallbrecher (Ausstattung und Kostüme) habe ich im Voraus einen detaillierten Plan gemacht, denn ähnlich wie bei einem analogen Bühnenbild muss auch das digitale „gebaut“ werden. Schon zur Leseprobe freue ich mich sehr über die Entscheidung, das Projekt mit insgesamt drei Sparten gemeinsam umzusetzen. Die gesprochenen Szenen, in Verbindung mit dem Gesang und der (überwiegend noch imaginierten) Mixed Reality fügen sich gut zusammen und ergeben ein rundes Ganzes. Die Proben sind geprägt von produktivem Rumblödeln, denn wenn man schon wenig gemeinsame Probenzeit hat (in Summe 21 Tage…), sollte man wenigstens Spaß haben! Alle drei Darsteller und der Pianist schmeißen sich mit Lust und Energie in die Proben, und es ist eine Freude, ihnen dabei zuzusehen und -zuhören.

Insgesamt kommen wir gut vorwärts und verschaffen uns einen Überblick über die Szenen und Figuren. Das ist wichtig, um in regelmäßigen Updates Benjamin erzählen zu können, welche Änderungen oder neuen Ideen es für die virtuelle Erweiterung gibt. Im Gegensatz zu den Darstellern kann ich auch schon erste Blicke in die VR- und MR-Welten werfen und mir so besser vorstellen, wie es dann sein wird. Denn leider verzögert sich aufgrund widriger Umstände der Bühnenaufbau und damit die Einrichtung der Mixed Reality, sodass wir uns lange vieles vorstellen müssen. Aber das werden die Darsteller ja ohnehin auch während der Vorstellungen tun.

Probenfoto von „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ am Staatstheater Augsburg. Ein Mann sitzt am Klavier. Ein Mann sitzt auf einem Schreibtischstuhl, ein anderer steht mit einem Arztkittel hinter ihm. An der Seite des Klaviers steht ein Mann mit Laterne in der Hand.

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ am Staatstheater Augsburg. Das Ensemble ohne digitalen Hintergrund (v. l.): Gerald Fiedler, Florian Mania, Wiard Witholt und Volker Hiemeyer am Klavier. Foto: Helena Gladen

„Vor allem die Mixed Reality ist für Theater ein großartiges Werkzeug“

Benjamin Seuffert (3D-Artist): In den meisten Theatern findet man nur auf sehr wenigen Besetzungszetteln die Position des 3D-Artists. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass es bei den meisten Produktionen sinnlos wäre, einen 3D-Artist zu haben. Denn 3D-Art kommt selten allein: Sie benötigt viele weitere komplexe Mittel, um so eingesetzt zu werden, dass ein tatsächlicher Mehrwert für das Bühnengeschehen entstehen kann.

Netzwerktechnik will eingerichtet werden, Software-APIs wollen in Game Engines integriert werden, 80 Mixed-Reality-Headsets hätten gerne ein Softwareupdate. All diese Arbeit ist für das Publikum und auch für die meisten Produktionsbeteiligten ungreifbar und unsichtbar. Wochenlange Arbeit führt dazu, dass man einen einzelnen grauen Würfel in einer schwarzen Umgebung sehen kann und ein paar Zahlen auf einem anderen Bildschirm erscheinen. Was bei mir als Entwickler für Euphorie sorgt, löst aber bei allen anderen nur Verwirrung aus, was genau an diesem Würfel jetzt so feierwürdig sein soll. Vielleicht kommt die Euphorie dadurch, dass es jetzt Zeit für einen ganz anderen Job wird.

Wie in vielen anderen kleinen Teams passieren vielfältige Aufgaben in Personalunion, und auf technisch fordernde Fehlersuchen folgen kreative künstlerische Gestaltungsaufgaben. Endlich kann begonnen werden, die Technik als Hilfsmittel zu verwenden, um damit Geschichten zu erzählen. Vor allem die Mixed Reality ist für Theater ein großartiges Werkzeug, da man im Gegensatz zur Virtual Reality das reale Bühnengeschehen weiterhin sehen kann. Gleichzeitig kann die Blickrichtung komplett bestimmt werden, die Echtzeit kann durch Voraufgezeichnetes ersetzt werden, und Videoeffekte können Darsteller und Bühne verändern. Der Wow-Effekt bleibt trotz langjährigem Einsatz der Technologie erhalten, sodass man dem Publikum nach jedem virtuellen Szenenwechsel kurz Zeit zum Schauen und Staunen geben muss.

Die Aufmerksamkeit des Publikums ist ein schmaler Grat, auf dem immer wieder neu abgewogen werden muss, wie spannend die virtuellen Inhalte gestaltet sein dürfen, damit sie nicht zu sehr von der Handlung und den Schauspielenden ablenken, aber auch nicht nur zum Hintergrundbild werden.

Der Einsatz dieser neuen Technologie stellt auch andere Bereiche des Theaters vor eher ungewöhnliche Herausforderungen. So muss zum Beispiel die Zuschauertribüne extra steil gebaut werden, damit niemand den Hinterkopf der vorderen Person im Blickfeld hat, da dieser zu einer unschönen Überlappung mit der virtuellen Welt führen würde. Auch die zeitlichen Abläufe müssen neu gedacht werden, da jede spontane Änderungsidee während der Proben auch zu einer Änderung in den digitalen Szenen führt, die teilweise mehrere Tage Überarbeitungszeit benötigen würde. Es gibt also viel zu bedenken, viel zu planen, viel zu gestalten und viel auszuprobieren. Ein Glück, dass ich als 3D-Artist nicht allein bin, sondern ein tolles Team und die Unterstützung und Geduld aller Gewerke habe, um solche experimentellen Projekte realisieren zu können.

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ am Staatstheater Augsburg. Ein Probenfoto mit Wiard Witholt, der einen Rahmen einer Exponatenvitrine festhält.

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ am Staatstheater Augsburg. Ein Probenfoto mit Wiard Witholt. Foto: Helena Gladen

„Es ist wie mit Tieren auf der Bühne: Man ist als Schauspieler:in erst mal abgemeldet“

Florian Mania (Schauspieler): Der Einsatz von Virtual, Mixed und/oder Augmented Reality im Theater ist für mich ein ähnlich revolutionärer Meilenstein, wie es vor einigen Jahrzehnten der Einsatz von Video war: Auf einmal ergeben sich Gestaltungsmöglichkeiten, die so bis vor Kurzem nicht denkbar waren. Die Reise durch den Vulkan, das Auftauchen eines Mammuts, all das kann von uns vor den Augen des Publikums verhältnismäßig niedrigschwellig zum Leben erweckt werden. Und ich kann eine „digitale“ Lunte anzünden, um damit einen Felsblock zu sprengen, ohne jegliche Brandschutzbedenken. Wir können unendliche vielseitige Welten erschaffen und für das Publikum sicht- und erfahrbar machen.

Genau darin liegt aber für uns Spielende die große Herausforderung: Diese Welten sind für das Publikum sichtbar – und nur für das Publikum. Als Schauspieler bin ich es natürlich gewöhnt, Dinge in einem Bühnenraum zu behaupten, die dort nicht wirklich vorhanden sind, weder für mich noch für das Publikum.

Allein meine Behauptung erweckt sie in meiner Fantasie und der des Publikums zum Leben, und ich kann sie an einer Stelle im Raum behaupten, die ich selbst festlegen kann. Wenn ich auf die hintere linke Bühnenecke zeige und sage, da steht ein Baum, dann steht da ein Baum. Für mich und für das Publikum. In einer Mixed-Reality-Inszenierung werden diese Dinge aber für das Publikum sichtbar, während sie für mich unsichtbar bleiben.

Wenn ich also die Nuancen der Lava bestaune, die baumgroßen Champignons oder ein lebendiges Mammut, dann kann ich das nicht irgendwo nach meinem Belieben im leeren Raum der Realität behaupten. Denn in der virtuellen Realität sind die Lava, die Champignons und das Mammut alle an ihrem festen Platz, das Publikum sieht all das, während ich nur eine vage Vorstellung davon habe.

Die VR-Headsets bieten auch die Möglichkeit, Tonabspielungen direkt auf das Headset und damit direkt ins Ohr der Zuschauenden abzuspielen. An einer Stelle der Inszenierung führe ich einen Dialog mit meinem Spielpartner Gerald Fiedler, bei dem ich auf der Bühne bin und normal spreche, seine Repliken aber nur über die Headsets kommen. Das erzeugt eine intime Situation für das Publikum, ist auf der Bühne – ohne Headsets – aber nur schwer zu hören.

Auch aus einem anderen Grund stellen die schon beschriebenen vielfältigen Möglichkeiten für uns Spielende auf der Bühne eine Herausforderung dar: Denn wenn wir dem Publikum über die Headsets großartige visuelle Welten zu bestaunen geben, müssen wir aufpassen, nicht parallel die Handlung zu sehr voranzutreiben. Die Zuschauenden würden es nicht mitbekommen, weil das, was vor ihren Augen gerade passiert, einfach spannender ist. Es ist ein bisschen wie mit Tieren auf der Bühne; man ist als Schauspieler:in erst mal abgemeldet. Ich sehe alle diese Umstände („Schwierigkeiten“ will ich sie nicht nennen) aber nicht als Hindernis, sondern als Herausforderungen und Chancen und bin neugierig, all die Gestaltungsmöglichkeiten zu erkunden, die Virtual Reality dem Theater bietet.


Glossar

Augmented Reality (AR): Hierbei handelt es sich um eine Erweiterung der Realität durch technische Geräte wie beispielsweise Smartphones oder Tablets, die häufig auf begrenzten Flächen stattfindet. Auch wenn sich AR im Prinzip auf alle Sinneswahrnehmungen beziehen kann, verbindet man den Begriff, wie auch Virtual Reality, vor allem mit dem Sehen.

Virtual Reality (VR): Als VR wird die Darstellung und gleichzeitige Wahrnehmung einer scheinbaren Wirklichkeit und ihrer physikalischen Eigenschaften in einer in Echtzeit computergenerierten, interaktiven virtuellen Umgebung bezeichnet.

Mixed Reality (MR): Unter Mixed Reality, Vermischte Realität oder Gemischte Realität werden Umgebungen oder Systeme zusammengefasst, die die natürliche Wahrnehmung eines Nutzers mit einer künstlichen (computererzeugten) Wahrnehmung vermischen.

Game Engines: Die Software, die für das Verwalten der Spieldaten, die Darstellung der Grafik und die Auswertung von Spielereingaben zuständig ist, wird als Game Engine bezeichnet.

3D-Artist: Die Aufgaben von 3D-Artists reichen von der Erstellung von 3D-Modellen über Texturierung bis hin zur Animation. Sie arbeiten mit Software wie Blender, Maya oder 3ds Max, um realistische oder stilisierte Objekte und Charaktere zu erstellen.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 2/2026.

Porträt von Benjamin Seuffert Porträt von Florian Mania Porträt von Lukas Joshua Baueregger

Benjamin Seuffert ist seit der Spielzeit 2020/21 Teil der Digitalsparte am Staatstheater Augsburg. Seit 2023 bildet er mit Lukas Joshua Baueregger die Teamleitung des Digitaltheaters.

Florian Mania wurde 1984 in Darmstadt geboren. Seit 2016 lebt und arbeitet er als freier Schauspieler in Frankfurt am Main. Er ist Teil des Künstler:innenkollektivs Eleganz aus Reflex.

Lukas Joshua Baueregger wuchs im bayerischen Oberland auf. Zusammen mit Benjamin Seuffert bildet er seit 2023/24 die Teamleitung für das Digitaltheater.