Foto: Flo Sohn, Andrè Kuntze und Jenny Groß in Aktion © Susanne Reichardt
Text:Detlev Baur, am 25. April 2026
Der Heidelberger Stückemarkt wurde mit der Uraufführung von „Asiawochen“ von Yannic Han Biao Federer eröffnet. Die Inszenierung von Wang Chong am Theater Heidelberg benötigt einen langen Anlauf, bis sie zum Kern des Dramas vordringt.
Im Mittelpunkt des im letzten Jahr beim Stückemarkt dreifach ausgezeichneten Stücks „Asiawochen“ steht Vanessa, in Deutschland aufgewachsene Tochter indonesischer Eltern. Heimlich hat der Vater das indonesische Restaurant verkauft und arbeitet jetzt bei McDonald’s. Doch wofür brauchte er das Geld? Und kann die Kundin mit Hang zu süß-saurer Soße bitte nicht eben mal den Part der Mutter spielen? Die Geschichtsreferendarin Vanessa beschäftigt sich mit ihrer bislang verschwiegenen Familiengeschichte und mit Kolonialismus und seiner Verdrängung in Deutschland – „obsessiv“, wie ihr Freund Johannes meint.
Familie und internationale Verwicklungen
In der Inszenierung, die den letzten Stückemarkt unter der Intendanz Holger Schultzes eröffnet, setzt der aus China stammende Regisseur Wang Chong im Zwinger auf Tempo und vor allem auf Bewegung. Der getriebene Vater (Hyun Wanner) kultiviert im Gespräch mit seiner Tochter Vanessa (Jenny Groß) das Aneinandervorbeireden und das Verdrängen der unerquicklichen Familiengeschichte durch andauernden Gang oder Lauf um den roten Bühnenboden herum (Bühne und Kostüme: Ji Hyung Nam). Der Dauerlauf ums Vakuum im Zentrum erfasst sowohl die Mutter (Henriette Blumenau) als auch Vanessas Freund Johannes (Flo Sohn); der Sportlehrer (André Kuntze) schleppt gar ein kleines Laufband ins Bühnenzentrum. Und einer der furchteinflößenden McDonald’s-Clowns (Statisterie) aus den Werbeblöcken für die Asiawochen beim globalen Fast-Food-Konzern jagt auf Rollschuhen hinter dem Vater her.
Der Autor (Francesco Vanella) spricht zu Johannes (Flo Sohn). Foto: Susanne Reichardt
Die Uraufführung bleibt über zwei Drittel der gut anderthalbstündigen Vorstsellung reichlich aktionistisch. Dabei baut das Stück des in Köln lebenden Autors Yannic Han Biao Federer auf leise Zwischentöne. Eher schwelend als brennend wirkt das Grundthema von „Asiawochen“ auf den ersten Blick. Die Kolonialisierung Indonesiens, in die auch der Herzog von Sachsen-Weimar investierte, ist schwerlich Schulstoff. Federer verbindet souverän und im besten Sinne aufklärerisch Informationen über das Thema mit einer Familiengeschichte, die vom Schweigen der Opfer dominiert wird. Doch genau diese Verletzungen und die Vermeidungsstrategien der Aufarbeitung umgeht auch die Regie lange.
Zum Zentrum vorgelaufen
Mit dem Auftreten des „Autors“ auf einem Roller ändert sich die Temperatur der Aufführung. Ein Junge, Francesco Vanella, bringt trotz seiner Dauerbewegung und mit Hilfe seiner lapidaren Antworten auf Johannes, der nicht nur an seiner unruhigen Freundin, sondern an der Darstellung des Stücks insgesamt verzweifelt, Klarheit ins Spiel: „Ist schon auch deine Geschichte. Ist unsere Geschichte. Musst du nicht zur Opfergeschichte marginalisieren (…) Das ist unsere geteilte Geschichte. Kannst du ruhig so erzählen.“ Die Schwierigkeiten und Grenzen von aufklärerischem, also informierendem, differenzierendem und Empathie lehrenden Theater werden hier wunderbar performativ ausgespielt. Da löst sich die Einrahmung der Spielfläche durch das Publikum auf allen vier Seiten auch inszenatorisch ein.
Denn nun wird Johannes selbst zum Aktivisen, Flo Sohn macht im Dialog mit dem Publikum auf weitere Hintergründe aufmerksam. Er berichtet vom Vizepräsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft von 1931 bis 1933, Konrad Adenauer, und von der indonesischen Unabhängigkeit 1945 sowie von der Bandung-Konferenz von 1955, bei der asiatische und afrikanische Länder Selbstbestimmung und Unabhängigkeit forderten. Der weltpolitisch hochaktuelle „Geist von Bandung“ beendet das Spiel denn auch im chorischen Dialog; das Laufband ist von der Bühne verschwunden, doch Jenny Groß als Vanessa läuft und läuft. Eine am Ende packende Uraufführung – die einen langen Anlauf benötigte.