Foto: „Zornfried“ von Philipp Krebs am Staatstheater Kassel mit Statisterie, Mitglieder des Staatsorchesters. © Sylwester Pawliczek
Text:Vera John, am 19. April 2026
Wie könnte eine rechtsnationale Kultur klingen? Die Uraufführung „Zornfried“ von Philipp Krebs nach dem Roman von Jörg-Uwe Albig besingt am Staatstheater Kassel Deutschtum und Nationalromantik. Die kritische Botschaft dahinter kommt an. Der Inszenierung von Kerstin Steeb fehlt es aber an überraschenden Momenten.
Die Bläser triumphieren, das Schlagwerk braust, die Freifrau singt von Heimat, Stolz und Eichen. Die haben es ihr angetan. Pilze, Moos, Dickicht sind dem Baum der Bäume Untertan, damit er Raum und Licht bekommt. Denn „es zahlt sich aus, wenn der Stärkste sein Recht bekommt“.
Deutschtum und Nationalromantik werden in der Oper Zornfried von Philipp Krebs besungen. Sie beruht auf dem gleichnamigen Roman von Jörg-Uwe Albig, der auch das Libretto zur Oper geschrieben hat. Die Handlung: Journalist Jan Brock (spöttisch: Aljoscha Langel) hat in einer Rezension den rechten Dichter Storm Linné (vergeistigt: Filippo Bettoschi) verrissen. Jetzt wird er auf Burg Zornfried eingeladen, wo der Dichter lebt. Er wittert die große Story und lässt sich von Burgherrin Wilhelmine Freifrau von Schierling herumführen (arrogant: Maren Engelhardt). Er trifft auch auf deren Sekretär Matzek (blasiert: Johannes Strauß), der eine Wehrsportgruppe führt. Als die Journalistin Jenny Zerwien (anbiedernd: Annabelle Kern) auftaucht, sieht er seine exklusive Story gefährdet und lässt sich immer mehr in die rechte Gedankenwelt hineinziehen.
Fiktive Podiumsdiskussion
Die Oper beginnt allerdings nicht mit der eigentlichen Handlung, sondern mit einer fiktiven Podiumsdiskussion. Intendant Florian Lutz behauptet, dass beim Bau der neuen Spielstätte des Staatstheaters Kassel Überreste einer spätmittelalterlichen Burg gefunden worden seien. Die Experten streiten: Wie erhaltenswert ist dieser Fund? Und was ist die Aufgabe des Theaters, das darüber entstanden ist? Soll es jegliche gesellschaftlichen Strömungen präsentieren oder muss es mitte-linksgerichtet die Demokratie verteidigen?
Mit diesem gedanklichen Überbau geht es nach rund einer Viertelstunde in das Operngeschehen. In seiner Komposition zeigt Philipp Krebs, wie eine rechtsnationale Kultur klingen könnte. Er lässt die Melodie wie Richard Wagner unendlich fließen, es gibt keine Arien, keine einzelnen Nummern. Das Staatsorchester Kassel (Leitung Viktor Jugović) webt einen Klangteppich, der je nach Situation mal die Waldromantik unterstützt, dann das völkische Denken bedeutungsschwer kommentiert. Doch in der Musik sind von Beginn an Dissonanzen zu hören, elektronische Gitarren- und Synthesizer-Klänge.
Vielfältige Interimspielstätte
Die Sänger agieren übertrieben. Das R rollt zu sehr, T und K explodieren am Ende der Wörter. Und die bedeutungsschwangeren Sätze werden in sinnlosen Wiederholungen und grotesken Details veralbert. Wenn etwa die Freifrau und ihr Sekretär ihre Liebe zu Hirse singen – das „wirklich deutsche Essen“ (die Kartoffel gab es ja noch nicht im Mittelalter). Dazu wirbeln etliche dienstfertige blond-bezopfte Töchter der Freifrau als Statisten herum und kochen, seufzen, winken. Und die blonde Wehrtruppe von Matzek turnt mit nackten Oberkörpern und einem germanisch stilisierten W auf der rechten Brust.

„Zornfried“ von Philipp Krebs nach dem Roman von Jörg-Uwe Albig am Staatstheater Kassel mit Johannes Strauß (Matzek) und Statisterie. Foto: Sylwester Pawliczek
Regisseurin Kerstin Steeb nutzt bei der Inszenierung die vielfältigen Möglichkeiten der im Oktober neu eröffneten Spielstätte. Das Publikum sitzt auf einer Drehbühne und schaut zunächst in Richtung Burg, deren Zinnen und Torbögen in abstrakten weißen Stoffbahnen an den Wänden hängen. Wenn die Freifrau die Journalisten in den Wald führt, nimmt sie das Publikum mit. Es wird auf der Bühne gedreht und findet sich in einer riesigen Projektion von Bäumen und Tieren wieder.
Inzwischen gehören zu fast jeder Kasseler Produktion auch „Adventure-Seats“. Bei Zornfried sitzt ein Teil der Zuschauer am Rand der Bühne. Sie dürfen bei der Tafelrunde feierlich zu Gitarrenmusik und Streichquartett um den runden Weihe-Altar laufen und Gedichte vorlesen.
Aha-Moment bleibt aus
Die Kritik an rechtsnationaler Kultur ist auf allen künstlerischen Ebenen offensichtlich.
Genau wie die an den Medien. Journalist Brock will entlarven und lässt sich am Ende doch vereinnahmen. Seine Berichterstattung befeuert erst das Interesse der anderen Reporter. Journalistin Zerwien berichtet unkritisch in den sozialen Medien und singt von Anfang an das rechte Lied mit, im wahrsten Sinne des Wortes, während Brock bis kurz vor Ende eine Sprechrolle hat.
Die Botschaft kommt an. Aber ein überraschender Aha-Moment bleibt aus. Daran ändern auch die Fackeln nichts, die zum Schluss weihevoll auf die Bühne getragen werden. Am meisten Applaus gibt es für die musikalische Leistung von Orchester und Sängern.