Drei Personen auf einer Bühne, schwarz-englisch-viktorianisch gekleidet, eine mit einem Schirm scheinbar in starkem Wind, einem Sturm sitzend

Psychologischer Schauer-Thriller

Benjamin Britten: The Turn of the Screw

Theater:Theater Ulm, Premiere:11.04.2026Vorlage:Henry JamesAutor(in) der Vorlage:The Turn of the ScrewRegie:Hinrich HorstkotteMusikalische Leitung:Panagiotis PapadopoulosKomponist(in):Benjamin Britten

Am Theater Ulm inszeniert Hinrich Horstkotte Benjamin Brittens Oper „The Turn of the Screw“ als schaurige Geistererzählung in düsterer, englischer Viktorianik. Die Story, Brittens narrative Musik und die Inszenierung sorgen für regelmäßige Rückenschauer.

„Malo will ich lieber sein“, singt Miles in Benjamin Brittens Oper „The Turn of the Screw“. Die Verwendung dieses Lieds als Merkhilfe für den Latein-Unterricht funktioniert hier ziemlich genial. Miles, die Jungen-Hauptfigur singt es zu seiner Gouvernante: Malo – „Ich würde lieber sein“ (lat. Verb malle), Malo – „der moralisch Schlechte“ (lat. malus), oder Malo – „Unheil“ (lat. malum). Das ist eine von Brittens mehrdeutigen Wendungen in dieser Oper mit Myfanwy Pipers Libretto nach Henry James‘ gruseliger Novelle von 1898, Vorlage für zahlreiche mediale Nachahmungen: ein Radio-Hörspiel, Filme und Fernsehserien (zuletzt „Haunting of Bly Manor“ auf Netflix).

Die Story führt in ein düsteres viktorianisches England. Und in eine schaurige Geschichte: Auf dem Landsitz Bly übernimmt eine Gouvernante im Auftrag des Vormunds die Obhut über Flora und Miles. Gemeinsam mit der Haushälterin Mrs. Grose trägt sie die Verantwortung für die Kinder. Hinrich Horstkotte (Inszenierung und Ausstattung) führt das Publikum hinein ins Düstere der englischen Viktorianik: Eine schummrige Bühne, ein großer Raum, Salon, Lern- und Gruselzimmer in einem, zeitlich passende Kostüme, die Gouvernante ganz in Schwarz, ernst und streng. Die Türen sind übergroß, monströse Scheiben geben den Blick aufs Land frei. Und auf die Geister, die bald schon erst als Schemen im Hintergrund und dann immer nahbarer durch die Wände von der Seitenbühne in die Realität der Figuren dringen.

Moral und emotionale Distanz

Das ist gutes Storytelling, auch in Spiel und Musik. Sitzt Peter Quint – er ist der Bösewicht, real oder imaginiert – schon verdeckt hinter der Zeitung mit der Gouvernante im Zug auf ihrem Weg zum Landsitz? Mit Auf- und Ab-Bewegungen mimt sie das Ruckeln des Waggons, singt über ihre ehrliche Aufregung und Vorfreude. Wie wird es auf Bly sein? Werden sie und die Kinder sich verstehen, werden sie brav, werden sie gut sein? Strenge Moral und emotionale Distanz in der Erziehung sind eine Grundlage dieses Psycho-Thrillers.

Bald sitzen hier nicht nur eine Schraube, sondern mehrere im geregelten Leben locker. Zwar zielt „The Turn of the Screw“ übersetzt nicht genau auf dieses deutsche Sprichwort ab, sondern bezeichnet das Verschlimmern einer bereits schlechten Situation („die Daumenschrauben anziehen“ nach ursprünglichen Foltermethoden). Doch passt diese Bezugnahme hier sehr gut.

Pädophilie und Besitzanspruch

Peter Quint nämlich, der ursprüngliche Valet, also Herrendiener, und die vorherige Gouvernante Miss Jessel, die beide bei einem Unfall ums Leben kamen, suchen das Anwesen als Gespenster heim. Mit bleichen Gesichtern, wirren Haaren, blutender Kopfwunde und steifen Bewegungen wandeln sie über die Bühne. Die namenlose Gouvernante kann sie sehen (Maria Rosendorfsky mit agil-weichem Sopran), die Kinder werden offensichtlich von ihnen heimgesucht.

Wie Jonas Dausend (Solist der St. Georgs Chorknaben Ulm) scheinbar mühelos als Miles die Partie singt und spielt, ist beeindruckend. Als Flora steht Sungeun Park dem frech und trotzig als Flora in nichts nach. Quint (Markus Francke) derweil, der Miles wie durch unsichtbare Fäden in den Bewegungen lenkt, soll herrisch gewesen sein, dominant und hatte eine Beziehung mit Miss Jessel. Miles soll er auch sehr nahe gewesen sein, zu nah.

ein Junge am Klavier mit dem Rücken zum Publikum, dahinter geisterhaft ein Mann, der stumm ins Publikum spricht

Markus Francke (Quint) und Emanuel Dausend (Miles).

Das ist nicht nur in der Oper gruselig, sondern legt in Hinblick auf Benjamin Brittens Leben eine psychologische Deutung nahe. Der englische Komponist und Pianist schrieb einen Großteil seiner Musik für oder über Kinder, machte sie wie in dieser Oper zu Protagonist:innen, und war auch selbst gern im Mittelpunkt von Kindern, seine pädophilen Neigungen zu Jungen sind kein Geheimnis. Dieses Gefühl von Besitzergreifung, sexueller und emotionaler Neigung und Abhängigkeit – „The Turn of the Screw“ legt das alles in einer deutungsreichen Weise frei, die einem in Horstkottes Inszenierung regelmäßig Schauer über den Rücken jagt. Der Regisseur legt diese ungelenk-übergriffigen Annäherungen, den Drang nach Nähe frei. Blicke, Gesten, Haltungen – gerade das, was aus Scham, Trotz oder Unfähigkeit ungesagt bleibt, muss man im Verhalten der Figuren lesen.

Psychologisches Spiel

Die Acht Szenen, die Britten als eine Art Spiegel zueinander in den zwei Akten angelegt hat, sind von musikalischen Zwischenspielen unterteilt. Horstkotte nutzt sie für ein klassisches Erzählspiel der Szenen, zwischen denen der Vorhang immer wieder auf und zu geht. Mal zögerlich, mal nur halb, dann sich zügig bewegend, funktioniert dieser Vorhang fast schon als eigene Figur. Er lässt die Zuschauer:innen nur Teile der Bühne erspähen, bevor ihnen vielleicht weitere Geheimnisse offenbart werden. Im Zweiten Akt legt Horstkotte den Fokus auf ein psychologisches Spiel: Aus dem einen Fensterrahmen sind viele geworden, die Figuren bewegen sich in Parallelwelten. Gleichzeitig dient das große Fenster als Spiegel der Szenen, in dem Statist:innen jede Bewegung als Abbild des eigenen Verhaltens und Vorbild für die Kinder auf der hinteren Bühne nachahmen.

Es ist eine interessante Kammeroper, die in dieser Inszenierung lohnt. Panagiotis Papadopoulos leitet das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm sicher im Graben. Bei Britten ist jedes Instrument selber Erzähler, spielen die Streicher:innen den inneren Sturm der Gouvernante, läuten die Röhrenglocken zur Geisterstunde und deutet die Pauke mit Pulsschlägen den Ablauf der Zeit. „The Ceremony of Innocence is drowned“, singt Quint, ein Text, den Myfanwy den im Buch stummen Geistern aus „The Second Coming“ des Dichters William Butler Yeats auf den Leib gedichtet hat. Unschuldig, das ist klar, ist hier niemand mehr.